Taugen Influencer zur Berufsorientierung?

von Redaktion

Beruf Influencer: eine realistische Option oder eine Illusion?

Dr. Nils Borchers vom Institut für Medienwissenschaft der Universität Tübingen über den Wunsch vieler Jugendlicher, Influencer zu werden, über den Berufsalltag und die harte Arbeit hinter der nach außen hin oft so leicht wirkenden Welt.

Weshalb werden Influencerinnen und Influencer so bewundert?

„Ich denke, dass das eng mit unserer Kultur zusammenhängt: Berühmt sein zu wollen, ist fest in unserer Gesellschaft verankert. Denken Sie allein an den Wunsch Fußballspieler, Schauspieler oder Musiker zu werden. Heute ist dieser Kreis um die Influencer erweitert. Sie sind weitere „Stars unserer Zeit“.

Doch während große Stars über Exklusivität funktionieren – man bekommt also kaum Einblicke in ihr privates Leben –, leben Influencer von Inklusivität. Sie teilen ihren eigenen Alltag, selbst die banalsten Momente. Dadurch wirken sie wie „Menschen von nebenan“, was gerade für junge Menschen attraktiv ist. Umso naheliegender erscheint der Wunsch: „Das könnte auch ich sein.“

Taugt das zur Orientierung für die Berufswahl?

„Es gibt zwei Seiten. Auf der einen Seite ist es ganz üblich, dass Kinder und Jugendliche große Träume haben – das ist beim Wunsch „Fußballstar“ zu werden, nicht anders. Dass heute viele sagen „Ich will Influencer werden“, verwundert daher nicht. Auf der anderen Seite wirkt es oberflächlich leichter, als es tatsächlich ist. Es braucht lediglich ein Smartphone, einen TikTok- oder Instagram-Account. Auch scheint der Einstieg einfach. Aber um tatsächlich erfolgreich zu sein, braucht man viel Durchhaltevermögen, Gespür für Themen und auch eine Portion Glück, dass der Algorithmus die eigenen Inhalte „hochspült“.

Anders als beim Dachdecker oder einer Pflegekraft gibt es keine Ausbildung zum Influencer. Das ist kein regulärer Berufsweg. Wer auch ernsthaft über Berufswahl nachdenkt, merkt meisten schnell: Influencer zu werden ist eher ein Traum – und ersetzt nicht die Überlegung, welche Ausbildung oder welcher Beruf wirklich zu einem passt.“

Wie sieht der Arbeitsalltag hinter den Kulissen aus?

Von außen wirkt es oft so, als gehe es nur um ein paar schöne Fotos. Tatsächlich steckt dahinter eine enorme Menge Arbeit: Planung, Fotoshootings, Videoproduktion, Bearbeitung, die richtige Story. Hinzu kommt die geschäftliche Seite: Kooperationen anbahnen, Verhandlungen mit Marken führen, Selbstvermarktung betreiben.

Vor allem am Anfang ist das ein „Hope-Labour“-Job – also Arbeiten in der Hoffnung, dass sich diese Mühen irgendwann auszahlen. Viele investieren viel Zeit oder sogar eigenes Geld, bekommen dafür aber höchstens kostenlose Produkte oder kleine Rabatte. Nur wenige schaffen es, so groß zu werden, dass sie vom Influencer-Dasein ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Das sollte man realistisch sehen: Hinter sonnigen Bildern vom Pool verbirgt sich oft ein härterer, unsicherer Alltag.“

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