Historische Schnitzeljagd

von Redaktion

Die historischen ersten Ausgaben des Rosenheimer Wochenblatts sind wie eine Schnitzeljagd. Sie gewähren Einblicke in den Alltag jener Zeit und enthalten Hinweise sowie gelegentliche Rätsel.

Mitte des 19. Jahrhunderts, mit der Entstehung der liberalen, kapitalistischen Gesellschaft, waren viele Menschen voller Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Eine Zukunft, in der jeder die Chance hatte, aufzusteigen. In diesem Artikel wollen wir mit Auszügen aus dem Wochenblatt ein Bild der sozialen und kulturellen Gegebenheiten in Rosenheim entwerfen. Eine Spurensuche.

Rosenheim, Januar 1855. Die Preise für Getreide und Korn auf den Schrannen (Märkten) der Region schwanken zu Beginn des Jahres leicht. Dank des neuen Anzeigenblattes können die Bürger die Preisunterschiede nun genau verfolgen. Zwischen 30 Gulden, 24 Kreuzern und 31 Gulden, 42 Kreuzern muss man für einen Schäffel bezahlen – eine regionale Maßeinheit, die etwa einem großen Sack entspricht.

Bürgerfeuer und Herrenback

Mit dem Mehl wird hauptsächlich Brot gebacken. Doch weil viele über keinen eigenen Ofen verfügen, heizen die Bäcker, wie sie es in Rosenheim seit jeher tun, regelmäßig das „Bürgerfeuer“ an. Dann können die Bürger ihr Brot zum Bäcker bringen und backen oder backen lassen. Das Bürgerfeuer diente traditionell dazu, die Grundversorgung zu sichern. Und dann gibt es noch die andere Kategorie, das „Herrenback“: Meistens sonntags stellen die Bäcker mit hochwertigen und ausgesuchten Zutaten feinste Backwaren her, die für die wohlhabenden Bürger gedacht sind.

Zwar ist die Feudalgesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts in Bayern weitgehend Geschichte. Doch das seit dem frühen Mittelalter tief verwurzelte Stände-Denken, das zwischen adeliger Oberklasse, den Geistlichen und einer Unterklasse aus Bauern und Bürgern unterscheidet, ist aus den Köpfen und aus dem Alltag noch nicht vollständig verschwunden. Auch wenn man Mitte des 19. Jahrhunderts spürt, dass sich die Zeiten ändern.

Zahl der Armen und Besitzlosen wächst

In Rosenheim stehen die „Rathsgeschlechter“, ähnlich den Patriziern, nach wie vor ganz oben in der
Hierarchie. Sie bestehen aus einflussreichen und wohlhabenden Familien, haben meist sogar ein eigenes Wappen und geben Stellung und Besitz an ihre Nachkommen weiter.

Doch die Patrizier engagieren sich oft auch wohltätig in der Stadt, finanzieren Denkmäler und Stiftungen, unter anderem zur Armenhilfe. Denn die Zahl der Besitzlosen und Armen wächst seit Anfang des 19. Jahrhunderts in ganz Europa stetig. In manchen Regionen konnten sie sogar über 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen.

Die soziale Frage

Massenelend ist ein strukturelles Problem der vorindustriellen Zeit, in der die Bevölkerung wächst, die Nahrungsmittelproduktion jedoch zunächst nicht. Missernten verschärfen die Lage, die zu einer Mobilisierung der Massen und zur Revolution von 1848/49 führte. Viele Menschen haben nach wie vor keinen Zugang zu ausreichend Lebensmitteln, Wohnraum oder medizinischer Versorgung.

In Rosenheim gibt es zahlreiche Stiftungen, wie das „Spital für Arme“, das von Schenkungen und Vermächtnissen finanziert wird. Die „Zechpfenning-Anstalt“ unterstützt durchreisende Handwerksburschen. Außerdem gibt es eine „Jungfrauen-Stiftung“, mit deren Hilfe mittellose Mädchen und Mägde die Aussteuer finanzieren.

Hinweise auf die prekären Lebensumstände, unter denen viele Menschen leben, zeigen die Berichte über die Gerichtsverfahren im „Rosenheimer Wochenblatt“. Denn es sind oft Lebensmittel und einfache Gebrauchsgegenstände, die sie entwenden und dafür sogar Freiheitsstrafen in Kauf nehmen.

