Der Münchner hat es in der Regel gern beschaulich – den Biergarten in Reichweite und den Blick auf die Alpen unverstellt. Um eine mögliche Verstellung dieses Blicks durch zwei Wolkenkratzer in Höhe von 155 Metern im Stadtteil Neuhausen rankt sich derzeit eine intensive Debatte. Eine Bürgerinitiative soll das Projekt verhindern, ein Bürgerentscheid dürfte folgen. In Frankfurt am Main ist man dagegen mit hoch aufragenden Gebäuden längst nicht so zimperlich. Hier stehen allein 17 der 18 in Deutschland befindlichen Wolkenkratzer – eine Ausnahme hierzulande allerdings. Doch worum geht es wirklich beim Hang zum Großen oder beim Drang, dieses zu verhindern?
Gesichtslose Hochhausstadt
Auf dem Konzept des Hochhauses lasten gerade hierzulande viele negative Konnotationen. Menschen verbinden allzu oft ein seelenloses Stadtbild mit den städtebaulichen Riesen, als urbanen Sumpf, in dem das Individuum in Unpersönlichkeit versinkt. Diese Befürchtungen erkennt man auch in der bayerischen Landeshauptstadt. So heißt es in einer Stellungnahme der Bürgerinitiative, man befürchte im Falle der Umsetzung des Bauprojekts einen „Dammbruch zur gesichtslosen Hochhausstadt“. Und der Landesdenkmalrat warnt vor einer „beispiellosen Beeinträchtigung des gesamten Stadtbildes“. Ähnliche Meinungen gibt es auch in anderen deutschen Großstädten. So sind etwa Einwohner Stuttgarts bekannt dafür, modernen Großbauprojekten kritisch gegenüberzustehen. Der Angst vor gesichtslosen Mega-Cities steht allerdings eine Notwendigkeit gegenüber, die aktuell immer dringender wird: die Schaffung neuen Wohnraums. In anderen bevölkerungsreichen Ländern ist man sich der Notwendigkeit des Bauens in die Höhe bei gleichzeitigem Platzmangel in der Breite durchaus bewusst. Im Stadtstaat Singapur etwa gibt es 87 Wolkenkratzer (Gebäude über 150 Meter) – zahlreiche Häuser über 100 Meter nicht mitgezählt. Im chinesischen Shenzhen sind es sogar 96 dieser baulichen Ungetüme. Auch in Deutschland wird man sich wohl in Zukunft mit dem vermehrten Bedarf an Wolkenkratzern auseinandersetzen müssen. Auch die Büschl-Unternehmensgruppe – die das Bauvorhaben in der bayerischen Landeshauptstadt verantwortet – betont dessen soziale Notwendigkeit: „Wie sehr der sogenannte Hochhausstopp München schadet, ist jedem klar (…): Rund 1200 Wohnungen würden nicht gebaut“, so das Unternehmen in einer Stellungnahme. Tatsächlich stellt sich die Frage, wie genau die oft sehr emotional geführte Debatte die Realität auch widerspiegelt. Städte wie London oder Paris zeigen, wie Hochhäuser das Stadtbild durchaus aufwerten können. Ein Nebeneinander von altehrwürdigen Kulturbauten und moderner Architektur funktioniert gerade in der britischen Hauptstadt auf faszinierende Weise. In eine ähnliche Richtung geht auch ein Statement der Büschl-Gruppe: „München darf kein Museum werden. München muss eine Weltstadt bleiben.“ C. Kastenbauer