Gesundheits- reisen:

Reise-Trend: Selbstfürsorge

von Redaktion

Wie man in Gesundheits-Resorts wie dem Kamalaya neue Energie tanken kann

Top-Team: Pranayama-Lehrerin Jyoti (o.), Ernährungscoach Tiah mit Ayurveda-Experte Unni (l.) und TCM-Arzt Bernie (u.).

Mal Zeit nur mit sich selbst verbringen, die Ruhe haben, der inneren Stimme lauschen zu können. Selbstfürsorge und heilendes Reisen liegen im Trend. Laut einer aktuellen Studie von booking.com sind 52 Prozent der Befragten an einem Urlaub im Gesundheitsretreat interessiert, das auf Tiefenrevitalisierung zielt. Was man auf einer Reise zu sich selbst erlebt? Wir haben es ausprobiert.

„Darf ich Ihnen eine ganz persönliche Frage stellen“, fragt Chris Harborne, der Besitzer des Kamalaya, als ich mit ihm auf einen Tee an der Bar sitze. „Wie lange würden Sie gerne leben?“ Ich antworte spontan: „Für immer. Ich fühle mich wie neu geboren, so leicht und voller Energie. Ich habe Lust auf einen Neustart.“ Was in mich gefahren ist? Ich bin im Healing Resort Kamalaya in Thailand. Und es hat voll angeschlagen.

Eigentlich bin ich ins Kamalaya gereist, um das Frauenprogramm dort zu testen. Radiant Bliss heißt es und spricht Frauen in der Perimenopause an. Früher hat man über die hormonellen Phase im Leben einer Frau nicht geredet. Heute ist das anders. Ich bin 48 und habe Lust, mich selbst in den Mittelpunkt zu rücken, mir Zeit zu nehmen, auf mich und meinen Körper zu hören. Midlife-Crises? Es fühlt sich nicht wie eine Krise, eher wie eine Befreiung an. Ein Loskommen vom ständigen Gefühl, für alle sorgen zu müssen. Den Haushalt wuppen, die Miete zahlen, den Kühlschrank füllen.

Jetzt bin ich gerade weit weg von diesem nie enden wollenden Aufgaben-Potpourri. Ich bin in einer Oase im Süden der quirligen thailändischen Insel Koh Samui gelandet. Hier gibt es keine Tuktuks, Feuershows und Partypeople. Hier zwitschern Vögel – und kunterbunte Schmetterlinge flattern durch die Luft. Und ich blicke auf einen Strand, der einfach nicht real sein kann, so schön ist er.

Es ist sieben Uhr früh, doch ausschlafen geht nicht. In meiner kleinen Villa gibt es keine Vorhänge. Man wacht hier mit der Sonne auf. Das ist so gewollt. Auch, dass man komplett außer Puste im Frühstücksraum ankommt. Das Kamalaya ist an einen steilen Berg gebaut. Zu Fuß kämpfe ich mich nach oben. Dass es langsam aufwärts mit mir geht, merke ich da noch nicht.

Als ich nach einem Kaffee frage, wird mir Detox Coffee serviert. Ohne Koffein, dafür mit Chicorée-Wurzeln und Löwenzahn. Der erste Schluck ist gewöhnungsbedürftig. Doch langsam klärt sich mein Blick. Ich staune über die Inseln in der Ferne, eine Bucht, eingerahmt von Palmen. Ich möchte meinem Lieben daheim ein Foto schicken, doch als ich das Handy zücke, bittet mich eine Mitarbeiterin freundlich, es wegzulegen. Digital Detox sei hier angesagt. Ich schlucke. Ob ich hier richtig bin?

Meinen Willkommens-Check-up übernimmt Tiah. Sie kommt aus Südafrika und strahlt heller als die thailändische Sonne über ihr sommersprossiges Gesicht. Ich werde vermessen, gewogen, gescannt. Und dann berichte ich von meinen ersten Zipperlein: Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte, Dauermüdigkeit. Tiah notiert, fragt nach und erklärt, ohne zu bewerten. Wir reden über meine Leidenschaft zu Spaghetti, meinem alltäglichen Hetzen zwischen Kinderbetreuung und Vollzeitjob. Auf die Frage, warum ich hier sei, antworte ich wie aus der Pistole geschossen: „Ich möchte mehr Energie haben, mehr leisten können.“ Tiah nickt und druckt dann einen Behandlungsplan aus, auf dem stehen nur schöne Dinge: Massagen etwa, eine für die Hand, eine fürs Gesicht, eine mit ganz viel Öl und eine mit Kräutern.

