Fotos BERND F. MEIER/ DPA-TMN, SIP/C.PISC
Steil ist der Anstieg auf den Stromberg oberhalb von Schengen. Auf dem Moselle3-Trail wollen die Wandernden das Winzerdorf an der Obermosel umrunden – drei Länder, Luxemburg, Frankreich, Deutschland. 33 Kilometer und insgesamt fast 1000 Höhenmeter liegen vor ihnen. „Wer sehr fit ist, kann die Strecke an einem Tag schaffen.“ Diese Ermunterung hat Martina Kneip den Gästen mit auf den Weg gegeben. Die 59-Jährige ist Direktorin des Europäischen Museums in Schengen, das seit einem Jahr neu für das Jubiläum im Juni gestaltet und dann als Schengen-Museum eröffnen wird.
Vor bald 40 Jahren, am 14. Juni 1985, einem Freitag, schreibt der kleine Luxemburger Weinort große europäische Geschichte: Die Staatssekretäre von Deutschland, Frankreich und den drei Benelux-Staaten Belgien, Niederlande und Luxemburg unterzeichnen an Bord des Ausflugsdampfers „Princesse Marie-Astrid“ das Schengener Abkommen. Robert Goebbels unterschrieb als Staatssekretär für Luxemburg. „Ein Zufall, dass es in dem Dorf mit damals nur 500 Einwohnern passierte. 1985 hatte Luxemburg den Vorsitz des Benelux-Rates und war somit Gastgeber“, erinnert sich der heute 81-Jährige.
Der Vertrag bildet die Basis zum schrittweisen Wegfall von Pass- und Zollkontrollen sowie dem freien Personen- und Warenverkehr im sogenannten Schengen-Raum. Inzwischen sind 29 Länder Europas dem Abkommen beigetreten, zuletzt zu Jahresbeginn Bulgarien und Rumänien. Außerdem zählen die vier Nicht-EU-Staaten Island, Liechtenstein, Norwegen und die Schweiz zum Schengen-Raum. Ein Gebiet mit fast 420 Millionen Einwohnern zwischen Nordkap und Südspanien, einschließlich der Kanarischen Inseln, Madeira, Malta und den fernen Azoren. Besonders Touristen schätzen die Reisefreiheit ohne lange, nervige Grenzkontrollen.
Im Ausland bekannter als im Inland
Doch was ist Schengen? „Manche vermuten es sei irgendeine Abkürzung“, so Schengens Bürgermeister Michel Gloden. Diesen Irrtum wollen sie auf jeden Fall am Jubiläumstag ausräumen, vor allem bei den jüngeren Europäern. Für sie ist die Reisefreiheit längst alltäglich.
Besucher aus fernen Ländern nutzen beim Europatrip das Schengen-Visum, das ihnen 90 Tage freies Reisen ermöglicht. Kreuz und quer zu den touristischen wie geschichtlichen Metropolen, sei es nach Rom, Paris, Brüssel, Amsterdam, Kopenhagen, Berlin oder München.
Ins Schwitzen gekommen sind die Wanderer auf der 33-Kilometer-Tour durch die drei Länder. Doch es geht auch kürzer. Am Museum beginnt die Rundstrecke „Schengen Grenzenlos“, nur acht Kilometer lang. Bergan ins Naturschutzgebiet Strombierg und weiter nach Frankreich zum Winzerdorf Contz-les-Bains. Der Aufstieg wird belohnt mit weiten Ausblicken über das Moseltal bis hinüber nach Lothringen.
Schengens Bürgermeister Gloden schwärmt von seinem Ort. Was gibt‘s zu sehen? Das Museum, die Promenade am Moselufer sowie die Stelen mit den Europa-Sternen – gestaltet vom Stararchitekten François Valentiny, von Schengen aus als Weltbürger mit seinen Bauwerken unterwegs. Der Wunsch des 72-Jährigen ist, „dass unser Ort und das Jubiläum Impulse für ein starkes Europa geben“.
Größter Weinort an der Luxemburger Mosel
Im Weinort Schengen, dem größten an der Luxemburger Mosel, zählt die Weinprobe bei einem der 16 Winzer und seinen Genossenschaften zum Pflichtprogramm – Pinot Gris, Auxerrois und Pinot Blanc sind die vorherrschenden Sorten.
Belebend kann die Reise weitergehen, etwa auf der Moselbrücke hinüber ins saarländische Perl, wo die Römer ihre Spuren hinterlassen haben. Davon zeugt in Perl-Borg die rekonstruierte Römische Villa, deren Fundamente auf das 2. Jahrhundert nach Christus hindeuten, sowie das römische Mosaik im benachbarten Perl-Nennig.
Am 14. Juni werden sie feiern, im Schengen-Museum und auf der „Princesse Marie-Astrid“, die nun den Namenszusatz „Europa“ trägt. Der Ausflugsdampfer als Stätte der Vertragsunterzeichnung kehrt dauerhaft zurück und wird zum Teil des Museums. Zur Feier werden Politiker erwartet, die für Europa prägend waren: der ehemalige Präsident der EU-Kommission Jean-Claude Juncker etwa und Luxemburgs langjähriger Außenminister Jean Asselborn. Bernd F. Meier/dpa