Dem Wunder und Zauber der „Stillen und Heiligen Nacht“, der sich in der Aufstellung von Krippen versinnbildlicht, vermag sich kaum einer zu entziehen. Selbst die Stürme der Aufklärung und Säkularisation konnten der Tradition, figurenreiche Krippen in hoher künstlerischer Qualität für Kirchen und Privathäuser zu gestalten, nichts anhaben – so lautet es im Vorwort zu „Sebastian Osterrieder. Der Erneuerer der künstlerischen Weihnachtskrippe“ von Hermann Vogel. Von eben jenem Künstler Osterrieder steht ein frühes Werk in der Pfarrkirche Darstellung des Herrn in Aschau. Bis heute obliegt es einigen wenigen Männern, diese Krippe alljährlich in der Adventszeit aufzustellen und bis Mariä Lichtmess im Februar mit vier wechselnden Bildern zu präsentieren.
Von obliegen will Wast Aicher (64) nicht sprechen: „Es war uns halt schon immer wichtig.“ Mit „uns“ sind neben ihm selbst noch Günther Berger und Siegi Genzinger – beide mittlerweile leider verstorben – sowie der Aschauer Kunstmaler Franz Feistl und der ehemalige Mesner Walter Genzinger gemeint. Inzwischen ist es auch für seine beiden Söhne Tobias und Markus selbstverständlich, beim Krippenaufbau mitzuhelfen. Die Krippe, 1902 „im Ernst’schen Eckladen am Kohlenmarkt vom Künstler Osterrieder in uneigennützigster Weise zum Besten des Elisabethenvereins in Regensburg aufgestellt“, wurde von Theodor von Cramer-Klett angekauft, heißt es im Buch über den Krippenkünstler. Zehn Jahre später schenkte der Urgroßvater des heutigen Freiherrn Ludwig von Cramer-Klett der Aschauer Pfarrkirche besagte Krippe.
Große Bewunderung
für die Krippe
Schon in Regensburg habe die Krippe wegen der Kunstfertigkeit samt elektrischer Beleuchtung für große Bewunderung gesorgt. Jahrein, jahraus wurde die Krippe dann mit hoch aufstrebender Palastruine in der Aschauer Pfarrkirche vom Advent bis Lichtmess im hinteren Teil der Kirche unter der Empore ausgestellt. Schon als er Ministrant war, erzählt Aicher weiter, habe er gern mitgeholfen, die Krippe mitsamt ihren detailgetreuen Figuren und Tieren vom Dachboden über das Heilig-Geist-Loch herunterzuholen. Durch diese Öffnung in der Decke des Langhauses fährt Jesus an Christi Himmelfahrt gen Himmel, aber die Öffnung diente schon immer auch profanen Zwecken. „Das war immer ein ganz schöner Aufwand“, erinnert sich Aicher. Zwischenzeitlich hatte dann der Aschauer Kunstschmied Thedy Metzler ein Gestell gebaut. Auf diesem kam die Krippe zu stehen. Allein der Abbau und Aufbau des Gestells habe gedauert. Irgendwann habe der ehemalige Pfarrer Winkler dann erlaubt, wenigstens das Gestell das ganze Jahr über in der Kirche stehen zu lassen. Seit Anfang der 80er-Jahre waren es vornehmlich Berger und Genzinger sowie eben der junge Wast Aicher, die das Aufstellen der Krippe übernahmen. Diese Krippenverbundenheit hat auch schon abgefärbt auf die nächste Generation, lacht Tobias Aicher (38). Zusammen mit seinem Bruder Markus ist er seit einigen Jahren mit von der Partie und darf zumindest schon beim grobmechanischen Teil mithelfen. „Das feinere, die Detailarbeit, dafür ist der Vater zuständig“, sagt Markus Aicher. Wast Aicher nickt, das brauche Zeit, das könne man nicht mal eben so schnell hinstellen. Das habe früher der Günter gemacht, jetzt ist es an ihm. Ursprünglich war es nur das eine Bild, das die Osterrieder Krippe ausmachte.
Vier Szenen vor drei
Hintergrundbildern
Mittlerweile sind es vier Szenen vor drei Hintergrundbildern: Los geht es am ersten Advent mit der Herbergssuche. Dieses erste Bild, eine Heide-Anzieh-Krippe, wie es im Fachjargon heißt, handelt von der Herbergssuche. Der Kunstmaler Franz Feistl hat dafür nicht nur den passenden Hintergrund mit orientalischer Landschaft gemalt, sondern auch weitere Figuren wie den Wirt und die schwangere Maria auf dem Esel geschaffen. Der Josef ist echt Original Osterrieder, betont Aicher, auch Nebenfiguren wie Soldat und Hirten sind noch Originalbestand. Bis zum Heiligabend sind es rund ein Dutzend Personen, die die Krippe beleben. Ab dem 24. Dezember werden es dann mehr: In der originalen Osterrieder Krippe treten dann über 20 Figuren auf, die das Jesuskind in der Krippe anbeten. Früher waren es wohl mal über 40 Figuren, weiß Aicher.
Mit Heilig Drei König wird dann noch mal aufgestockt: Da sind die Heiligen Drei Könige mit ihrem Gefolge. Elefant, Kamele, Geschenke und mehr. Zwei Wochen später kommt das kargste Bild: die Flucht der Heiligen Familie vor dem Hintergrund des Palastes von Herodes und seinen Soldaten. Alle Figuren und Hintergrundbilder habe der Franz Feistl im vergangenen Jahr „zum Gotteslohn“ restauriert, lobt Aicher. Er selbst sei ja nur für das Aufstellen verantwortlich.
Wer sich in die Osterrieder Krippe versenkt, wird liebevolle Details ausmachen. Die kleinen Hartguss-Figuren, jeweils 25 bis 30 cm hoch, wirken täuschend echt. Allein schon wie sich die Blicke von Maria und Josef liebevoll auf das Jesuskind richten, nimmt ein. Inniglich auch, wie Maria mit ihrer linken Hand das Jesuskindlein berührt. Einige Hirtenfiguren können ihre bayerische Statur nicht verleugnen. Neben Schafen und Ziegen lagern Rinder auf der Weide. Das Orientalische, das man in späteren Krippen Osterrieders findet – und davon gibt es laut amtlicher Zählung an die 200 –, ist hier nur in Ansätzen auszumachen.
Die nächste Generation Krippen-Aufsteller steht bereit, einige Wünsche haben sie auch schon: Statt des Plexiglases rund um das Gestell bruchsicheres Glas, das sei pflegeleichter. Und man könnte die Krippe als solches weiter stehen lassen und mit neuen Szenerien wie eine Fastenkrippe in der Passionszeit oder die Hochzeit von Kanaan ausstatten. Wünsche, die kostspielig sind, aber sich vielleicht doch mit Gottes Hilfe umsetzen lassen. Mit einer Krippe vermengen sich Tradition, Handwerkskunst und Glaube. Kripperlschauen lohnt sich jedes Jahr wieder. elk