Chris Harborne lacht, als ich ihm von meinem Erstgespräch in seinem Resort erzähle. Er habe so ähnlich getickt wie ich, als er das erste Mal hier gewesen sei. Auch er habe sich optimieren wollen. Weniger schlafen, noch effizienter noch mehr Geld machen und dabei auch noch gut aussehen und einen göttlichen Körper bekommen. Er schüttelt den Kopf, meint: „Und dann hab ich hier im Kamalaya gemerkt, wie schön es ist, plötzlich still zu werden, in sich hineinzuhören, zur Ruhe zu kommen und das alles genießen zu können, ohne schlechtes Gewissen, weil man dem Nichtstun was abgewinnt.“ Zur Ruhe kommen? Es fühlt sich herrlich an.

Die Massagen kribbeln bis in alle Poren. Als mir Kräuter auf dem Bauch entzündet werden, um meinen Hormonhaushalt ins Gleichgewicht zu bringen, kichere ich unsicher. Doch ich bin bei Profis, kann meinen Kontrolltick wegpacken.

Loslassen kann ich auch bei Srinivas Bhat. Meinem Mental Coach. Der indische Mönch hat ein paar Fragen gestellt, die alle Schleusen öffnen. Ich erzähle von gescheiterten Patchworkversuchen, meiner Angst, was falsch zu machen, von meiner Kindheit. Und er fragt, ob ich mich gehört fühle. Und da sitze ich nun und schniefe. Und verstehe plötzlich, warum ich mich gerne so unter Druck setze, warum ich immer wieder versuche, noch mehr zu leisten, noch mehr geliebt zu werden. Srinivas legt die Hand auf meine Stirn und singt ein fremdes, liebevoll klingendes Lied und sagt mir, wie stolz ich auf mich sein kann. Es hat eine Menge in mir aufgewühlt, aber ich spüre, wie wichtig dieses Gespräch war.

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Ich fühle mich nicht mehr schwer und müde, sondern leicht, frei und neugierig auf das, was kommt.

Etwa meine Pranayama-Lehrerin. „Atme, vergiss nie zu atmen“, hat sie mir aufgetragen und gezeigt, wie man mit welcher Atmung zur Ruhe kommt und wie man sich selbst mit dem eigenen Atem wieder aktivieren kann. Auch Unni tut mir so gut. Der Inder ist Ayurveda-Profi, nach seinem Stirnguss bin ich weich und warm. Und lächle mir selbst zu. Die Ermunterung zur Selbstliebe ist es, die mich hier begeistert. Es geht gar nicht um Selbstoptimierung, ich muss gar nicht noch mehr aus mir rausholen, ich darf einfach sein.

Nach ein paar Tagen schwebe ich die steilen Wege im Kamalaya mehr hinauf, als dass ich sie hechle. Und ich lache laut mit Bernie, dem Arzt für Traditionelle Chinesische Medizin im Kamalaya. Er kommt aus Lippstadt, ist vor 12 Jahren nach Koh Samui ausgewandert, der Liebe wegen. Dort lernte er die Gründer des Kamalaya kennen. Karina Stewart, eine Ärztin, und John Stewart, der viele Jahre in Indien als Mönch gelebt hatte und spiritueller Richtungsgeber des Resorts war. Er habe ihm im Kamalaya die Höhle gezeigt, ein einzigartiger Kraftort, in dem buddhistische Waldmönche über Jahrhunderte gelebt haben. Bernie meditiert dort regelmäßig. Während er erzählt, klopft er mir Akupunkturnadeln in die Haut, am nächsten Tag packt er mir TCM-Medizin ein, damit ich mich frei mache von zu vielen Sorgen und Optimierungswahn.

Als ich abreise, drücke ich ihn fest. Stellvertretend für alle hier im Kamalaya. Ich habe eine Liste von Tiah mitbekommen, mit Alltagstipps, auf was ich achten, was ich mehr essen soll, mit welchen Pilatesübungen ich meinen Rücken stärke und wie ich atmen übe, damit die Energie mich durchströmt. Doch was ich vor allem mitgenommen habe, ist die herrliche Erkenntnis, dass ich mich voll und ganz auch mal nur um mich selbst kümmern darf. Julitta Ammerschläger

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