Wiens Popstar und Walzerkönig

von Redaktion

Johann Strauss war schon zu Lebzeiten ein Popstar, der Wiens Walzerseligkeit prägte. Dieses Jahr würde er den 200. Geburtstag feiern. Eine Spurensuche im Dreivierteltakt.

Ein Abend in der Wiener Volksoper Anfang April. Schulklassen sitzen im Parkett, elegant gekleidete Seniorinnen. Der Vorhang öffnet sich, die ersten bekannten Melodien der „Fledermaus“ erklingen. Es scheint ein Ruck durch die Zuschauenden zu gehen. Manche klopfen den Rhyhtmus auf ihren Knien mit, andere beginnen zu schunkeln. Ähnliches passiert zeitgleich im Casino Zögernitz im 19. Bezirk. Im prächtig sanierten Konzertsaal des ehemaligen Vergnügungstempels, in dem einst alle vier „Sträusse“ aufgetreten sind (so werden die vier Musiker der Familie in Wien lustig-liebevoll benannt), stimmt das Orchester den Walzer „An der schönen blauen Donau“ an. Und wieder der Ruck, wieder das Schunkeln. Die Musik von Johann Strauss macht etwas mit den Menschen. Zu seinen Lebzeiten von 1825 bis 1899 genauso wie heute.

Auch die Kompositionen von Johann Strauss, dem Vater, zogen die Zuhörer in ihren Bann. Der Sohn aber machte eine weltumspannende Hit-Fabrik aus dem Familienmusikbetrieb – und verdiente ein Vermögen. Strauss junior bewegte die Massen beim Drehen zum Dreivierteltakt. Hunderttausende strömten zu seinen Konzerten, besuchten die Tanzveranstaltungen in den vielen neu entstandenen Ballsälen. Nicht nur in Wien, sondern auch in St. Petersburg oder London. „Er war ein Popstar“, sagt Norbert Kettner von Wien Tourismus. Der Allround-Musiker (er war Komponist, Dirigent, Geiger und Klavierspieler) würde im Oktober seinen 200. Geburtstag feiern – Grund genug, seine Heimatstadt auf seinen Spuren zu erkunden.

Ein guter Startpunkt ist das Strauss-Denkmal im Stadtpark. Ein marmorweißer Rundbogen umrahmt die vergoldete Statue. Der Goldjunge am Parkring: 1. Bezirk, imposante Gründerzeit-Palais, beste Lage. Dort sah ihn seine dritte und letzte Ehefrau Adele. Das Geld dazu hatte er. Schon mit seiner ersten Ehefrau Jetty lebte er in einer großzügigen Wohnung am Praterring. Die Wohnung ist heute eine Außenstelle des Wien Museums und für die Öffentlichkeit zugänglich. Hier komponierte er 1867 seinen größten Hit, den Donauwalzer, für die Faschingsfeier des Männergesangvereins. Und hier wagte der damals 37-Jährige den Schritt weg von der Mutter. Mit einer Frau, die deutlich älter war als er (44, kleiner Skandal), die sieben uneheliche Kinder mitbrachte (großer Skandal) und sie alle den Vätern überließ (größter Skandal). Strauss‘ drei Ehen blieben alle kinderlos.

Ein Muttersöhnchen und ein eitler Mann voller Neurosen und Ängste – auch das war Johann Strauss. Das verrät sein Urgroßneffe Eduard Strauss. Trotzdem bewundert er den Ahnen für dessen Fähigkeit, mit seiner Musik alle Schichten und Gemüter anzusprechen. Was ihn aber umtreibt: dass der Donauwalzer oft falsch gespielt und verstanden wird. „Dieser Walzer ist kein schwelgerisches Stück, sondern ein witziges. Es herrschte Tanzverbot zu Fasching 1867, wegen Not und Cholera. Mein Urgroßonkel schrieb ein musikalisches Kabarett – und die Aufforderung zum Tanzen auch in schwierigen Zeiten.“ Am besten dargestellt sieht Eduard Strauss dies im 2023 eröffneten „House of Strauss“ im Casino Zögernitz. „Für mich der schönste Strauss-Ort in Wien.“

Strauss, der Walzer und die Weinseligkeit: Diesem Themenkomplex kommt man auch in der neuen Dauerausstellung „Strauss New Dimensions“ im Kleinen Haus der Kunst näher. Auf dem Weg dorthin geht man an einer anderen Wirkungsstätte Johanns und seines Bruders Josef vorbei: der Technischen Universität Wien, ehemals das K.u.K. Polytechnische Institut, wo die zwei studierten.

Der multimediale, interaktive Rundgang nimmt die Besucher mit in die Welt des 19. Jahrhunderts nach dem Wiener Kongress. Über einen GPS-getrackten Audioguide taucht man ein in das Leben der Familie Strauss – und man erfährt: Das Massenphänomen Walzer versetzte die Wiener in kollektives Entzücken. Das neue Vergnügen war rauschhaft, erotisch und (revolutionär!) ein Tanz mit viel Körperkontakt.

Der Rest ist Geschichte und gehört zur DNA von Wien. „Die Fledermaus“ ist die berühmteste Operette der Welt, der „Donauwalzer“ die inoffizielle Hymne der Stadt. Ein Neujahrskonzert der Philharmoniker ohne die Melodien von Johann Strauss? Undenkbar. 450 Bälle gibt es in Wien pro Jahr. „Die Bälle sind ein absolutes Alleinstellungsmerkmal der Stadt. Wo in der Welt gibt es sie in dieser Anzahl?“, fragt Thomas Schäfer-Elmayer. Er leitet die berühmteste Tanzschule Wiens. Wer an der Donau was auf sich hält, lernt tanzen beim Elmayer. Gibt es einen Trick, um den Wiener Walzer balltauglich zu beherrschen? „Immer den Grundschritt beibehalten. Vor-Seit-Schluss-rück-Seit-Schluss. Nehmen Sie Ihren linken Zeigefinger und drücken Sie ihn gegen die rechte Schulter. Da geht’s rum.“ Strauss soll übrigens ein miserabler Tänzer gewesen sein. Bettina Laude

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