So geht es den Handwerksbetrieben

von Redaktion

Ist der Fachkräftemangel nach wie vor eine Herausforderung?

Die Handwerksbetriebe in der Region stehen vor großen Herausforderungen. Michael Vontra, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Traunstein, gibt einen umfassenden Einblick in die aktuelle Situation und mögliche Lösungsansätze.

Azubis händeringend gesucht

„Gerade im Bau, bei Mechatronik, Energie- und Elektroberufen oder Heizung/Klimatechnik suchen viele Firmen händeringend nach Azubis“, beschreibt Vontra die Lage. Ein wesentliches Problem sei dabei das Image vieler Handwerksberufe: „Leider denken viele: ‚Das ist nur Dreck und Schleppen‘ – dabei gibt’s dort richtig gute Karrieren, viel Abwechslung und Technik pur!“

Besonders die Heizungs-, Energie- und Klimatechnik bietet nach Vontras Einschätzung spannende Perspektiven: „Einerseits die technische Produktentwicklung in Richtung Smart Home und erneuerbare Energien, andererseits die ökologische Perspektive und die Anforderungen durch die Klimaveränderung.“ Auch das Berufsbild des Mechatronikers habe sich gewandelt: „Mit dem technischen Fortschritt bei den Automobilen müssen in einer Werkstatt heute mehr Fachgebiete beherrscht werden. Da braucht es schon den richtigen Biss.“

Strategien der Betriebe

Die Betriebe in der Region reagieren mit verschiedenen Strategien auf den Fachkräftemangel. „Die meisten Betriebe reagieren rechtzeitig dank strategischer Personalplanung“, erläutert Vontra. Viele setzen auf die Werbekraft ihrer eigenen Mitarbeiter und soziale Medien. „Wenn ein Mitarbeiter einen fähigen neuen Kollegen anwirbt, gibt es Prämien, Zeitgutschriften oder andere Benefits“, erklärt er.

Auch die Arbeitsbedingungen spielen eine zentrale Rolle: „Alle Firmen haben mittlerweile gemerkt: Nur mit festen 9-to-5-Zeiten gewinnt man heute niemanden mehr“, betont Vontra. „Deshalb gibt’s in vielen Berufen Gleitzeit, Homeoffice oder sogar die 4-Tage-Woche. Gute Arbeitsbedingungen sind das A und O.“

Einige Betriebe zeigen bereits vorbildlich, wie moderne Personalgewinnung funktionieren kann: „Sie arbeiten mit Schulen zusammen, bieten unkompliziert Schnuppertage an oder bilden im Team aus mit anderen Firmen“, berichtet Vontra. Besonders positiv bewertet er Weiterbildungsmöglichkeiten: „Wenn die Fachkräfte aus den eigenen Reihen gewonnen werden, zum Beispiel aus einem Helfer die gesuchte Fachkraft wird, auch wenn er schon älter ist. Das Vertrauen in und die Solidarität mit den eigenen Mitarbeitern ist durch kein Benefit zu toppen.“

Berufe, die keine Technik ersetzen kann

Die Digitalisierung könnte dabei helfen, die Fachkräftelücke teilweise zu schließen. „Durch digitale Technik werden viele Abläufe einfacher – zum Beispiel mit Apps, Maschinen oder smarter Organisation“, erläutert Vontra. Allerdings sei der Automatisierungsgrad je nach Beruf sehr unterschiedlich. „Bei einer Floristin oder Altenpflegerin sind es nur 17 Prozent und bei einem Maler und Lackierer sind es 25 Prozent“, nennt er konkrete Beispiele.

Vontra warnt eindringlich vor den Folgen, wenn der Fachkräftemangel nicht eingedämmt werden kann: „Der langfristige wirtschaftliche Schaden durch starken Fachkräftemangel ist gravierend. Er führt zu Produktivitätsverlusten, Wettbewerbsfähigkeitseinbußen und einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums.“ Für die Bürger bedeute dies konkret „noch längere Wartezeiten beim Arzt, Handwerker, Dienstleistungen und so weiter.“

Anerkennung von Abschlüssen schwierig

Eine wichtige Rolle bei der Lösung des Problems spielt die Integration internationaler Fachkräfte. „Die Hürden sind je nach Herkunftsland ganz verschieden, seien es behördliche, kulturelle oder sprachliche“, erklärt Vontra. Besonders die Anerkennung ausländischer Abschlüsse gestalte sich aufgrund des deutschen Systems der dualen Ausbildung schwierig: „Kein anderes Land hat das flächendeckend, also ist der Vergleich kaum möglich.“

Für Unternehmen bedeutet die Integration ausländischer Fachkräfte zusätzlichen Aufwand: „Da muss sich das Unternehmen weiterhin engagieren und Hilfen leisten bei Behördengängen, Wohnungssuche, Schulsystem und vielem mehr“, betont Vontra. „Das bindet auch Arbeitskraft und kann, weil es so wichtig ist, nicht einfach nebenher erledigt werden.“

Ein Schlüssel zur Verbesserung der Situation liegt in der Aus- und Weiterbildung. „Lebenslanges Lernen ist kein Schlagwort mehr, sondern Alltag“, stellt Vontra fest. „Mit Fortbildungen können sich Arbeitnehmer spezialisieren, aufsteigen oder später noch einmal umsatteln.“ Die Agentur für Arbeit unterstützt dabei aktiv: „Wir haben verschiedene Fördermöglichkeiten für Arbeitgeber, die ihre Fachkräfte selbst ausbilden wollen. Unser Arbeitgeberservice ist mit der Arbeitsmarktberatung in allen Unternehmen, die sich für Qualifizierung interessieren. Da ist noch so viel Potenzial!“

Herausforderung für kleine Familienbetriebe

Für kleine Familienbetriebe, die in der Region häufig sind, stellt sich die Situation besonders herausfordernd dar. „Wir haben bei uns im Agenturbezirk auch viele kleinere Familienbetriebe, die müssen schon schauen, ob sie sich einen zusätzlichen Azubi einfach so leisten können“, erklärt Vontra. Dennoch rät er auch diesen Betrieben, kreativ zu werden: „Ein Familienfest mit Betriebsbesichtigung und Transparenz über das, was zu erwarten ist“ könne beispielsweise eine kostengünstige Möglichkeit sein, sich als attraktiver Arbeitgeber zu präsentieren.

Die Botschaft ist klar: Der Fachkräftemangel im Handwerk ist eine ernste Herausforderung, die nur durch das Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen bewältigt werden kann. Von der Nachwuchsgewinnung über die Integration internationaler Fachkräfte bis hin zur kontinuierlichen Weiterbildung – es braucht ein breites Spektrum an Lösungsansätzen. „Deshalb muss es uns gelingen, mehr junge Menschen für eine Berufsausbildung zu begeistern“, fasst Vontra zusammen. Die Zukunft des regionalen Handwerks hängt maßgeblich davon ab, ob dieser Kraftakt gelingt. vk

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