In der Nacht von 26. auf den 27. Oktober 1854 schlägt der Tagelöhner Simon W. das Schloss eines abgeschlossenen Stalls auf und klaut „drei Paar Wasser-Stifel und ein Paar Holzschuhe“. Er wird zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. (Aus dem Wochenblatt vom 14. Januar 1855)

Im Januar 1854 bemerkt Viktoria H., die Besitzerin eines kleinen Ladens, dass Korn und Weizen im Wert von etwa 15 Gulden aus ihrer Tenne und einem Getreidekasten gestohlen wurden. Der Diebstahl wurde durch zwei ihrer Mägde, Maria B. und Rosina M., durchgeführt, die angaben, dass sie das Korn entwendet hatten, weil sie bei ihrer Arbeitgeberin nicht ausreichend zu essen bekamen. Sie wollten das Korn mahlen lassen und Brot daraus backen. (Aus dem Wochenblatt vom 7. Januar 1855)

Die Dienstmagd Barbara E. wird beschuldigt, während ihrer Dienstzeit immer wieder Lebensmittel wie Getreide, Mehl und Schmalz gestohlen zu haben. Sie wird zu vier Monaten Gefängnis verurteilt. Die Verfahrenskosten kann sie wegen Mittellosigkeit nicht tragen. (Aus dem Wochenblatt vom 14. Januar 1855)

Auch die Tatsache, dass einige traditionelle Handwerksberufe von der maschinellen Fertigung verdrängt werden, trägt zur großen Verelendung bei. Noch halten die Zünfte Hand über das Gewerbe in Rosenheim. Doch ihre Zeit neigt sich dem Ende zu.

Das Ende der Zünfte

Seit Jahrhunderten vertreten die Zünfte die Interessen der Gewerbetreibenden in Rosenheim. Sie schaffen Standards und Regeln für die handwerkliche Ausbildung, setzen Qualitätsstandards für Produkte und Dienstleistungen und vertreten die Interessen ihrer Mitglieder in der Politik.

Die älteste bekannte Zunftvorschrift in Rosenheim stammt von den Schuhmachern aus dem Jahr 1460. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts scheint der „Zunftzwang“, der eine Mitgliedschaft vorschreibt und die Zahl der Handwerker festlegt, dem Fortschritt im Wege zu stehen. Dabei haben die Zünfte seit jeher auch zur sozialen Absicherung ihrer Mitglieder beigetragen und waren ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Lebens in der Stadt.

Die Zünfte fördern auch eine lebendige Wirtshauskultur. Jede Zunft hat eine eigene „Herberge“ in einem Wirtshaus der Stadt, erkennbar an dem Handwerksschild aus Holz oder Blech, das über dem Tisch hängt.

Hier finden sich wandernde Gesellen auf der Suche nach Arbeit ein, es werden Streitigkeiten geschlichtet und Feste gefeiert.

Auch im Kirchenjahr spielen die Zünfte eine große Rolle. Jede Zunft hat ihren eigenen Schutzheiligen und stiftet oft Altäre oder Messen zu deren Ehren. Bei Prozessionen führten sie ihre Zunftstangen mit sich.

Doch der Zunftzwang passt nicht zu den Liberalisierungs- und Reformbewegungen der Neuzeit. Zeichen dieser neuen Zeit, in der wirtschaftliches Wachstum, Mobilität und Wettbewerb den Markt bestimmen, finden sich im Rosenheimer Wochenblatt von 1855.

So gibt es mehrere Anzeigen des Apothekers Walch, der unter anderem seine „aromatisch-medizinische Kräuterseife“ bewirbt und sich von der Konkurrenz abhebt:

„Die aromatisch-medizinische Kräuter-Seife nimmt nach den beglaubigten rühmlichen Beurteilungen hochachtbarer Ärzte und Privatpersonen durch ihre bis jetzt von keiner Seife erreichten Vorzüge sowohl durch ihre Heilkraft als auch ihre überraschende Wirkung bei jeder selbst jahrelang vernachlässigten Haut, unter allen vorhandenen derartigen Fabrikaten den ersten Rang ein.“ (Rosenheimer Wochenblatt vom 7. Januar 1855)

Auch andere Unternehmer wie der Maler Max Treleano nutzen das Amtsblatt, um eine breitere Kundschaft auf seine innovative Arbeit aufmerksam zu machen. Er bietet die neuartige Technik der Glasplatten-Fotografie an:

„Unterzeichneter empfiehlt sich Jedermann in Anfertigung von Glas-Photographie-Portraits in sprechender Ähnlichkeit und zu den billigen Preisen von 1 fl. bis 3 fl., je nach Größe und Ausführung.“ (Rosenheimer Wochenblatt vom 21. Januar 1855)

Medium des Bürgertums

Über das Amtsblatt konnten die Unternehmer mit ihrer Werbung neue Zielgruppen erreichen und hatten einen Vorteil im wachsenden Wettbewerb. Das Wochenblatt selbst, das eigentlich als Sprachrohr der Regierung gedacht war, entwickelt sich dabei immer mehr zum Medium des Bürgertums.

