Reise-Infos:

Das Herz der Champagne

von Redaktion

Rund um Épernay und Ay wird der berühmte Schaumwein produziert. Ein Besuch mit Ballon- und Zugfahrt

Sanft hebt sich der Ballon in die Lüfte. Es geht ein wenig Wind, aber die Gäste im Korb brauchen keine Angst zu haben, gegen die nahe Spitze der Kirche Notre-Dame in der Stadt Épernay gedrückt zu werden. Sie stehen in einem Fesselballon. Ein Seil sichert die mit Helium gefüllte Hülle und zieht sie nach zehn Minuten ebenso sanft wieder hinab.

Hat man im Ballon die Maximalhöhe von 150 Metern erreicht, blickt man über die Rebzeilen entlang der Montagnes de Reims, des Marne-Tals und der Côte de Blanc. Wir sind im Herzen eines der berühmtesten Weinbaugebiete der Welt, inmitten der Hauptstadt des Champagners. So definiert sich Épernay jedenfalls selbst. Darum findet man im Stadtzentrum auch die Avenue de Champagne. Die breite Straße ist gewissermaßen die „Champs Élysées“ des Schaumweins. Weltberühmte Produzenten haben hier ihren Sitz, bieten Führungen durch ihre Keller an. Beherrscht wird sie von der Zentrale des Hauses Moët & Chandon, dem Marktführer der Branche und 1743 von Claude Moët gegründet.

Besonders faszinierend ist ein Besuch bei Mercier. 1858 hatte Eugène Mercier ein anfangs kleines, bescheidenes Weinhaus in Épernay eröffnet und verwandelte dieses Haus dank damals bereits exzellenter Marketing-Strategien zu einem der umsatzstärksten Champagnermarken Frankreichs. So ließ Mercier zur Weltausstellung in Paris im Jahr 1900 bereits einen Ballon aufsteigen. Tausende von Gästen buchten die Fahrt über die Dächer von Paris mit einem Glas Mercier-Champagner in der Hand. Innovativ war auch seine Idee, die Traubenproduzenten unter einen Hut zu bringen, erklärt Tatjana di Martino, die Mercier-Weine präsentiert. „Mercier gründete die erste Vereinigung der Winzer in der Region und zentralisierte die Produktion.“ Im eigenen Haus versteht sich. Die Weinbauern lieferten die Trauben, der umtriebige Mercier sorgte für den Vertrieb.

Wie viel Ideenreichtum in Mercier steckte, macht eine kleine Zugfahrt deutlich. 30 Meter tief geht es hinunter in die weitläufigen Keller Merciers am Ende der Avenue de Champagne. Hier ließ Mercier auf einer Gesamtlänge von 18 Kilometern kerzengerade Gänge in die Kreideböden der Champagne hacken, um seine Weine reifen zu lassen. In einem Ballsaal tief unter der Erde wurden die Gäste empfangen, ein direkter Zugang zur nahen Bahnlinie ermöglichte die schnelle Auslieferung der Flaschen. Merciers Hang zur Größe dokumentiert auch das riesige Weinfass in der Eingangshalle des Hauses mit einer Kapazität, die 200000 Flaschen Champagner entspricht. Zur Weltausstellung 1889 ließ er genau dieses Fass von 24 Ochsen bis nach Paris transportieren.

Ein Stück die Marne aufwärts liegt die Ortschaft Ay. So bescheiden sie mit ihren 4000 Einwohnern wirkt, so bedeutend sind die Champagnerhäuser, die sich in ihren Straßen hinter Gittertoren und hohen Mauern verbergen. Das Haus Deutz dürfte der bekannteste Name in Deutschland sein, doch auch Bollinger hat hier seinen Sitz, der Champagner, der vor allem durch James-Bond-Filme Berühmtheit erlangt hat.

In Ay hat sich das Familienunternehmen der Goutorbes etabliert. Nicole und René Goutorbe haben ihren Betrieb längst an ihre Nachkommen übergeben, sind „aktive Rentner“, wie sie selbst sagen, „in beratender Funktion“. Rund 180000 Flaschen produziert das Weingut pro Jahr, kein Vergleich also mit den mehr als 60 Millionen Flaschen, die der Luxusgüterkonzern LVMH verkauft, zu dem neben Moët auch Mercier, Veuve Cliquot und Ruinart, das älteste Haus der Champagne, gehören.

Das Glück der Goutorbes und ihrer Nachbar-Weinhäuser: Die 429 Hektar umfassenden Weinbaulagen auf der Gemarkung sind alle in der höchsten Stufe klassifiziert, ihre Weine sind Grand Crus, große Gewächse. Dieses Renommee und die Strategie, die Ware manchmal knapp zu halten, stärken die Nachfrage nach diesem Edeltropfen. Sommerlière Tatjana di Martino erklärt schmunzelnd: „Manche gönnen sich lieber einen großen Champagner als einen normalen.“

Seit 2015 sind die Weinberge und Weingüter der Champagne Teil des Unesco-Welterbes. Für Dominique Leveque, den Bürgermeister von Ay, hat dies der Region neue Perspektiven eröffnet: „Damit hat die Champagne ihren Ehrgeiz bewiesen, eine international anerkannte touristische Destination zu werden.“ In der man auch das „sensorische Museum“ Pressoria – eine Expedition für alle Sinne – besuchen kann.

So lässt sich hier der monolithische Block aus Kreide, dem Nährboden des Champagners, betasten. Dann zeigt die Videoinstallation eines Weinbergs, wie sich die Kreide in der feuchten Jahreszeit vollsaugt, wie tief die Wurzeln der Reben reichen, um an Wasser und Mineralien zu gelangen, und wie der Boden seine Feuchtigkeit im Sommer an den Stock abgibt. An Touchpads können Besucher entscheiden, welche Insekten, Kriechtiere oder Wetterlagen zu den Freunden oder Feinden der Reben zählen. Im Zeitraffer entwickelt sich ein trockener Rebzweig zu einem reich mit Trauben behangenen Stock. Videowände dokumentieren die Arbeit im Weinberg, während man zwischen Gärbehältern, Fässern und Maschinen zum Entkorken in die Geräusche der Weinproduktion eintauchen kann. Wer mag, kann die Haupt-Rebsorten Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier erschnuppern und danach natürlich das geniale Ergebnis im Glas verkosten. Spätestens dann erklärt man diese Region Frankreichs zu seiner Lieblingsdestination. Michael Soltys

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