Ära voller Veränderungen

von Redaktion

Die bahnbrechenden Fortschritte in Wissenschaft und Technologie im 19. Jahrhundert veränderten für die Menschen in Europa wirklich alles. Bald ist es nicht mehr der Lauf der Sonne, der den Tag strukturiert, sondern die Arbeitszeiten der Fabriken, die minutengenauen Fahrpläne der Eisenbahn und die ab 1872 im ganzen Deutschen Reich synchron tickenden Armbanduhren.

Telegrafenstation in
Rosenheim ab 1863

Die Evolutionstheorie von Darwin (1859) löste die Vorstellung ab, dass alle Wesen von einem göttlichen Schöpfer abstammen und dank der ersten Telegrafenstationen (in Rosenheim ab 1863) wurde es auf einmal möglich über kilometerweite Entfernungen hinweg zu kommunizieren.

Wie das Leben vor all diesen Veränderungen war, ist heute kaum noch vorstellbar. Doch dank des „Rosenheimer Wochenblatts“ bekommt man zumindest eine Ahnung davon, wie es war, als die Uhren neu gestellt wurden. Nutzen wir also ein paar der kuriosen, aber auch interessanten Meldungen aus den ersten Ausgaben als historische Wurmlöcher für eine kleine Zeitreise.

Rosenheimer Wochenblatt vom 15. Januar 1855: Betreffend: Fund einer Leiche in Veitshöchheim. „Der Magistrat Rosenheim und sämtliche Gemeindevorsteher, sowie das Sicherheitspersonal werden auf die Regierungs-Ausschreibung vom 21. Dezember 1854 (…) mit der Aufforderung aufmerksam gemacht, zur Ausmittlung der Persönlichkeit dieser Leiche Erkundigungen einzuziehen und ein allfälliges Ergebnis binnen 14 Tagen anher zu berichten. Fehlanzeigen sind nachgelassen.“

Auf Mithilfe der
Bürger angewiesen

Gerade in Mordfällen ist die Polizei im 19. Jahrhundert oft auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen. Wissenschaftliche Methoden wie Fingerabdrücke oder Ballistik sind noch nicht entwickelt, auch wenn es bereits erste Ansätze in der Gerichtsmedizin gibt und zum Beispiel Leichen obduziert werden. Zeugenaussagen sind jedoch zu dieser Zeit fast das einzige Beweismittel für eine Tat.

Reform des
Strafrechts

Seit Beginn des Jahrhunderts wird das seit dem Mittelalter gültige Inquisitionsverfahren, bei dem der Richter auch Ankläger, Ermittler und Verteidiger war, schrittweise zu einem modernen Strafrecht reformiert, in dem Indizien und Beweise an Bedeutung gewinnen und die Verhandlung fair und transparent ist. Lange war das Geständnis das höchste Ziel des Gerichts – um das zu erreichen, wurde auch gerne Folter angewandt.

Doch zurück zum Leichenfund bei Veitshöchheim: Ganz oben bei der Verbrechensaufklärung in Bayern im 19. Jahrhundert stehen die militärisch organisierten königlichen Gendarmen. Ihnen arbeiten die örtlichen Polizisten zu. Wahrscheinlich wurden auch sie zum Fall hinzugezogen, doch auch sie sind auf die Mithilfe der Bürger angewiesen. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass die Tat nie aufgeklärt wurde, wie so viele Mordfälle im 19. Jahrhundert.

Stoff für
Gruselgeschichten

Ganz bestimmt sorgt die Bekanntmachung im Wochenblatt jedoch für Spekulationen und liefert Stoff für Gruselgeschichten. Viele Menschen glauben damals fest daran, dass Seelen von Verstorbenen, die nicht in Frieden ruhen konnten, als Geister umhergehen und zum Beispiel als „Weiße Frauen“ auftauchen.

In den bayerischen Wäldern sollen sich außerdem noch andere Wesen herumtreiben, wie der „Wolpertinger“ – ein Mischwesen, der mal als Hase mit Geweih oder Ente mit Zähnen dargestellt wird. Er soll sich jedoch hauptsächlich von kleineren Tieren, Kräutern und Wurzeln und höchstens mal von „preußischen Weichschädeln“ ernähren.

