Elena tischt auf: feinster Karstschinken, serviert mit knusprigem Frico und schwarzen Oliven. Ein papriziöses Gulasch nach Görzischer Art („Wir verwenden die gleiche Menge Fleisch und Zwiebeln wie die Ungarn“). Cevapcici mit Polenta. Ein mit Pflaumen gefüllter Kartoffelkloß – in Butter geschwenkt mit Semmelbrösel und Zimt, typisch für die Böhmische Küche. Und Tiramisu, das berühmte Dessert, das Mitte der 50er-Jahre im rund 80 Kilometer entfernten Tolmezzo erfunden wurde.
Auf den ersten Blick scheint die Speisekarte im 1876 nahe der Piazza della Vitoria in Gorizia eröffneten Taverne Alla Luna ein eklektizistischer Mix zu sein, wahllos aus den Kochbüchern anderer Nationen zusammengestellt. Doch tatsächlich bekocht Elena Pintar ihre Gäste „so wie es unsere Großmütter schon gemacht haben. Unsere Küche ist ein Spiegelbild unserer Geschichte und Geografie“, erzählt die Restaurantbesitzerin, „ein Schnittpunkt der Kulturen“. Mediterrane Esskultur, Balkan-Küche und der Habsburger Geschmack prägten die gastronomische Tradition der Grenzregion. „Daraus entstanden all die Spezialitäten, die unser kulinarisches Erbe einmalig machen.“
Serviert werden die Köstlichkeiten im Dirndl – je nach Situation auf Italienisch, Furlanisch, Slowenisch oder Deutsch (man ist mindestens viersprachig). Das Gasthaus gleicht mehr einem Museum als einem Restaurant. Historische Speisekarten und Fotografien haben an den Wänden ihren Platz gefunden. Töpfe und Pfannen von überall schmücken die Theke. Dazwischen Weinflaschen aus dem Collio, Olivenöl aus Slowenien oder Essig aus Manzano. Das auf seine Art nostalgisch-liebenswürdigste Artefakt ist ein Schild, das man auch an mancher Ladentür im Zentrum findet, wenn der Besitzer kurz außer Haus ist: Ein Bildnis von Kaiser Franz Josef mit der Aufschrift: „Komme gleich wieder“. Die Erinnerung an „die gute alte Zeit“, als sich die Welt in „Österreichs Nizza“ traf, ist noch überall lebendig.
Seit 1500 gehörte die heutige Provinz Gorizia mit der gleichnamigen Hauptstadt und die Region Goriška mit der 1948 von Tito gegründeten sozialistischen Musterstadt Nova Gorica zur K- und K-Monarchie. Am südlichen Alpenrand gelegen, trafen sich hier seit jeher die Verkehrswege aus dem Isonzotal im Norden, dem Wippachtal im Osten, der Po-Ebene im Westen und der oberitalienischen Adria im Süden. Von der Geografie begünstigt gab es keine natürliche Grenze, die das Zusammentreffen von Deutschen, Slawen und Italienern hätte verhindern können. Im Gegenteil: Es wurde von der Politik des Vielvölkerstaats Österreich-Ungarn gefördert, und Görz, so der deutsche Name Gorizias, entwickelte sich zu einer blühenden multikulturellen Kleinstadt. Erst der aufkommende Nationalismus, die Machtübernahme Mussolinis und die beiden Weltkriege trieben einen Keil zwischen die Ethnien. Bis am Morgen des 16. Septembers 1947 Schluss sein sollte mit Multikulti.
Als Mauro Lebans Onkel an jenem Sonntagmorgen aus dem Haus trat, schickten sich auf dem Grundstück des Bauerns drei GIs an, den Hof mit weißer Farbe zu teilen: Nördlich der Linie, wo die Kuhställe, Holzschober und Felder standen, da war nun Jugoslawien. Das Wohnhaus südlich davon, wo die Familie seit Generationen lebte, Italien. Die Grenze hatten Politiker in Paris am Schreibtisch verhandelt. Sie ging durch Straßen und Plätze, Häuser und Höfe, trennte buchstäblich über Nacht Familien und Freunde. Das ganze Drama der Teilung zeigt eindrucksvoll ein Museum: Vis-à-vis von Mauros Hof, im ehemaligen Grenzhäuschen, erzählen Schautafeln, Multimedia- und Fotoinstallationen, wie sehr die Grenze das Leben der einfachen Leute auf den Kopf stellte.
„Einen Monat lang ging gar nichts“, erzählt Mauro. Dann wurde die Grenze begradigt, aber auch befestigt. Übertritt nur aus beruflichen Gründen. „Um an unsere Felder, Wiesen und Wälder zu kommen, brauchten wir einen Passierschein“. Und weil es nur einen offenen Übergang am ehemaligen Bahnhof gab, musste Mauros Großmutter drei Kilometer laufen, um das Brennholz zu holen, das in einem Unterstand, vielleicht zwanzig Meter vom eigenen Grundstück auf jugoslawischer Seite stand. Bis 1955 ging das so. Dann sorgte ein Abkommen mit Tito für Tauwetter: „Viermal im Monat durften wir nun unsere Verwandten auf der anderen Seite des Zaunes besuchen“, so Mauro. Besuche von Freunden waren nicht vorgesehen. Und auch, wenn sich die Situation an der Grenze im Laufe der Jahrzehnte entspannte, blieb sie bis 2007 bestehen. Dem Jahr, in dem Slowenien dem Schengener Abkommen beitrat und die 59 Jahre dauernde Trennung aufhob.
Die Erfahrung mit Teilung und Grenzziehung mag Ausschlag gewesen sein für die Idee „Go! 2025 borderless“. Zum ersten Mal werden sich zwei Städte zweier Länder als eine grenzübergreifende Europäische Kulturhauptstadt präsentieren. Ein Novum, das auch Weltstars begeistert. Am 8. Juli etwa tritt Sting in der Villa Manin auf. Robbie Williams, Alanis Morissette und Patti Smith folgen. 2025 sollte man unbedingt nach Gorizia reisen. Sven Rahn