Leise summend beugte sich Lena über das weiche Moos und stellte das kleine Schäfchen neben den Hirtenjungen. Es war der 23. Dezember und sie und ihr Vater stellten eben ihre Krippe auf. Sie lächelte und sah auf das kleine Jesuskind, das in einer hölzernen Krippe mit etwas Heu lag. Ihr Blick wanderte weiter zu Maria und Josef. Die Mutter des Jesuskindes saß neben der Krippe. Josef, der Vater, stand auf seinen Stock gestützt daneben und begutachtete seinen Sohn liebevoll. Neben der Plastikpalme, die Lena aus ihrer Spielzeugkiste beigesteuert hatte, kam eine Bäckersfrau heran. Auf ihrem Kopf trug sie zwei Brote auf einem Tablett. „Wahrscheinlich bringt sie Maria und Josef etwas zu essen“, dachte Lena. Dann kehrte ihr Blick wieder zu dem Hirtenjungen zurück. Er war kleiner als die übrigen Männer, die mit ihm die Schafe hüteten. Sechs Schafe besaßen sie. Und ein kleines Lämmchen. Eben jenes, das Lena neben den Hirtenjungen platziert hatte. Lenas Blick haftete an dem Jungen und begutachtete seine Gesichtszüge. Er schien zufrieden zu sein. Ein kleines Schmunzeln versteckte sich in seinen Mundwinkeln. Plötzlich schreckte sie zurück. Hatte er ihr gerade zugeblinzelt?
„Lena? Kommst du mit, einkaufen?“, drang die Stimme ihrer Mutter an ihr Ohr. „Ja, Mama, ich komme!“, antwortete Lena ihrer Mutter und lief an ihrem Vater vorbei zu ihrer Mutter in den Hausgang, um sich die Jacke anzuziehen. „Bis später, Papa!“ „Bis dann, ihr zwei“, antwortete ihr Vater aus dem Wohnzimmer.
Im Supermarkt tummelten sich Massen an Menschen. Lena griff nach der Hand ihrer Mutter, um zwischen den vielen Leuten nicht verloren zu gehen. Alle schienen noch schnell etwas kaufen zu müssen, bevor die Geschäfte für die Feiertage schließen würden. Auf einmal sah Lena ein bekanntes Gesicht. Es war Ava und ihre Mutter. Ava war ein paar Tage vor den Weihnachtsferien in ihre Klasse gekommen. Ihre Lehrerin hatte erzählt, dass Ava und ihre zwei älteren Brüder mit ihrer Familie aus Afghanistan kamen. Dort herrschte Krieg und die Familie musste flüchten, um sich in Sicherheit zu bringen. Nur ein paar Tage später hatte Lena erfahren, dass Ava in dem Haus neben ihnen wohnte. Ava stand neben ihrer Mutter und deutete auf einen Joghurt mit bunten Smarties. Doch ihre Mutter schüttelte nur den Kopf und starrte dann mit ratlosem Blick auf die vielen Etiketten. Dann griff sie ihre Tochter an der Hand und zog sie weiter. Als Lena mit ihrer Mutter am Kühlregal vorbeikam, deutete sie auf den Joghurt mit den Smarties: „Darf ich den haben, Mama? Als Nachspeise für morgen?“ Ihre Mutter seufzte und Lena wusste, was nun kommen würde: Smarties waren ja so ungesund! Doch stattdessen nickte ihre Mutter: „Ausnahmsweise. Weil Weihnachten ist.“ Freudig griff Lena nach dem Becher und legte ihn in den Einkaufswagen. An der Kasse bemerkte Lena, dass Ava mit ihrer Mutter noch immer bei dem Regal stand, das nach der Kühltheke kam. Ava sah traurig zu dem Joghurt hinüber.
Daheim angekommen, starrte Lena aus dem Fenster. Es dauerte ziemlich lange, bis sie Ava und ihre Mutter erkannte, die zusammen eine Einkaufstasche trugen. Beide starrten auf den Boden und beeilten sich, ins Haus zu kommen. Die Nacht brach herein. Lena warf einen gespannten Blick auf die Uhr. Bald würde es Zeit sein, ins Bett zu gehen und wenn sie morgen erwachte, war er da, der Heilige Abend. Der Abend, auf den sie schon so lange hinfieberte.
