Zwischen Wellen und Wolkenkratzern

von Redaktion

Architektonische Meilensteine von Nordsee bis Ärmelkanal

Ein Kreuzfahrtschiff als Ausgangspunkt für eine besondere Entdeckungsreise: Mit jeder Ankunft an Land offenbart sich eine neue Facette europäischer Baukunst – von der futuristischen Markthalle in Rotterdam bis zur mittelalterlichen Kathedrale in Winchester.

Bereits beim Betreten der MSC Preziosa wird deutlich: Dieser Ozeanriese ist mehr als ein Fortbewegungsmittel – er ist eine architektonische Attraktion. Die imposante Lobby mit ihrer glitzernden Swarovski-Treppe erinnert an ein Kunstwerk aus Licht und Struktur. Geschwungene Decks und gläserne Kuppeln schaffen ein Gefühl von Weite. Pünktlich um 20 Uhr verlässt das Schiff am Sonntagabend den Hamburger Hafen. Langsam verschwinden die funkelnden Lichter der Stadt in der Dunkelheit, und meine Vorfreude auf die kommenden sechs Tage wächst – eine Reise zu faszinierenden Metropolen zwischen Nordsee und Ärmelkanal beginnt.

Rotterdam:
Mut zur Moderne

Die erste Station ist das niederländische Rotterdam, wo sich historische Relikte und kühne Innovation vereinen. Schon bei der Ankunft am frühen Dienstagmorgen beeindruckt mich die klare, funktionale Ästhetik des Cruise Terminals. Er ist das Tor zu einer Stadt, die sich immer wieder neu erfindet. Ein kurzer Spaziergang führt zur Erasmusbrücke, deren asymmetrischer Pylon und filigrane Stahlseile zu den markantesten Wahrzeichen der Stadt zählen.

Im Zentrum erhebt sich die Markthalle, ein monumentaler Bogenbau aus Glas und Stahl, dessen Decke von einem riesigen, farbenprächtigen Kunstwerk überzogen ist. Mein Blick schweift über die Marktstände mit frischen Spezialitäten und fällt erneut nach oben – in den geschwungenen Bögen befinden sich tatsächlich Wohnungen mit Fenstern zum Inneren der Halle, sodass die Bewohner das geschäftige Treiben hautnah erleben können. Gleich nebenan stehen die berühmten Kubushäuser, eine verspielte Neuinterpretation des Wohnens mit ihren schrägen Wänden und ungewöhnlichen Perspektiven. Nach einem kurzen Abstecher zur gotischen Laurenskerk gönne ich mir eine Pause in Sherlock‘s Place, einem charmanten Café mit kreativen Tee- und Kaffeespezialitäten. Der würzige Chai Latte wärmt an diesem kühlen Februartag besonders gut.

Weiter geht es zum Rathaus, eines der wenigen klassizistischen Gebäude in einer Stadt, die von avantgardistischen Entwürfen geprägt ist. So ragt das Dach des Hauptbahnhofs wie ein Pfeil in den Himmel, während die verspiegelte Fassade des Kunstdepots Boijmans Van Beuningen die Umgebung auf faszinierende Weise reflektiert.

Himmel, Bäume und Gebäude werden verzerrt und erscheinen in immer neuen Blickwinkeln. Unweigerlich denke ich an meine schwimmende Bleibe auf Zeit: mal glänzender Koloss vor der Skyline Rotterdams, mal ruhiger Gigant auf den Wellen. Mit diesem Bild im Kopf kehre ich zurück an Bord.

