Wie erkennt man Touristen in Paris? Das sind die Menschen, die an der roten Ampel warten und immer wieder staunend nach oben blicken. Okay, Ersteres ist mehr als sinnvoll bei dem Verkehr in Paris. Und Zweiteres mehr als verständlich. In Paris gibt es einfach viel zu Staunen.
Einen absoluten Wow-Effekt hat mir Solene von Help Tourists beschert. Als die junge Stadtführerin mir die Passagen von Paris gezeigt hat. 1799 ist die allererste entstanden. In einer Zeit, in der neue Erfindungen frischen Wind ins damals recht gammlige Paris brachten. Maschinen unterstützen Menschen bei der Arbeit, wodurch diese plötzlich so etwas wie Freizeit hatten. Und die Wohlhabenden kreierten die Bourgoisie, eine gehobene Gesellschaft, die sich mehr und mehr isolieren wollte vom Pöbel.
So verlangten nach Einkaufsparadiesen. Und die wurden ihnen geschaffen, in den über 150 Passagen im 1., 2. und 9. Arrondissement. Eine eigene „Stadt in der Stadt“ entstand.
Heizung und Lampen
Der Bau der Passagen war für damalige Verhältnisse supermodern. Hier fanden die Pariser:
1. Schutz vor dem Wetter: Die Passagen boten Schutz vor dem „Dreck und dem Krach der Gosse sowie den Unbilden der Natur“ und ermöglichten es den Intellektuellen und reichen Parisern, in einer angenehmen Umgebung und trockenen Fußes einkaufen zu gehen.
2. Entstehung neuer Jobs: Schon mal was von den Baumstammträgern gehört? Solene erklärt, dass man so die Menschen nannte, die dicke Baumstämme für die betuchte Oberschicht bereithielten und ihnen vor die schicken Schuhe und über die oft von Kloake überschwemmten Straßen legten. Andere wiederum verdienten sich spontan als Schuhputzer, hielten am Passageneingang Bürsten bereit, mit denen sie die verschmutzten Stiefel säuberten, bevor die Flaneure die exklusiven Einkaufsräume betraten.
3. Architektonische Innovation: Wunderschön sind sie, die Passagen, aufwendig verziert, aber auch hochmodern für die damalige Zeit. Die Erbauer der überdachten Einkaufsstraßen nutzten neue Baumaterialien wie Eisen und Glas, was zu einzigartigen Konstruktionen mit Glasdächern und künstlicher Beleuchtung führte. Manche verfügten sogar schon über Fußbodenheizungen. Die Begeisterung für Licht und Wärme aber führte in manchen Passagen dazu, dass Besucher ohnmächtig wurden. Schuld waren undichte Gasheizungen.
4. Soziale Treffpunkte: Die Passagen entwickelten sich zu beliebten Orten zum Flanieren, Verweilen und Ratschen. So beschreibt der deutsche Philosoph Walter Benjamin in seinem „Passagen-Werk“, dass es 1839 elegant war, beim Promenieren in den Passagen eine Schildkröte mit sich zu führen. Abgefahren und super exklusiv halt. Gleichzeitig aber liebten auch viele Freigeister und Künstler die Passagen. Sie wurden zur Inspirationsquelle für Philosophen und Literaten (Heinrich Heine soll staunend „mit dem Kopf im Nacken und der Brille auf der Nase“ durch die Passagen der Seine-Metropole spaziert sein), aber auch Post-Impressionisten und Surrealisten wie Pablo Picasso und Salvador Dalí waren Teil der Szene, die sich in den Passagen trafen.
Solene hat mich in die Passage Verdeau geführt. Eine Oase mitten im Trubel der Metropole. Es ist still, fast ehrwürdig hier. Alte Holztreppen führen von Antiquitätenläden in Privatbesitz in den engen Lagerraum direkt über dem Geschäft. Früher, erzählt die Stadtführerin, wurden diese engen Räume als Wohnungen genutzt. Wahrscheinlich sei das bis heute mit ein Grund, warum Pariser nie klagen, wenn sie in Mini-Wohnungen hausen müssten, scherzt sie. Die 1847 eröffnete Passage Verdeau gilt mit ihren kunstvollen Verzierungen an Säulen und Bögen, als ein Paradebeispiel des eleganten neoklassischen Stils. Trotz des einzigartigen Glasdachs ist sie ein verstecktes Juwel, da sie keinen direkten Zugang zu den Grands Boulevards hat.
Es gibt also noch schönere? Solene nickt. Als wir die Passage Jouffroy durchqueren, hört sie gar nicht mehr auf, zu erzählen. Wir stehen vor dem Hôtel Chopin, eines der ältesten Hotels in Paris, in dem Chopin gerne genächtigt haben soll und in das man sich bis heute einbuchen kann. Die Zimmer seien mini, mal wieder, scherzt Solene, doch der Ort der Übernachtung einzigartig.
Direkt daneben findet man das Wachsfigurenmuseum Musée Grévin. Es wurde zwei Jahre vor Madame Tussauds in London eröffnet, stellt in dem extravagant dekorierten Barockgebäude historische Schlachten täuschend echt nach. Analphabeten sollten so von den Ruhmestaten ihrer Herrscher erfahren.
Früheres
Rotlichtviertel
Solene zeigt auf eine riesige Uhr am Kopf der Passage. Ein wichtiges Zeichen der Säkularisierung, erfahre ich, da Uhren früher nur in Kirchen hingen. Warum hier eine installiert war? Da es eine Kutsche gab, die die Käufer am einen Ende absetzte und 45 Minuten später am anderen wieder abholte. Dann zeigt sie mir noch, wo die berüchtigte Goldbarren-Lotterie zu finden war, die sich als riesiger Betrug herausstellte. Und das „Buffet Américain“, ein Vorläufer der Fast-Food-Restaurants.
Von der Galerie Vivienne, die F.-J. Delannoy 1823 hinter der Bibliothek Richelieu errichteten ließ und die als allerschönste Passage von Paris gilt, gelangen wir zur Galerie de Bois im Palais Royal. Sie war, so erfahre ich, das Zentrum des Pariser Nachtlebens. Während man tagsüber in den schicken Arkaden shoppte, boten sich abends in der Allée des Soupirs (Seufzerallee) die schönsten Frauen aus verschiedenen sozialen Schichten zum Liebesdienst an. Philippe Égalité (ursprünglich bekannt als Louis-Philippe II. Joseph) gehörte die Galerie. Ein ziemlich schräger Vogel, der gerne feierte, aber auch mit den großen Intellektuellen debattierte. Er soll in „seiner“ Galerie de Bois der Polizei den Zutritt verwehrt haben und sich einen Ort der Versammlungsfreiheit, des ungezwungenen Austausches und der freien Liebe geschaffen haben. Nach der Passagen-Tour mit Solene bin ich vollgestopft mit wundervollen Eindrücken und ganz viel historischen Anekdoten. Noch nie war ein Stadtrundgang so kurzweilig.
Julitta Ammerschläger