Es war noch dunkel, als Lena erwachte. Die Aufregung hatte sich in ihrem Inneren breitgemacht und die Müdigkeit vertrieben. Schnell stieg sie aus dem Bett und eilte in ihrem Nachthemd die Treppe hinunter. Mama und Papa schliefen noch. Leise schlich sie ins Wohnzimmer. In der Krippe flackerte ein winziger Schein. Hatten ihre Eltern vergessen, die Kerze zu löschen, bevor sie ins Bett gegangen waren? Aber nein. Da leuchtete keine Kerze. Lena trat näher und hätte vor Schreck fast aufgeschrien. Der kleine Hirtenjunge, den sie gestern in die Krippe gestellt hatte, befand sich nicht mehr an seinem Platz. Er lief umher, die klitzekleine Laterne in seiner hölzernen Hand schwankte und warf einen orangenen Schein über die anderen Figuren, die außer ihm alle stillstanden. „Wo bist du?“, tönte seine Stimme durch das stille Zimmer. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen und drehte sich langsam zu ihr um. Beide starrten sich erschrocken an. „H…Ha…Hast du vielleicht ein kleines Schaf gesehen?“, fragte er nach einigem Zögern. „…Was?“, fragte Lena verdattert. Träumte sie? Der Junge seufzte und zog die Augenbrauen hoch. „Hast. Du.“ Er zeigte mit dem Finger auf sie „Ein. Kleines. Schaf. Gesehen?“ Seine Hände kreisten in die Luft: „Vier Beine. Mäh. Mäh?“
„Äh. Nein.“, stammelte Lena. „Oh, nein!“ Der kleine Hirte griff nach seinem Hut, riss ihn von seinem Kopf und knetete ihn verzweifelt in den Händen. „Gestern, als du es zu mir gestellt hast, war es noch da. Und seit heute Morgen ist es verschwunden. Was soll ich nur tun?“ „Wir werden es suchen! Los, komm mit!“ Eine jähe Entschlossenheit hatte Lena gepackt, von der sie nicht wusste, woher sie kam.
„Aber wo sollen wir denn beginnen?“, fragte der Hirtenjunge verzweifelt. „Es ist doch so klein und kann in eurem riesigen Haus überall sein!“ Lena schüttelte den Kopf. „Oben kann es nicht sein. Dafür müsste es die Treppen hinauf fliegen können…“
„Lena? Bist du hier?“ Die Stimme ihrer Mutter! Alarmiert starrte Lena in die Richtung, aus der die Stimme ihrer Mutter zu ihr tönte. Dann auf den kleinen Hirten. Er musste verschwinden! Schnell griff sie nach ihm. „He! Was hast du vor?“, schrie er. Doch bevor er seinem Protest noch weiter Ausdruck verleihen konnte, hatte Lena die Plätzchendose geöffnet, den Hirten hineinfallen lassen und den Deckel geschlossen. „Was tust du denn hier?“ Ihre Mutter stand in der Tür und knipste das Licht an. Sie hatte die Arme in die Seiten gestemmt. Einige Falten bildeten sich auf ihrer Stirn. Lena griff nach der Plätzchendose. „Ich… ich hatte auf einmal so einen Hunger auf Plätzchen. Und deswegen konnte ich nicht mehr schlafen.“ Ihre Mutter schmunzelte: „Na komm, wir gehen wieder hoch. Etwas Zeit bis zum Aufstehen bleibt noch. Sonst hältst du heute Abend nicht durch.“ Lena nickte. „Ich komme gleich, Mama.“ Als sie hörte, wie sich die Tür schloss, öffnete sie die Dose. Der kleine Hirtenjunge saß inmitten der Plätzchen. Zornig blickte er zu ihr hoch. „Musstest du mich in diese Dose sperren? Ich wäre fast erstickt!“ Doch dann löste sich sein Zorn. „Hilfst du mir heraus?“ Lena griff vorsichtig nach ihm. „Ich habe Hunger“, verkündete er, nachdem sie ihn auf der Tischdecke abgesetzt hatte. Lena überlegte und griff dann in die Dose und hielt ihm ein Plätzchen entgegen. „Kokosmakrone?“ Misstrauisch beäugte die lebende Krippenfigur das Gebäck. „Was ist das denn?“ „Plätzchen“, antwortete Lena. „Sie schmecken einfach himmlisch. Aber die gab es bei euch vermutlich noch nicht.“ Sie legte das Plätzchen vor ihm ab. Der Hirte marschierte einmal um die Süßigkeit aus Kokos herum. Sie war fast halb so groß wie er. Dann beugte er sich hinab und biss hinein. „Mmh!“, rief er aus. „Das ist ja köstlich!“ Sogleich nahm er einen weiteren Bissen und kaute genüsslich. Lena schüttelte verwundert den Kopf. Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine Krippenfigur beobachtet, die Plätzchen verspeiste! „Ich komme später wieder. Dann suchen wir das Schaf. Du kannst dich ja inzwischen ins Moos legen und deine Makrone essen.“ Der Hirte nickte und Lena ging wieder die Treppe hinauf in ihr Zimmer und legte sich in ihr Bett.
