Großstadtdschungel: Die Strände Hongkongs liegen nahe am Business District.
Wer an Hongkong denkt, hat vermutlich Hochhäuser, Verkehrschaos und jede Menge Lärm vor Augen. Doch die asiatische Megametropole kann auch anders: ruhig, entspannt und natürlich nämlich. Denn, Überraschung: Die 7,5-Millionen-Einwohner-Stadt ist ein Wander- und Badeparadies. Morgens wandern, mittags chillen am Strand und abends Fine Dining – für Hongkong ein Leichtes.
Idealerweise holen Sie sich zum Lesen dieses Artikels ein Hilfsmittel. Denn Hongkong ohne Landkarte zu verstehen, fällt schwer. Hongkong ist nämlich nicht nur eine Stadt, sondern auch eine große Inselwelt. Eine der Inseln trägt den Namen Hongkong Island und beherbergt das Finanz- und Regierungsviertel, viele Restaurants und Läden. Das macht die Insel quasi zum Herzen der Stadt. Aber zum Rest von Hongkong gehört auch Festland – und über 260 weitere (häufig auch unbewohnte) Inseln. Dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass Hongkong zu rund 75 Prozent aus Grünflächen besteht.
So kompliziert seine Geografie anmuten mag: Das seit 1997 (wieder) chinesische Hongkong macht es uns Europäern dafür umso leichter, es zu erkunden. In Hongkong lässt sich alles – und so auch Wanderspots und Strände – wunderbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. Zwar: Die Landessprache Kantonesisch besteht aus chinesischen Schriftzeichen und ist daher eine Herausforderung. Doch in Hongkong ist – im Gegensatz zum „Festland-China“ – so ziemlich alles in lateinischer Schrift angegeben. Der Grund dafür findet sich in der Geschichte. Hongkong stand über 150 Jahre lang unter britischer Herrschaft – von Ende des 19. Jahrhunderts bis 1997.
Die Briten brachten die Wanderlust hierher
Seiner Vergangenheit als britische Kolonie verdankt Hongkong auch die vielen Wanderwege in allen Könnerstufen. Denn wer bereits in Hongkongs Nachbarländern unterwegs war, weiß: Wandern ist nichts, was die Asiaten erfunden haben. Die Engländer waren es, die die Wanderlust nach Hongkong brachten. Um sich von China, das bei politischen Konflikten gerne mal (bitte wörtlich verstehen) den Wasserhahn zudrehte, unabhängig zu machen, begann Hongkong in den 1970er-Jahren, vermehrt Regenwasser zu sammeln und seine eigenen Wasserreservoirs in Form von Stauseen anzulegen.
Damit das Wasser gut abfließen und versickern konnte, mussten ausgedehnte Grüngürtel entstehen. Der damalige Gouverneur Murray MacLehose, Engländer durch und durch, beschloss, auf diesen Grünflächen auch gleich Wanderwege anzulegen: Die Geburtsstunde der so beliebten Naherholungsgebiete, in Hongkong „Country Parks“ genannt.
Der 100 Kilometer lange MacLehose Trail ist einer von vier Weitwanderwegen und verläuft quer durch Hongkong von Ost nach West. Wandernde auf dem Wilson Trail hingegen durchqueren Hongkong auf 75 Kilometern von Süd nach Nord. Der Lantau Trail verläuft 70 Kilometer über Hongkongs größte Insel Lantau.>>>
>>> Und der 50 Kilometer lange Hongkong Trail auf Hongkong Island beginnt am „Hausberg der Hongkonger“, dem Victoria Peak, und endet am Dragon’s Back.
Tipp am 552 Meter hohen Victoria Peak auf Hongkong Island: Während die Touristenmassen sich gegenseitig über die Aussichtsplattform schieben, bekommt man auf dem gemütlichen Weg, der bei der Lugard Road startet, die Stadt von allen Seiten zu sehen – ohne Trubel.
Wanderungen, die die Reisenden auf andere Inseln führen, sollten Hongkong-Neulinge besser in Begleitung machen. Eine, die solche Touren anbietet, ist Gabi Baumgartner. Die gebürtige Schweizerin – seit 30 Jahren in Hongkong – hat die Wanderagentur „Walk Hong Kong“ gegründet und kennt die Inseln wie ihre Westentasche. Wir wandern mit Gabi auf Lantau Island. Der Nei Lak Shan Country Trail dort führt durch eine subtropische Pflanzenwelt und endet beim buddhistischen Po-Lin-Kloster und seiner berühmten Tian-Tian-Buddha-Statue – bei ihrer Erbauung der größte sitzende Buddha der Welt.
Wir begegnen wenigen Menschen, dafür Schmetterlingen, einer Eidechse und jeder Menge Vögeln. Gabi: „Das Schöne am Wandern in Hongkong ist, dass es, im Gegensatz zu Ländern wie Australien, kaum gefährliche Tiere gibt. Die meisten – Schmetterlinge, Gottesanbeterinnen – sind einfach nur größer als zu Hause.“ Manche sind aber auch kleiner, etwa die putzigen Muntjaks: Sie gehören zwar zur Gattung der Hirsche, bringen es aber nur auf eine Schulterhöhe von rund einem halben Meter. Die größten Tiere, denen man auf Lantau Island begegnen kann, sind Kühe und Wasserbüffel. Bis in die 1970er-Jahre wurden sie als Arbeitstiere vor Pflüge gespannt. Doch dann wollte die junge Generation lieber in die Stadt ziehen, anstatt Felder zu bewirtschaften. Seither leben die Tiere wild auf der Insel.
Strandurlaub?
Ja, bitte!
Auf Lantau befindet sich auch der Cheung Sha Beach, einer der längsten Strände Hongkongs. Baden in Hongkong ist auch für selbst ernannte Warmduscher eine Freude, denn das Wasser ist dort immer genauso warm wie die Luft.
Mehrere Wanderungen von „Walk Hong Kong“ führen zu Traumstränden. Die „Deserted Beaches“-Tagestour auf der Sai-Kung-Halbinsel etwa mit Stopps an drei Stränden. Wieder ganz sich selbst überlassen, sind die Stadtstrände auf Hongkong Island der beste Tipp. Dort ist man vom Stadtzentrum in weniger als 30 Minuten mit dem Bus. Shek O Beach, Middle Bay und Big Wave Bay sind nur ein paar Beispiele. Von Einheimischen überlaufene Strände findet man in Hongkong übrigens eher selten. Die Hongkonger gehen nicht gerne an den Strand – sie wollen absolut nicht braun werden.
Am letzten Tag tanken wir noch mal Vitamin D, an der 300 Meter langen Repulse Bay. Im goldgelben Sand sitzend, aufs Meer und seine grünen, vorgelagerten Inseln blickend, vergessen wir ganz die Skyscraper in unserem Rücken. Ganz klar: Die Kombi macht’s in Hongkong. Conny Derdak