Gezielte Orientierung lohnt sich

von Redaktion

Interview mit Rosenheims Arbeitsagentur-Leiterin Dr. Nicole Cujai

In Rosenheim herrscht eine große Vielfalt an Ausbildungsberufen. Das bietet Chancen, macht aber auch eine Berufsorientierung umso wichtiger. Die OVB-Heimatzeitungen haben mit der Leiterin der Rosenheimer Agentur für Arbeit, Dr. Nicole Cujai, gesprochen.

Wie ist die Situation in Rosenheim auf dem Ausbildungsmarkt?

Wir haben in der Stadt und dem Landkreis Rosenheim – wie in vielen Regionen in Deutschland – seit mehr als zehn Jahren einen sogenannten „Bewerbermarkt“. Das heißt, es sind mehr Ausbildungsplatzangebote gemeldet, als junge Leute, die eine Lehrstelle suchen. Doch auch auf unserem Ausbildungsmarkt gibt es junge Menschen, die nicht in ihren Wunschberuf einmünden, sei es, weil sie sich zu spät auf die Suche machen oder zu wenig flexibel mit Blick auf mögliche Alternativen sind oder weil Anforderungen des Betriebs und des jungen Menschen nicht zusammenpassen.

Wir möchten die jungen Frauen und Männer deshalb einladen, möglichst früh zu unseren Kolleginnen und Kollegen von der Berufsberatung Kontakt aufzunehmen. Dies kann direkt in der Schule oder über die Rosenheimer Rufnummer 202-222 erfolgen. Die Berufsberaterinnen und Berufsberater sprechen dann mit den Ausbildungssuchenden über deren besondere Stärken und Interessen und helfen dabei, den richtigen beruflichen Weg und dementsprechend auch den passenden Ausbildungs- oder Studienplatz zu finden. Und es lohnt sich hier schnell zu sein, denn wer sich früh bewirbt, hat die größte Auswahl – und häufig auch die Chance den Traum-Ausbildungsplatz zu finden. Denn es gibt auch Berufsfelder wie Landwirtschaft und Gartenbau, Körperpflege oder Softwareentwicklung und Programmierung, in denen mehr Bewerberinnen und Bewerber als Ausbildungsplätze gemeldet sind.

Welche Branchen sind in Rosenheim stark in Sachen Ausbildung und wie groß ist hier die Vielfalt der Ausbildungsberufe?

Berufsgruppen, in denen im letzten Berufsberatungsjahr von Oktober 2023 bis September 2024 bei der Agentur für Arbeit Rosenheim viele Ausbildungsberufe gemeldet waren, waren die im Verkauf sowie für Industriekaufleute und Kaufleute Büromanagement sowie Industriemechaniker, IT-Systemelektroniker, Bankkaufleute, Kfz-Mechatroniker, Elektroniker Betriebstechnik, Feinwerkmechaniker sowie medizinische und zahnmedizinische Fachangestellte.

Die Vielfalt der Berufsbilder, aus denen Jugendliche im Raum Rosenheim wählen können, ist groß: Im letzten Berufsberatungsjahr haben die Betriebe aus der Stadt und dem Landkreis Rosenheim der Agentur für Arbeit betriebliche Ausbildungsstellen in mehr als 60 Berufen genannt. Hinzu kommen schulische Ausbildungen, beispielsweise in den Berufen Gesundheit, Soziales und Erziehung, die auch für die Zukunft gute Perspektiven bieten.

Im Jahr 2025 wird es aufgrund der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium einen massiven Rückgang der Abiturientenzahlen geben. Gehen Sie davon aus, dass dies zu einem einmaligen Mangel an potenziellen Auszubildenden führen wird?

Von einem einmaligen Mangel an potenziellen Auszubildenden können wir bei zahlreichen Berufen nicht reden, da es auf dem Ausbildungsmarkt in unserem Agenturbezirk bereits seit mehr als zehn Jahren in vielen Bereichen mehr angebotene Ausbildungsplätze als Bewerberinnen und Bewerber gibt.

Der fehlende Anteil an
Abiturientinnen und Abiturienten kann den Mangel an Bewerberinnen und Bewerbern in einigen Ausbildungsberufen sowie im Freiwilligendienst noch verschärfen. Von den 1355 Bewerberinnen und Bewerbern für Ausbildungsstellen aus der Stadt und dem Landkreis Rosenheim, die im Berufsberatungsjahr vom 1. Oktober 2023 bis 30. September 2024 bei unserer Berufsberatung gemeldet waren, strebten 143 – oder 10,6 Prozent – eine (Fach-)Hochschulreife an. Der Anteil ist damit vergleichsweise gering und die jungen Menschen, die eine Fachhochschulreife machen, fallen in diesem Jahr nicht weg.

Viele Jugendliche treten nach der Schule zunächst Praktika oder andere Übergangsmaßnahmen an, anstatt direkt eine Ausbildung zu beginnen. Dies verzögert den Eintritt in den Arbeitsmarkt: Können Messen hier bei der Berufsorientierung helfen?

Messen sind immer eine gute Gelegenheit für Jugendliche, um sich zu orientieren und mit einem potenziellen Arbeitgeber in Kontakt zu kommen. Auf der Messe gewinnt man einen ersten Eindruck von dem Arbeitgeber, kann in einem lockeren Austausch Erkundungen einholen und bekommt eine kleine Vorstellung von den dort angebotenen Berufen. Super ist es natürlich, wenn Arbeitgeber und Schüler gleich konkret zusammenfinden.

Ein Überbrückungsjahr, in welcher Form auch immer, kann aber durchaus sinnvoll für den ein oder anderen Jugendlichen sein, um sich mit Blick auf die Ausbildungsreife noch weiterzuentwickeln und zu festigen.

Es gibt viele Möglichkeiten, um zu überbrücken. Zu erwähnen sind hier Freiwilligendienste, ein freiwilliger Wehrdienst, ein Au-pair-Einsatz oder jobben. Letzteres dient neben Praktika dazu, verschiedene Berufe und Betriebe besser kennenzulernen. Man schnuppert in die Arbeitswelt, kennt seine eigenen Fähigkeiten am Ende besser und nimmt direkt am Arbeitsleben teil.

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