Eine Gruppe irischer Pilger wirft vor der imposanten Kathedrale am Ziel in Santiago de Compostela jubelnd ihre Arme in die Höhe, Wanderer aus Australien stellen sich im Halbkreis auf und stimmen ein Lied an, andere sitzen in stiller Kontemplation am Boden.
Wir vertiefen uns in die architektonischen Details der Kathedrale, die in beeindruckender Weise das zentrale Thema des Jakobswegs symbolisieren: Begegnung mit anderen Pilgern oder mit sich selbst. Jakobus (der Ältere) grüßt die Pilger von allen vier Portalen aus und stiftet hier am Ziel des Weges Gemeinschaft. Alle sind willkommen.
Einstimmen
in Porto
In Porto begann unser Weg: Erstes Ziel ist die Kathedrale Sé, wo der Jakobsweg von Porto nach Santiago de Compostela startet. Trutzig-wehrhaft liegt die romanisch-gotische Kirche auf einem Felsplateau hoch über dem Douro. Wir lassen uns hinuntertreiben durch das Altstadtlabyrinth aus engen Gassen, steilen Treppen und bonbonfarbenen Häusern. Schließlich landen wir in einem familiären Fischrestaurant: Die Wirtin kocht, ihr Gatte serviert uns einen Rosé von den Hängen des Douro und Bacalhau. Dabei die stählerne Bogenbrücke ebenso im Blick wie den Ort Vila Nova de Gaia am Ufer gegenüber mit seinen Portweinkellereien. Hier genießt man in der Portweinfabrik Calem schweren Wein zu melancholischem Fado-Gesang.
Stürmischer
Atlantik
Erst führt der Weg am Ufer des Douro entlang, später reiht sich ein Atlantikstrand an den nächsten: mal weitläufig mit rauem Wellengang, mal von Muschelfelsen gerahmt. Einsame Sonnenanbeter an diesem schon warmen Frühlingstag, kleine Strandrestaurants, aus denen es einladend noch nach Kaffee oder schon Fisch duftet. Der weite Strand begrenzt von einer berührenden Skulptur: Fischerfrauen mit ihren Kindern, gegen den Wind gebeugt und ihren in stürmischer See gebliebenen Männern und Vätern nachtrauernd. Nicht von ungefähr trägt dieser Küstenabschnitt, der sich von La Coruña bis zum Kap Finisterre erstreckt, den Namen „Costa da Morta“.
Brathuhn
in Barcelos
Die in vielen Restaurants des Städtchens Barcelos angebotenen Brathähnchen munden vorzüglich und so mancher Pilger ersteht auch ein rucksacktaugliches Keramikexemplar des Gockels. Keramik in Perfektion – dafür ist Barcelos weit über die Grenzen Portugals hinaus bekannt. Allen voran die ausdrucksstarken Kachelbilder in der Kirche Bom Jesus.
Grüne
Landesgrenze
„Habt ihr die vielen Spanier gesehen, die in Valença einkaufen?“, fragt uns ein Walker auf der Brücke, die den träge dahinfließenden, von sattem Grün gesäumten Miño überspannt. „Die Spanier kommen zu uns rüber, um preiswert Kleidung und Essen zu kaufen.“ Valenças Altstadt ist ein mittelalterliches Kleinod, geschützt von einer Festungsmauer mit zehn Türmen und vier Toren. Auf der Grenzbrücke stellen wir unsere Uhren um auf spanische Zeit: Hier ist man eine Stunde voraus. Die Brücke aus dem Jahr 1886 ist heute ein Symbol des friedlichen Zusammenlebens beider Länder. Der Blick auf die Bischofsstadt Tui zeigt, dass es hier früher kriegerischer zuging: Sie ist von wehrhaften Mauern umschlossen. Der Legende nach soll der Apostel Jakobus hier gepredigt und einen Prälaten eingesetzt haben. Die Kathedrale ein beeindruckendes Sakralbauwerk: Elemente einer militärischen Festung mischen sich mit solchen der Romanik und Gotik.
Stilles
Pontevedra
An der Praza do Teucro spielen Jungen zwischen Orangenbäumen Fußball, von einem Alten über seine Zeitung hinweg beäugt. Der Platz liegt direkt am Jakobsweg durch Pontevedra. Touristenmassen? Fehlanzeige! Stille mittelalterliche Gassen sind wir vom Flussufer des Lérez empor gestiegen, entdeckten die Real Basílica de Santa Maria la Mayor, die von Bedeutung und Reichtum Pontevedras und seiner seefahrenden Kaufleute zeugt. Petrus und Paulus wachen zu beiden Seiten des Hauptportals. Wer genau hinschaut, wird den Heiligen Hieronymus mit Brille als Symbol für Weisheit und Intelligenz entdecken.
Vom Praza do Teucro führt der Jakobsweg zu einer seiner sakralen Hauptattraktionen, dem Sanctuario de la Virgen Peregrina. In ihrem Grundriss einer Jakobsmuschel, dem Wahrzeichen des Camino, nachempfunden, beherbergt die Barockkirche im Inneren ein Altarbild Marias im Pilgergewand und ein Weihwasserbecken in Muschelform. Maria Peregrina, die Schutzpatronin der Provinz Pontevedra und des portugiesischen Jakobsweges, ziert auch die Fassade, eingerahmt von Jesus von Nazareth und Jakobus – beide in Pilgergewändern.
Wir rasten in der angenehmen Frühlingssonne am feinen Sandstrand des Lérez, ein Fischreiher stakst recht nah heran, hofft Reste unseres Picknicks zu ergattern. Wie gut es tut, nach all der Lauferei den Körper auszustrecken.
Kap mit
Leuchtturm
Hier endet die Costa da Morta: ein 140 Meter hoher Granitfelsen mit Leuchtturm und grandiosen Aussichten auf Bucht und tosende Wellen. Wir lehnen am Kap Finisterre an einem Felsen, nur das immerwährende Rollen der Meeresbrandung im Ohr und den weiten Horizont vor Augen. Erinnern uns an eines der Zitate in der Pilgerkirche Santiagos: „Gesegnet seist du, Pilger, wenn du auf dem Weg dir selbst begegnest und dir Zeit schenkst, ohne dich zu beeilen, um das Bild in deinem Herzen nicht außer Acht zu lassen. Uwe Junker/srt