Großes Problem:
Falschmünzerei

Rosenheimer Wochenblatt vom 10. Januar 1855: Der Magistrat und sämtliche Gemeindevorsteher sowie das Sicherheitspersonal werden auf die beiden Regierungs-Ausschreibungen vom 25. und 29. Dezember 1854 (…) aufmerksam gemacht, im nebenbezeichneten Betreffe gegen Verfertigung und Verbreitung der bezeichneten Münzen Spähe zu verfügen und im Entdeckungsfalle sogleich Anzeige anher zu erstatten.“ Falsche Münzen sind ein großes Problem im 19. Jahrhundert allgemein und im Marktflecken und Handelsumschlagplatz Rosenheim ganz besonders.

Auch, weil die Fälschungen oft täuschend echt sind. So werden zum Beispiel unedle Metalle zum Gießen verwendet und die Münzen dann mit einer dünnen Schicht des Originalmaterials überzogen. „Gefütterte Münzen“ nennt man diese Exemplare.

Wer jedoch dabei erwischt wird, dass er Falschgeld in Umlauf bringt, wird mit einer Geldstrafe allein nicht davonkommen. Bis in die frühe Neuzeit wird die Falschmünzerei als Angriff auf die Münzhoheit und damit als Majestätsbeleidigung gewertet. Diese wird mit Freiheitsentzug bestraft.

Bis zur Einführung des Bayerischen Strafgesetzbuchs 1813 stand auf Falschmünzerei noch das „Handabhacken.“ Auch der Verbrennungstod oder das Sieden in Öl kam laut der „Peinlichen Halsgerichtsordnung Karls V.“ in Betracht. Die sogenannte „Constitutio Criminalis Carolina“ war von 1532 bis Ende des Heiligen Römischen Reichs (1806) in Bayern die Grundlage des Strafrechts, ordnete sich jedoch landesrechtlichen Bestimmungen unter.

Rosenheimer Wochenblatt vom 3. Januar 1855: „Christian R., 31 Jahre alt, lediger Bauerssohn von Wald, Kreisgericht Mühldorf, versetzte am 24. Dezember 1853 dem Bauerssohn Michael K. von Oberwald ohne Veranlassung mittels einer Holzhacke mehrere Streiche über Kopf und Arm, in Folge dessen derselbe drei Tage arbeitsunfähig wurde. R. wurde wegen Vergehens der Körperverletzung, verübt mit einer Waffe, zu sieben Monaten Gefängnis und in die Kosten verurteilt.“

Fronfeste mitten in
der Altstadt

Aber wo landete man eigentlich, wenn man ins Gefängnis kam? Lange befand sich die „Fronfeste“, das Gefängnis des Rosenheimer Landgerichts mitten in der Altstadt. 1525 wurde im Rathaus ein Turm für „widerspenstige Bürger“ eingerichtet, in den Pöbler und andere Unruhestifter gesteckt wurden.

Zwischen 1856 und 1858 wurde an der Landstraße nach München und damit bewusst außerhalb des Stadtkerns ein neues Gefängnis gebaut. Doch mit der Eröffnung des neuen Bahnhofs 1876 und der rasant voranschreitenden Stadtentwicklung befand sich auf einmal auch das neue Zuchthaus mitten in einem belebten Stadtviertel. Viele Bürger fordern die Verlegung des Gefängnisses, sie fühlen sich vom Lärm und den Pöbeleien der Gefangenen gestört. Doch erst 1968 wird das Gefängnis aufgelöst und später abgebrochen.

