Die psychische Belastung nimmt an vielen Arbeitsplätzen zu. Welche Auswirkungen das hat und was Betriebe – aber auch jeder einzelne tun können, berichtet Teja Flanhardt im Interview. Sie ist Teamleiterin des betrieblichen Gesundheitsmanagements der AOK Bayern in Augsburg.
Frau Flanhardt, was machen Sie beim betrieblichen Gesundheitsmanagement eigentlich?
Wir bringen das Thema Gesundheitsförderung in die Arbeitswelt. Ich berate und begleite Unternehmen, die sagen: „Wir wollen das Thema Gesundheit nachhaltig bei uns integrieren.“ Wenn man es ganz knapp sagen möchte: Ich mache Unternehmensberatung zum Thema Gesundheitsförderung.
Wie verbreitet sind psychische Probleme am Arbeitsplatz – etwa Burnout, Depression oder Überlastung?
Leider sehen wir eine deutliche Zunahme. So sind die Krankschreibungen bei AOK-versicherten Beschäftigten in Bayern aufgrund psychischer Erkrankungen seit 2014 um rund 30 Prozent gestiegen.
Früher waren psychische Belastungen am Arbeitsplatz ein Tabuthema. Warum wird das heute ernster genommen – und welche Folgen hat das?
Auch heute noch sind psychische Erkrankungen teils mit einem Stigma belegt. Aber in den letzten zwei Jahrzehnten hat sich viel gewandelt. Zum einen gibt es heute einen stärkeren wissenschaftlichen Fokus und mehr Wissen – auch bei Hausärzten, die oft erste Anlaufstelle für Betroffene sind. Auch der Gesetzgeber hat neue Regelungen über den Arbeitsschutz eingeführt – etwa die psychische Gefährdungsbeurteilung.
Welche Krankheitsbilder können durch psychische Belastung entstehen?
Psychische Gesundheit ist ein sehr breites Feld. Es reicht von allgemeinen Symptomen wie Müdigkeit oder Kopfschmerzen bis hin zu manifesten depressiven Störungen oder Burnout.
Was viele vergessen: Psychische Belastung zeigt sich oft zunächst körperlich – zum Beispiel hat jemand mit Dauer-stress einen erhöhten Muskeltonus. Das kann sich dann etwa als Nackenverspannung bemerkbar machen. Denkbar sind auch Symptome wie Magenprobleme oder Hautreaktionen. Manche entwickeln auch einen Tinnitus oder Herz-Kreislauf-Störungen. Und umgekehrt: Wer etwa chronische Schmerzen hat, hat ein höheres Risiko für depressive Episoden.
Was sind typische Ursachen für psychische Belastungen im Arbeitsleben?
Psychische Belastungen sind vielfältig und werden individuell unterschiedlich wahrgenommen. Was für die eine Person noch machbar ist, bringt die andere an ihre Grenze.
Das hängt auch damit zusammen, wie es der Person gerade insgesamt im Leben geht. Wenn etwa privat noch zusätzliche Belastungen wie Pflege von Angehörigen oder schlaflose Nächte mit Kleinkindern dazukommen, steckt man Stress im Job vielleicht weniger gut weg.
Die AOK Bayern hat seit 2016 rund 41500 Beschäftigte unter anderem zu den Ursachen für psychische Belastungen am Arbeitsplatz befragt. Das Ergebnis: Branchenübergreifend liegen Termin- und Leistungsdruck, häufige Unterbrechungen und zu große Arbeitsmengen ganz vorne.
Gibt es Gruppen, die besonders betroffen sind?
Ja, bei jüngeren Beschäftigten sehen wir seit der Pandemie eine Zunahme bei den psychischen Erkrankungen. Und wenn Sie nach Berufsgruppen fragen – die Pflege ist besonders betroffen.
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