Michael Vontra hat seit Anfang 2024 den Vorsitz der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Traunstein inne, die für die Landkreise Traunstein, Berchtesgaden, Mühldorf und Altötting zuständig ist. Wie bewerten Sie aktuell die allgemeine Ausbildungssituation?
In diesen drei Landreisen haben wir mehr Ausbildungsstellen als Bewerberinnen und Bewerber. Es sind jetzt noch über 1200 Ausbildungsplätze frei. Das ist für die Ausbildungssuchenden natürlich gut, so eine Auswahl zu haben. Für die Betriebe ist das keine gute Situation. Der Unternehmensnachwuchs fehlt. Wenn ein junger Mensch bereit ist, etwas zu lernen, stehen ihm alle Türen offen.
Uns ist aufgefallen, dass gerade im Landkreis Traunstein die Anzahl der unversorgten Bewerberinnen und Bewerbern deutlich höher ist als im letzten Jahr. Deshalb hier noch einmal ganz dringlich: Die schiere Anzahl der freien Ausbildungsplätze sollte niemanden dazu verleiten, abzuwarten. Der Traumberuf im Traumbetrieb kommt nicht einfach so, den müssen sich alle holen!
Können Sie Veränderungen im Verhalten der Unternehmen bezüglich des Angebots an Ausbildungsplätzen feststellen?
Sie investieren mehr in Ausbildung – bieten mehr Praktika und Schnuppertage, machen Werbung auf Insta oder TikTok und gehen direkt an Schulen. Viele Unternehmen wollen Azubis unbedingt – und zeigen das auch.
Gibt es bestimmte Branchen, die trotz der aktuellen Herausforderungen besonders stabil sind oder sogar mehr Ausbildungsplätze anbieten?
Der Bedarf zum Beispiel bei den medizinischen und nichtmedizinischen Gesundheitsberufen oder in der Pflege ist durch die Demografie bestimmt und weniger durch wirtschaftliche Eintrübungen. Deshalb sind dies beständige Branchen. Auch IT oder die Industrie bilden oft stabil aus – viele sogar mehr als früher. Auch im Handwerk suchen viele dringend Nachwuchs!
Welche Branchen haben derzeit größere Schwierigkeiten, Ausbildungsplätze zu besetzen oder zu halten?
Im Einzelhandel, in der Gastronomie oder bei kleineren Handwerksbetrieben bleibt oft viel unbesetzt. Die Gründe: wenige Bewerber, falsche Vorstellungen – oder wenig Bekanntheit.
Azubis wurden nach erfolgreichem Abschluss in der Vergangenheit meist problemlos übernommen – und wie stellt sich die Situation aktuell dar?
Die meisten Firmen wollen ihre Azubis nach der Ausbildung behalten – denn wer einmal gut eingearbeitet ist, ist Gold wert! In manchen Branchen kann’s aber schwanken – je nach Wirtschaftslage. Die höchste Übernahmequote mit 91 Prozent hat die öffentliche Verwaltung, die niedrigste mit 39 Prozent die Land- und Forstwirtschaft. Ganz allgemein gilt in unserer Region, dass drei von vier Azubis nach erfolgreichem Abschluss übernommen werden.
Gibt es Branchen, in denen die Übernahmequote nach der Ausbildung besonders gesunken ist?
Ja, etwa im Einzelhandel oder im Friseurhandwerk ist die Übernahmequote etwas niedriger. Das liegt teils an wirtschaftlichem Druck oder weniger planbarer Zukunft. Allerdings suchen viele andere Arbeitgeber in den Bereichen. Eine neue Stelle ist gut zu finden.
Gibt es aktuell neue oder besonders gefragte Ausbildungsberufe, die erst kürzlich eingeführt wurden oder an Bedeutung gewonnen haben?
Voll im Kommen: Kaufleute im E-Commerce, Fachinformatiker, Berufe mit Fokus auf Nachhaltigkeit und Digitalisierung.
Neu geordnet werden dieses Jahr im August etwa die Ausbildungsordnungen Kaufleute für Büromanagement, Floristen und Berufe der Bauwirtschaft. Bei allen dreien wurden Ausbildungsinhalte einer umfassenden Revision, insbesondere vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeit, des Klimaschutzes und der Digitalisierung unterzogen. Bei der Bauwirtschaft tritt das aber erst nächstes Jahr in Kraft. In beiden Berufsinformationszentren, Altötting und Traunstein, haben wir die neuesten Infos zu allen Berufen. Die Berufsberatung hilft da schnell weiter!
Inwiefern reagieren Ausbildungsbetriebe auf technologische oder gesellschaftliche Veränderungen durch neue Ausbildungsinhalte?
Themen wie Nachhaltigkeit, Social Media, Digitalisierung oder Teamarbeit werden in vielen Ausbildungen mittlerweile fest integriert. Ausbildungsinhalte sind heute deutlich moderner – und näher am Alltag. Betriebe, die ausbilden, sind an die Ausbildungsordnungen gebunden, weggelassen werden darf hier nichts. Aber natürlich kann ein Betrieb, der etwa schon gut digital unterwegs ist, seinen Azubis einen Vorteil verschaffen, indem er sie da mitnimmt.
Wie unterstützet die Agentur für Arbeit Betriebe und Jugendliche?
Wir sind auf Berufsmessen, organisieren Schulprojekte, bieten Einzelberatungen und haben gute Kontakte zu Unternehmen. Kurz: Wir helfen Ausbildungssuchenden bei der Suche, bei Bewerbungen und bei Fragen rund um Ausbildung und Beruf.
Den Unternehmen bieten wir ebenfalls Beratung an. Wir sind natürlich interessiert daran, dass die Ausbildungsplätze besetzt werden und die Ausbildungsbereitschaft hoch bleibt. Wir haben Förderprogramme für Azubis, damit alle Jugendlichen eine Chance in Unternehmen bekommen. Fördern können wir mit Einstiegsqualifizierung oder pädagogischer Begleitung, Nachhilfe und so weiter.
Welche Herausforderungen erwarten Sie für die kommenden Jahre ?
Die Schulabgängerzahlen gehen zurück – gleichzeitig werden die Berufe vielfältiger. Wir unterstützen Betriebe und Ausbildungssuchende dabei, zusammenzufinden. Die Schere sollte nicht weiter auseinandergehen. Betriebe, die offen sind für ältere Azubis oder ihre Ausbildung auch in Teilzeit anbieten, haben bessere Chancen, die eigenen Plätze zu besetzen.
Thema Bewerbung: Gibt es noch eine klassische Bewerbungsmappe?
Die klassische Bewerbungsmappe gibt’s noch – aber fast alles läuft digital: per E-Mail, Onlineportal oder Whatsapp-Bewerbung. Da gibt es eine Menge zu beachten. Unterstützung bekommen alle bei uns.