Sie musste eingeschlafen sein. Als sie erwachte, lugte die Sonne durch die Ritzen des Rollladens in ihr Zimmer. Lena schüttelte verwirrt den Kopf. Hatte sie das mit dem Hirten geträumt? Aber nein, sie war doch ins Wohnzimmer gegangen… Etwas anderes war in ihrem Traum vorgekommen: Sie hatte sich gesehen, wie sie bei Ava klingelte, den Joghurt mit Smarties bei sich. War das ein Zeichen? „Ich werde Ava einfach besuchen und herausfinden, was es mit dem seltsamen Traum auf sich hat“, beschloss Lena und zog sich an. Sie ging nach unten, um zu frühstücken. Ihr Blick fiel auf die Krippe und sie staunte. Der Hirtenjunge stand wieder genau an der Stelle, an der sie ihn platziert hatte. Nur, dass sein Gesicht jetzt nicht mehr zufrieden aussah, sondern besorgt. Fast unmerklich schien er ihr zuzunicken. „Lena. Alles in Ordnung?“, fragte ihr Vater und sie nickte schnell. Hastig schlang sie ein halbes Brötchen hinunter und öffnete dann den Kühlschrank, um den Joghurt herauszuholen. „Ich besuche Ava kurz!“, rief sie ihrer Mutter zu, die überrascht nickte. „Aber bleib nicht zu lange, wir müssen noch einiges vorbereiten!“
Eine Minute später klingelte sie an dem Haus nebenan. Ava öffnete die Tür und sah Lena erstaunt an: „Lena? Was machst du denn hier?“ Lena zog den Joghurtbecher hinter ihrem Rücken hervor. „Ich wünsche dir frohe Weihnachten, Ava.“ Die dunklen Augen des Mädchens blitzten, als sie die Milchspeise entgegennahm. „Danke, Lena. Das… ist echt nett von dir.“ Avas Mutter erschien in der Tür. Sie wechselte einige Worte mit ihrer Tochter, die Lena nicht verstand. Dann wandte sich Ava wieder an sie: „Meine Mutter fragt, ob du nicht hereinkommen willst?“ „Oh ja, gerne“, freute sich Lena und betrat das Haus.
„Was gibt es bei euch heute Abend?“, fragte Lena und sah zu Avas Mutter, während sie von dem Tee trank, den Ava ihr hingestellt hatte. „Leider nicht viel“, antwortete Ava zerknirscht. „Wir waren gestern einkaufen und haben nicht alles gefunden, was wir gebraucht hätten. Mamas Deutsch ist noch nicht so gut…“ Bedauern stieg in Lena auf, als sie Avas Mutter dabei zusah, wie sie in der Küche hantierte. Und da kam ihr eine Idee. „Kommt doch zu uns heute Abend! Wir würden uns freuen. Und wir haben sicher mehr als genug zu essen.“ Avas Augen begannen zu leuchten. Sie erhob sich und ging zu ihrer Mutter in die Küche. Lena hörte, wie sie einige Worte wechselten. Dann kehrten beide zurück. Lena blickte in das Gesicht von Avas Mutter. Sie strahlte und sagte etwas. Ava übersetzte: „Es würde uns wirklich sehr freuen. Aber wir wollen euch wirklich nicht zur Last fallen…“ Lena schüttelte den Kopf. „Nein, das tut ihr wirklich nicht! Wir freuen uns! Und ich muss jetzt, glaube ich, wieder gehen. Wir sehen uns dann heute Abend?“ Die beiden geleiteten sie zur Tür. Als Lena am Fenster neben der Haustür vorbeikam, stutzte sie. Da stand es, das kleine Schäfchen! Wie war es denn hierhergekommen? Sie zeigte mit dem Finger darauf. „Ich… ich glaube, das gehört uns.“ „Wirklich?“, fragte Ava überrascht. „Heute Morgen war es plötzlich da. Ich habe gleich gewusst, dass es nicht zu uns gehört.“ Sie griff nach der Figur und drückte sie Lena in die Hand.
Am Abend nach der Kinderchristmette fand sich Avas Familie bei ihren Nachbarn ein. Avas Mutter hatte ein afghanisches Gebäck zubereitet. Während Lena und Ava begeistert die Würstchen mit Kartoffelsalat mampften, lauschten sie den Gesprächen der Erwachsenen. Obwohl Avas Eltern nicht sehr gut Deutsch sprechen konnten, schienen sich die Erwachsenen trotzdem zu verstehen und lachten gemeinsam. Später las Lenas Vater die Weihnachtsgeschichte und Ava und ihre Brüder übersetzten sie für ihre Eltern. Es wurde das schönste Weihnachtsfest, das Lena und Ava je gefeiert hatten. Das Schäfchen in der Krippe stand wieder neben dem Hirtenjungen, der ihr zulächelte. „Unsere Krippe scheint dieses Jahr noch mehr zu strahlen wie sonst…“, flüsterte Lenas Mutter ihrem Vater andächtig zu, als sie die Krippe mit Ava und ihren Eltern betrachteten. Ava lächelte Lena zu. „Ich habe den Joghurt wieder mitgebracht. Wollen wir ihn uns später teilen?“
Die Geschichte ist dem Buch „Weihnachten am Ufer des Inns“ entnommen.