Ein kritischer Beitrag über ein Wandertheater sticht dabei aus den üblichen Bekanntmachungen und Anzeigen besonders hervor. Er gibt einen Einblick in die Wortwahl und den Habitus einer bestimmten sozialen Klasse: dem Bildungsbürgertum.

„Manch heitere Stunden, manchen Genuss verschaffte uns die unter der Direktion des Herrn Göller sich hier befindliche Schauspieler-Gesellschaft. Wahrhaft rühmenswert ist das Bestreben des Herrn Göller, sich die Achtung und den Beifall des Publikums nicht sowohl durch Anschaffung und Instandhaltung einer glänzenden Garderobe und durch die Auswahl guter Stücke, sondern auch durch die Solidität seiner Gesellschaft zu erwerben.“ (Rosenheimer Wochenblatt vom 14. Januar 1855)

Weiter unten im Text werden neben dem Leiter der Gruppe, Herrn Göller und seiner Frau auch einzelne Darsteller ausführlich gelobt oder scharf kritisiert. Zwei Darstellern wird sogar geraten, sich lieber einen anderen Beruf zu suchen. Unter der ersten im Wochenblatt veröffentlichten Kulturkritik unterzeichnen „Mehrere Theaterfreunde“.

Die Zeilen geben einen Hinweis auf die wachsende kritische Öffentlichkeit und die zunehmende Bedeutung der freien Meinungsbildung. Das Bürgertum ist der Antrieb dieser gesellschaftlichen Modernisierung des 19. Jahrhunderts.

Kunst, Kultur und insbesondere das Theater sind für die Bürger nicht nur Unterhaltung, sondern auch ein Ort der Bildung und des Austauschs.

In den Aufführungen spiegeln sich ihre Werte und Ideale wider, zu denen neben der Hochschätzung von Leistung auch ein bestimmtes Familienideal, moralische und ästhetische Grundsätze sowie eine Vereinskultur gehören, in der sich gleichberechtigte Individuen freiwillig zusammenschließen.

In Rosenheim gibt es seit 1825 einen eigenen Theaterverein. 1893 gründen Mitglieder des Gebirgstrachten-Erhaltungsvereins das „Rosenheimer Volkstheater“.

Das Bürgertum ist jedoch keine einheitliche soziale Gruppe. Es setzt sich aus alten Kaufmannsfamilien, Industriellen, Handwerkermeistern (Wirtschaftsbürgertum), Lehrern und Professoren, Ärzten, Anwälten oder Schriftstellern (Bildungsbürgertum) zusammen.

Gleiche Rechte für alle

Und doch eint sie alle eine gemeinsame Idee: die Vorstellung einer Gesellschaft, in der alle Staatsbürger gleiche Rechte haben. Sie wollen Mitspracherechte, wirtschaftliche Freiheit von staatlicher Kontrolle und eine unabhängige Presse.

Auch das Rosenheimer Wochenblatt entwickelt sich so von seinem ursprünglichen Zweck, einem offiziellen Verkündungsorgan des Königlichen Landgerichts Rosenheim, zu einer ab 1876 täglich erscheinenden Zeitung.

Große und kleine Meilensteine zeugen in diesen Jahren vom gesellschaftlichen Umbruch: Mit dem Eisenbahnanschluss 1858 nimmt die Industrialisierung an Fahrt auf, was sich unter anderem 1861 im ersten Herbstfest mit Industrieausstellung zeigt.

1863 endet die Dunkelheit, denn die Straßen Rosenheims werden nun mit Gas beleuchtet. 1864 wird Rosenheim offiziell zur Stadt erhoben. 1868 wird das bayerische Gewerbegesetz eingeführt, und damit werden die Beschränkungen der Zunftordnung endgültig aufgehoben. 1871 wird Wilhelm I. von Preußen im Spiegelsaal von Versailles zum Kaiser ausgerufen.

Es muss eine aufregende, manchmal vielleicht auch beängstigende Aufbruchstimmung in Rosenheim Mitte des 19. Jahrhunderts geherrscht haben: eine Zeit, in der jahrhundertealte Traditionen abgeschafft werden und technische Neuerungen den Alltag revolutionieren. Doch es ist auch eine Zeit der großen strukturellen sozialen Probleme, des massenhaften Elends und sozialen Neids. All das offenbart sich im Rosenheimer Wochenblatt.

So sind der eigentliche Schatz am Ende dieser Schnitzeljagd eben diese historischen Dokumente. Denn diese ersten Ausgaben aus dem Jahr 1855 geben zwar einen kleinen und unvollständigen, aber dafür authentischen Einblick in das Leben in Rosenheim vor 170 Jahren.

Lesen Sie am Montag, 3. Februar, den letzten Teil unserer Sonderserie zu den Anfängen des Rosenheimer Amtsblatts .

Natalie Frank, In Zusammenarbeit mit

Untold History Marketing

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