Liederbuch für brave
Schüler

In den ersten Ausgaben des „Rosenheimer Wochenblatts“ findet sich außerdem folgende Anzeige: „In Verlage der Huber’schen Buchhandlung erschien soeben und ist durch alle Buchhandlungen zu beziehen: 14 drei- und vierstimmige Lieder, braven Schulkindern zur Erheiterung gewidmet und in Musik gesetzt von A. Heilingbrunner, Schullehrer und Organist in Wasserburg. Preis: 12 Kreuzer.“

Dem ein oder anderen dürfte der Name Anton Heilingbrunner heute vielleicht bekannt vorkommen, denn er ist der Namensgeber der Realschule in Wasserburg. Der 1783 in Moosburg geborene Lehrer und Pädagoge setzte sich nachhaltig für die Verbesserung der Schulverhältnisse in der Region ein, so war er 46 Jahre an der Volksschule in Wasserburg tätig und erreichte unter anderem, dass dort das ehemalige Fleischhaus in ein Schulgebäude umgebaut wurde. Zuvor waren die 250 Schüler in zwei Zimmern an zwei verschiedenen Standorten untergebracht.

Anton Heilingbrunner gab außerdem mehrere pädagogische Schriften und Schulbücher heraus. Von seinen 13 Kindern erreichten nur vier das Erwachsenenalter. Einer von ihnen, ebenfalls mit dem Namen Anton, folgt ihm als Lehrer in Wasserburg. Ob das im „Rosenheimer Wochenblatt“ beschriebene Liederbuch für „brave Schüler“ von ihm oder seinem 1849 verstorbenen Vater stammt, ist unklar.

In Rosenheim sind die Schulverhältnisse ähnlich: Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es eine Knabenschule mit drei Klassen, die in verschiedenen Gebäuden untergebracht sind. Die Mädchen werden von vier Novizinnen unterrichtet und die zuletzt 1841 wiedereröffnete Lateinschule, die für wohlhabende Familien gedacht war, musste wieder geschlossen werden.

Lehrermangel ein
Problem der Zeit

Ein Problem der Zeit ist der Mangel an Lehrern. Die Arbeitsbedingungen der Pädagogen gelten seit jeher als prekär. In früheren Zeiten mussten sie neben ihrem Beruf weitere Tätigkeiten ausüben oder als reisende Lehrer Almosen sammeln, um über die Runden zu kommen.

Großangelegte
Schulreform

Kurfürst (später König) Maximilian IV. Joseph und sein Minister Maximilian von Montgelas zielten mit einer groß angelegten Schulreform in Bayern zu Beginn des Jahrhunderts auf die Verbesserung dieser Missstände ab. Sie reduzierten den Einfluss der Kirche, stellten die Schulen unter staatliche Kontrolle, führten die allgemeine Schulpflicht und neue Standards für die Lehrerausbildung ein. Außerdem unterstützen sie die Lehrer mit staatlichen Zuschüssen und Landzuweisungen.

Lehrplan nach
Pestalozzis Ideen

Auch der erste in Bayern eingeführte Lehrplan ist fortschrittlich: Er ist von den Ideen Johann Heinrich Pestalozzis inspiriert und zielt darauf ab, die Kinder nicht nur in den grundlegenden Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu unterrichten, sondern auch ihre praktischen Fertigkeiten und Moralvorstellungen zu fördern.

Freude der Kinder
im Mittelpunkt

Über allem stand außerdem die „Freude der Kinder“ im Mittelpunkt. Die Reformen legten die Grundlage für das moderne bayerische Schulsystem.

Neue Rechte und
Freiheiten erkämpft

Zurück in die Gegenwart, ins Jahr 2025. Vieles, was für uns heute selbstverständlich ist, von der Idee der Rechtsstaatlichkeit über das Bildungssystem bis zum durchgetakteten Rhythmus unseres Lebens, ist auf die Umbrüche und Errungenschaften des 19. Jahrhunderts zurückzuführen.

Auch die Wurzeln des Oberbayerischen Volksblatts reichen in diese turbulente Ära zurück, in der Traditionen und Strukturen hinterfragt und neue Rechte und Freiheiten erkämpft wurden. Das OVB ist ein Kind dieser revolutionären Zeit. Auf die 170 Jahre wechselreiche und lehrreiche Geschichte können wir stolz sein – und immer wieder Neues lernen.

Natalie Frank

In Zusammenarbeit mit

Untold History Marketing

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