Zuerst sieht alles noch harmlos aus: Erwartungsfrohe Menschen säumen die Straßen von Ivrea, einer 25000-Einwohner-Kleinstadt, eine gute Autostunde nördlich von Turin. Ein Zug aus verkleidetem Fußvolk und etwa 50 geschmückten Wagen mit je etwa zehn Trachtenträgern obendrauf bewegt sich am Faschingssonntag langsam durch das historische Zentrum. Doch warum verbergen sich die Trachtenträger auf den Wagen unter riesigen Helmen mit großem Sichtfenster, wie sie sonst Schweißer tragen? Und wieso stehen auf Ivreas vier Hauptplätzen meterhohe Kisten-Reihen, randvoll mit Orangen? Ach ja, und weshalb haben viele der Zuschauer rote Mützen auf, andere aber nicht?
All diese Fragen sind wenig später beantwortet, und zwar binnen Sekunden: Kaum erreicht der Karnevalszug die Piazza di Citta, wird die Luft vitaminhaltig. Orangen fliegen kreuz und quer herum, nach oben auf die Wagen geschleudert vom gesamten Fußvolk. Die behelmten Trachtenträger auf den Wagen bewerfen ihrerseits die Menge von oben, greifen beidhändig in randvolle, eigens in die Wagen eingebaute Fächer mit Apfelsinen und schleudern diese pausenlos nach unten. Oben wie unten zerplatzen die Südfrüchte an Köpfen und Schultern, auf Rücken und Beinen. Der saure Saft kriecht und rinnt durch Halsausschnitt und Hosenbund auf die Haut. Davon verschont werden sollen eigentlich alle
Zuschauer mit roten Mützen, dem Zeichen für „bitte nicht bewerfen“. Aber ist es ein wenig wie früher auf dem Schulhof, wo diejenigen Kinder am meisten abbekamen, die in der Schneeballschlacht vor Angst erstarrten und sich die Hände vor‘s Gesicht hielten. Ebenso wie damals bietet auch heute in Ivreas stadtweiter XXL-Schneeballschlacht mit Orangen nur ein Sicherheitsabstand wirklichen Schutz. Dann aber ist Zuschauen ein fast ebenso großer Spaß, wie das Mitmachen im Getümmel dieser sogenannten „Battaglia delle Arance“.
500 Tonnen Orangen
Wer sie am Faschingssonntag verpasst haben sollte, geht einfach montags hin. Oder am Dienstag. Drei Tage lang bewerfen sich die „Aranceri“ mit Apfelsinen. Etwa 500 Tonnen transportieren LKW dafür jedes Jahr eigens aus Sizilien nach Ivrea. In der ersten Schlachtpause zwischen Sonntag und Montag gibt es Kabeljau mit Zwiebeln, in der zweiten zwischen Montag und Dienstag werden Pfähle verbrannt, die mit Wacholder und Heidekraut geschmückt sind. Soll angeblich Glück bringen. Vielleicht auch den etwa 200 Teilnehmern, die sich alljährlich leicht bis schwer verletzen, wenn ihnen Orangen-Geschosse blaue Augen oder gebrochene Nasen bescheren oder weil sie im knöchelhohen, glitschigen Apfelsinenmatsch ausrutschen. Alles Kollateralschäden des Freiheitskampfes, der hier – sehr frei interpretiert – nachgespielt wird.
Die Orangenschlacht geht zurück auf das beherzte, nächtliche Zupacken der Müllerstochter Vezzosa Mugnaia. Soeben frisch verheiratet mit ihrem Liebsten, sollte die junge Frau nicht ihrem Bräutigam, sondern nach damals gängigem Brauch dem in Ivrea herrschenden Tyrannen die erste Nacht schenken. Tat sie auch, aber nur solange, bis sie ihm mit einem im Bett verborgenen Dolch den Kopf abschnitt. Irgendwann im 12., vielleicht auch 13. Jahrhundert soll das gewesen sein – so genau weiß man es nicht in Ivrea, ist ja auch keiner mehr am Leben, der dabei gewesen sein könnte. Jedenfalls – so die Erzählung – hat Müllerstocher Vezzosa das abgeschnittene Despoten-Haupt umgehend den geknechteten Menschen in der Stadt präsentiert. Was diese als Fanal für einen Befreiungskampf verstanden und den Aufstand probten.
Besondere Geste
Bei der heutigen, in drei Orangenschlachten gipfelnden Karnevals-Inszenierung spielt irgendwie auch noch die napoleonische Besatzungszeit eine Rolle, weshalb Trachten, Helme und Flaggen denen der damaligen Zeit nachempfunden sind. Vielleicht, weil die napoleonischen Jahre noch gut in Erinnerung waren, als 1858 erstmals aus dem Kreis der jungen Frauen von Ivrea eine Müllerstochter gekürt und auf dem Rathausbalkon präsentiert wurde. So geschieht es bis heute, immer am Karnevalssamstag. Zwei Tage zuvor übernimmt jährlich ein General in napoleonischer Uniform symbolisch die Macht über Ivrea. Einige der mit uniformierten Männern fahrenden „Carri da Getto“ (Wurf-Wagen), symbolisieren die Truppen des Generals. Sie werden vom „aufgebrachten“ Volk angegriffen, deren Aranceri-Wurfgruppen sich martialische Namen geben wie „Todesschwadrone“. Soweit kommt es also, wenn Männer zu viele Orangen in die Hand bekommen. Denn ursprünglich, im 19. Jahrhundert, sollen es Frauen gewesen sein, die vereinzelt Orangen von Balkonen warfen – als Liebesgeste an die Männer auf den Faschingswagen. Stephan Brünjes