Auswahl braucht Orientierung

von Redaktion

Vielfalt bietet Chancen, macht aber eine intensive Berufsorientierung umso wichtiger

Michael Vontra, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Traunstein, und auch zuständig für den Landkreis Mühldorf, über Chancen und Herausforderungen auf dem Ausbildungsmarkt in der Region.

Welche Branchen in der Region sind stark in Sachen Ausbildung und wie groß ist hier die Vielfalt der Ausbildungsberufe?

Die meisten Berufsausbildungsstellen (137) gibt es im Landkreis Mühldorf wie schon seit Jahren im Bereich der Verkaufsberufe. Unter diesem Oberbegriff ist eine große Bandbreite versteckt. Das reicht vom Verkauf von Lebensmitteln, Bekleidung, Autos, Haushaltswaren oder ohne Produktspezialisierung. Um Verkauf dreht es sich bei allen, doch sind je nach Produkt ganz andere Lerninhalte erforderlich. Auf Platz zwei bei den Ausbildungsstellen mit über 80 Angeboten stehen die Mechatronik- Energie- und Elektroberufe. Diese kommen sowohl von den großen Betrieben als auch vom eher kleinen Familienbetrieb. Gleich im Anschluss auf Rang drei stehen die Berufe aus Maschinen- und Fahrzeugtechnik. Insgesamt kommen die meisten Angebote aus dem Verarbeitenden Gewerbe.

An der Spitze der unbesetzten Ausbildungsstellen stehen schon seit Jahren die Berufe im Verkauf allgemein und der Verkauf von Lebensmitteln. Ebenso Lebensmittel- und Speisenherstellung, also Metzger, Bäcker, Köche. Die jungen Menschen denken schon sehr früh an ihre Work-Life-Balance und überlegen auch Kriterien wie Arbeitszeiten, Einkommen und Familienfreundlichkeit bei ihrer Berufswahl.

Im Landkreis Mühldorf gibt es eine sehr gute Auswahl an Ausbildungsstellen. Durch die gute Verkehrsanbindung können die jungen Leute ohne Führerschein auch auf das Angebot in Nachbarlandkreisen oder der Landeshauptstadt zugreifen, wenn der Wunschberuf nicht in unmittelbarer Nähe angeboten wird.

Aufgrund der Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium wird es einen massiven Rückgang der Abiturientenzahlen geben. Gehen Sie davon aus, dass dies zu einem einmaligen Mangel an potenziellen Auszubildenden führen wird?

Im gesamten Agenturbezirk Traunstein mit den vier Landkreisen haben wir zwischen 500 und 600 Abiturienten weniger in diesem Jahr. Die meisten entscheiden sich für ein Studium.

Die Anzahl der Abiturienten an unseren Bewerberinnen und Bewerbern lag dieses Jahr bei 22, bzw. 3,6 Prozent. Im Vorjahr waren es 13; also noch weniger. Für den Ausbildungsmarkt insgesamt macht es bei uns keinen großen Unterschied.

Und wie ist die Situation bei den Absolventen der Mittelschulen?

Absolventen der Mittelschulen stellen bei unseren Bewerberinnen und Bewerbern den zweitgrößten Anteil mit 257 jungen Leuten. Die meisten (287) kommen jedoch aus den Realschulen.

Bei der überwiegenden Anzahl der Ausbildungsstellen wird ein Mittelschulabschluss vorausgesetzt, nur bei knapp einem Viertel wird die mittlere Reife verlangt.

Schulabschluss, Zeugnisse und Noten sind freilich wichtige Anhaltspunkte bei einer Bewerbung um einen Ausbildungsplatz, beim Vorstellungsgespräch zählen jedoch auch Sympathie, Vertrauen und Persönlichkeit. Viele Betriebe sind offen für kurzfristige Bewerbungen, wenn die Motivation stimmt, auch wenn die Noten eine andere Geschichte erzählen. Wir wissen aus vielen Gesprächen mit Arbeitgebern, die als Chancengeber aufgetreten sind, wie erstaunlich es ist, welche Entwicklung ein junger Mensch nehmen kann, wenn er merkt, dass sich jemand wirklich für ihn interessiert und ihn fördern will.

Viele Jugendliche treten nach der Schule zunächst Praktika oder andere Übergangsmaßnahmen an, anstatt direkt eine Ausbildung zu beginnen. Dies verzögert den Eintritt in den Arbeitsmarkt: Können Messen hier bei der Berufsorientierung helfen?

Stand Ende August waren von den 606 Bewerberinnen und Bewerbern 348 mit einem Ausbildungsvertrag versorgt, 95 wollten eine weiterführende Schule besuchen, wobei wir schätzen, dass dieser Anteil noch größer wird, weil sich die Jugendlichen meist erst nach den Ferien abmelden. Das Jahr „Auszeit“ kennen wir überwiegend von Abiturienten, die sich vor Studienbeginn mit zum Beispiel Work & Travel oder einem freiwilligen Sozialen Jahr ein Stück Richtung erhoffen.

Bevor ein junger Mensch eine Ausbildung beginnt, die weder er erfüllend, noch sein Arbeitgeber als erfolgversprechend sehen kann, ist es wirklich besser, sich klar zu orientieren. Es gibt berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen, die über unsere Berufsberatung eingerichtet werden. Das hilft enorm bei der Frage nach der beruflichen Zukunft.

Natürlich können Messen bei der Berufsorientierung und -findung bei den Schülerinnen und Schülern helfen. Es ist leichter, viele Unternehmen nebeneinander auf einer Messe kennenzulernen, als bei einem Unternehmen nach einem Praktikum anzufragen. Da ist auch eine Menge Scheu dabei.

Die jungen Menschen heutzutage stehen vor einer Fülle von Informationen, die noch vor zehn Jahren nicht vorlag. Social Media, Internet und Homepages der Firmen liefern alles, was man wissen möchte. Hier die richtige Information herauszufiltern ist für einen jungen Menschen nicht leicht, zumal ja auch andere Dinge im Leben eines 15- 16-jährigen wichtig sind außer der Berufswahl. In der Beratung haben wir oftmals den Eindruck, es ist nicht trotz, sondern wegen der Informationsfülle schwierig.

Für jeden jungen Menschen gilt, dass er oder sie herausfindet, wo die eigenen Stärken liegen. Oder sie wissen zumindest, was sie auf keinen Fall werden möchten. Das ist ein guter Anfang.

Ein professioneller Stärkentest wie Check-up und eine anschließende Berufsberatung kann die Berufswünsche dann schon eingrenzen. Wie es wirklich im Berufsalltag zugeht, kann dann tatsächlich durch ein Praktikum, also ein echtes Betriebserleben erreicht werden. Es ist nicht schlimm, wenn einem jungen Menschen sein Praktikum nicht gefallen hat. Das bewahrt vor einer falschen Berufsentscheidung und der Enttäuschung beider Seiten. Wichtig ist, dann eine andere Richtung einzuschlagen und nicht gleich bei der ersten Schwierigkeit hinzuwerfen.

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