Zeit für Geschichten – vom gemeinsamen Lesen profitieren

von Redaktion

Buchstaben sind der Zugang zur Welt. Und Lesen der Schlüssel, der diesen Zugang ermöglicht. Gerade um die Weihnachtszeit herum, wenn ein Abend lang und die Atmosphäre gemütlich ist, kommt dem Vorlesen eine besondere Bedeutung zu – aber nicht nur dann. Schon immer und über alle Kulturkreise hinweg wurde Kindern vorgelesen. Früher, weil es nur wenige gab, die überhaupt lesen konnten und heute, weil man weiß, wie wichtig auch Vorlesen für den Erwerb von Sprache und Sprachkompetenz ist. Und natürlich auch, weil es eine wunderbare Art der Gemeinschaft ist, sich zusammenzusetzen und eine Geschichte zu entdecken. In der Stadtbibliothek Rosenheim gibt es für Kinder spannende Angebote zum Thema Vorlesen.

Und das nur zurecht: Denn wie wichtig Vorlesen ist, belegen zahlreiche Studien zum Thema. Eine zentrale Untersuchung ist etwa der „Vorlesemonitor“ der Stiftung Lesen. Er flankiert jedes Jahr den bundesweiten Vorlesetag im November. Die aktuellen Ergebnisse aus dem vergangenen Oktober zeigen, dass 32,3 Prozent der Kinder im Alter von einem bis acht Jahren selten oder nie vorgelesen wird. Im Gegensatz dazu lesen 67,7 Prozent der Eltern mit Kindern in diesem Alter regelmäßig vor. Obwohl sich die Vorlesezahlen in Richtung des Vor-Pandemie-Niveaus erholt haben, besteht Grund zur Sorge: Vor allem bei ganz kleinen Kindern, die noch nicht in die Kita gehen, und bei älteren Kindern, die gerade mit dem Lesenlernen beginnen, fehle es an Vorleseimpulsen in der Familie, so die Stiftung Lesen.

Lesen in Gemeinschaft –
Vorteile für die Kinder

Vorlesen ist dabei weit mehr als nur eine schöne Abendroutine. Die Studie zeigt, dass Vorschulkinder, denen oft vorgelesen wird, später leichter lesen lernen und allgemein motivierter sind, sich mit Büchern zu beschäftigen. Zudem haben sie bessere Voraussetzungen, selbst Freude am Lesen zu entwickeln – eine wichtige Fähigkeit in einer von Medien geprägten Welt.

Die Stadtbibliothek Rosenheim hat mit den Lesefröschen bereits vor einigen Jahren ein Angebot geschaffen, das genau an dieser Stelle einhakt: Kinder in einer beschaulichen Gruppe „einfängt“, sie für Sprache und Bücher begeistern und eine Stunde lang in verschiedene Welten eintauchen lassen will. Jede Woche sind es drei bis vier andere Geschichten aus dem schier unerschöpflichen Fundus der Bücherei, die hier am Mittwochnachmittag gelesen und gehört werden. Michael Bauer ist einer von sechs Vorlesepaten. Seit 2020 nimmt er sich im Wechsel mit anderen ehrenamtlichen Vorlesern Zeit für die Lesefrösche. Eingerahmt von Bücherregalen sitzen die Kinder dann auf orangefarbenen Sitzkissen um die graue Couch im zweiten Stock und hängen an den Lippen der beiden Vorleser.

Sich den Weg zur
Geschichte erarbeiten

Schon während seiner Berufsjahre stellte Michael Bauer fest, dass sich Lesen und Leseverständnis in eine ungünstige Richtung entwickelt haben, wie er sagt. „Jetzt bin ich im Ruhestand, habe Zeit und möchte etwas davon zurückgeben“, so der ehemalige Deutschlehrer. Er engagiert sich deshalb auch anderweitig und vielseitig für die Stadtbücherei. Was ihm das Vorlesen gibt? „Besonders schön ist für mich, dass die Kinder und wir Vorleser uns den Weg zu einer Geschichte gemeinsam erarbeiten,“ erklärt der Rosenheimer. Da wird über Bilder gesprochen und über Passagen diskutiert, manchmal sind auch Musikinstrumente im Einsatz. Ein besonderes Gemeinschaftserlebnis nicht nur für die Kinder.

Zwischen Juni und September wandern die Lesefrösche auch nach draußen, in den Rosenheimer Riedergarten – und das nicht nur wegen des schönen Wetters, wie Birgit Graf erklärt. Die Mitarbeiterin der Stadtbibliothek betreut und koordiniert die Arbeit der Vorlesepaten und erzählt:

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