Mittelalterliche
Kulisse in Brügge

Am Mittwochmorgen legt das Schiff in Zeebrügge an, einem funktionalen belgischen Hafen, der wenig von der historischen Pracht erahnen lässt, die nur wenige Kilometer entfernt wartet. Nach einem kurzen Bustransfer verwandelt sich die Szenerie schlagartig: Kopfsteinpflaster, spitze Giebel und eine Silhouette, die seit jeher immer gleich erscheint. Brügge wirkt wie eine Kulisse aus einer anderen Zeit. Am Grote Markt reihen sich farbenfrohe Zunfthäuser aneinander, der Belfried ragt majestätisch in den Himmel. Der Platz ist belebt, doch statt Hektik herrscht ein fast entschleunigtes Treiben. Die Luft ist erfüllt vom Duft frisch gebackener Waffeln und herzhafter Fritten, der sich mit den kühlen Nebelschwaden der Grachten mischt. Ich folge den engen Gassen, lasse die Schaufenster der unzähligen Schokoladengeschäfte hinter mir und tauche tiefer in das historische Labyrinth ein. Die Grachten schlängeln sich durch die Viertel, ihre Ufer gesäumt von ehrwürdigen Backsteinhäusern. An einer Brücke bleibe ich stehen: Auf der spiegelglatten Wasseroberfläche ziehen Schwäne ruhig ihre Kreise. Angeblich leben hier das ganze Jahr über bis zu hundert dieser Vögel – eine weitere Konstante in einer Stadt, die sich über die Jahrhunderte kaum verändert hat.

Zwei Welten: Le Havre
und Honfleur

Das nächste Ziel führt am Donnerstag in den Nordwesten Frankreichs, an die Mündung der Seine, wo zwei architektonische Gegensätze aufeinandertreffen. Le Havre ist eine Stadt, die nach der nahezu vollständigen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg mit einer neuen Vision wiederaufgebaut wurde. Es dominiert der Brutalismus: roher Beton und klare Linien, entworfen von Stararchitekten wie Auguste Perret oder Oscar Niemeyer.

Nur wenige Kilometer weiter eröffnet sich in Honfleur, das auch die Wiege des Impressionismus genannt wird, eine völlig andere Welt. Das Vieux Bassin, der alte Hafen, ist umgeben von schmalen, farbenfrohen Häusern, deren Spiegelbilder sanft auf der Wasseroberfläche tanzen. Die Holzkirche Sainte-Catherine, ein Meisterwerk lokaler Handwerkskunst, zeugt von der langen Seefahrertradition der Stadt.

Die Region ist auch die Heimat des Cidres. Ein Ausflug zum Manoir d’Apreval bringt mich zu weitläufigen Obstgärten, in denen Äpfel nach biologischen Prinzipien angebaut werden. Die Verkostung reicht von spritzigem Cidre bis hin zu kräftigem Calvados. Der französische Schriftsteller Gustave Flaubert schrieb einst: „Alle Normannen haben Cidre im Blut: ein saures Getränk, das bisweilen den Schlund sprengt.“ Mit diesem Geschmack auf der Zunge geht es wieder aufs Schiff.

Winchester – die
Macht der Geschichte

Der letzte Halt am Freitag ist Southampton, das Tor zur ehemaligen Hauptstadt Englands: Winchester. Die eindrucksvolle Kathedrale aus dem 11. Jahrhundert ist die längste gotische Kirche der Welt. Kunstvolle Glasfenster und ein gewaltiges Kirchenschiff erzählen von Jahrhunderten englischer Geschichte. Beinahe ehrfürchtig stehe ich vor der schlichten Grabplatte von Jane Austen, deren Romane mich schon als Jugendliche faszinierten. Beim Bummel durch die Winchester High Street fällt mir auf, wie harmonisch das historische Erbe mit der Gegenwart verschmilzt. Hier treffen jahrhundertealte Bauwerke auf moderne Geschäfte, und es entsteht eine Atmosphäre, die gleichermaßen traditionsbewusst und lebendig ist.

Während das Schiff abends Kurs auf Hamburg nimmt, wird mir einmal mehr bewusst: Jede Metropole entlang der Route erzählt ihre Geschichte auch durch ihre Architektur – von gewagter Moderne bis hin zu gotischer Opulenz. Es ist eine Reise, die aufzeigt, wie Städte sich entwickeln, erneuern und dennoch ihre Identität bewahren.

Mehr Infos unter www. msccruises.de Melanie Breuer

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