Lobesworte reichen nicht

von Redaktion

INTERVIEW Kreisbrandrat Harald Lechertshuber

Was genau sind Ihre Aufgaben als Kreisbrandrat?

Der Kreisbrandrat ist zuständig für die übergeordnete Instanz der Feuerwehren. Er regelt die Zusammenarbeit bei Einsätzen, die Alarmierungsplanung und vieles mehr. Man muss es sich so vorstellen: Jede Kommune hat ihre eigene Feuerwehr, die selbstständig arbeitet. Der Bürgermeister ist dort der oberste Chef, der Kommandant führt die Feuerwehr. Darüber gibt es die Kreisbrandinspektion, die überörtliche Tätigkeiten koordiniert. Wir kümmern uns nicht um das tägliche Einsatzgeschehen, außer wenn Einsätze größer oder schwieriger werden. Dann unterstützen wir.

Wir organisieren Ausbildungen, kümmern uns um vorbeugenden Brandschutz in Zusammenarbeit mit Kommunen und Architekten, und wir legen fest, welche Feuerwehr mit welchem Gerät ausrückt. Kurz gesagt, wir sind keine Aufsichtsbehörde, sondern eine übergeordnete Organisation, die die Zusammenarbeit sicherstellt.

Sind Sie als Kreisbrandrat hauptberuflicher Feuerwehrmann?

Nein, das Ganze läuft ehrenamtlich – so wie bei jedem Feuerwehrkommandanten. Ich gehe normal in die Arbeit und mache das nebenbei. Mir stehen aber zwei Kreisbrandinspektoren sowie sieben Kreisbrandmeister zur Seite, die jeweils für bestimmte Gebiete oder Fachbereiche verantwortlich sind. Man kann sich das wie eine Hierarchie vorstellen: Kreisbrandmeister betreuen mehrere Feuerwehren, Inspektoren die Hälfte des Landkreises – und diese berichten dann direkt an mich.

Wie ist das Verhältnis von Ehrenamt und Beruf bei den Feuerwehren im Landkreis Mühldorf?

Es ist zu hundert Prozent Ehrenamt. Berufsfeuerwehren haben wir nicht, lediglich hauptamtliche Gerätewarte, die Fahrzeuge und Geräte pflegen.

Vor welchen aktuellen Herausforderungen stehen die Feuerwehren?

Unsere Hauptprobleme hängen mit dem Klima zusammen: Hochwasser, Starkregen, Stürme, aber auch Wald- und Flächenbrände nehmen massiv zu. Besonders Waldbrände stellen uns vor große Aufgaben, da die Böden heute oft extrem trocken sind. Deshalb schaffen wir gerade neue Ausstattungen und bilden die Feuerwehren speziell dafür aus.

Wie wirkt sich das auf die Einsätze und die Ausrüstung aus?

Bei Hochwasser brauchen wir Pumpen, Schläuche und Sauger – das ist Routine. Schwieriger ist die Waldbrand-Thematik. Dafür setzen wir gerade gezielt auf spezielle Technik und Ausbildung.

Wie sieht die Lage im Straßenverkehr aus? Steigen die Unfallzahlen?

Nein, die Unfallzahlen sind nicht gestiegen. Motorradunfälle gibt es, aber nur wenige im Jahr – sie sind aber leider oft schwer. Im Vergleich zu früher, etwa zur B12, ist die Situation heute viel besser. Auf der Autobahn haben wir nur selten tödliche Unfälle, oft geht es eher um Auffahrunfälle durch Unachtsamkeit oder bei Regen. Autos sind viel sicherer geworden, und die Autobahn ist grundsätzlich ein sicherer Verkehrsweg.

Einsätze sind manchmal sehr belastend. Welche Unterstützung gibt es für Feuerwehrleute?

Wir haben im Landkreis zwei Feuerwehrseelsorger, die sofort hinzugezogen werden können. Bei besonders schweren Einsätzen – wie etwa beim Schleuser-Einsatz in Ampfing – sind sie sofort vor Ort und kümmern sich individuell um die Kräfte. Wenn nötig, ziehen wir auch professionelle psychologische Hilfe hinzu, deren Kosten der Landkreis übernimmt. Dazu gibt es auch den Kriseninterventionsdienst, der gerade gut aufgebaut wird.

Wie erleben Sie das Verhältnis der Bevölkerung zur Feuerwehr?

Im Großen und Ganzen positiv. Aber manchmal kommen wir uns vor wie ein Hausmeister-Service. Was mich sehr stört, ist der wachsende Egoismus: Leute behindern Rettungskräfte, pöbeln uns an oder filmen lieber für soziale Medien, statt zu helfen. Gewalt oder Beschimpfungen gegen Einsatzkräfte – das ist für mich unverständlich und unerträglich. Ich fürchte, dass sich dieser Trend verstärkt und das Ansehen der Feuerwehr langfristig leidet.

Wie steht es aktuell um die Nachwuchsgewinnung?

Da sind wir tatsächlich in einer glücklichen Lage: Nahezu 900 Jugendliche sind aktiv in den Feuerwehren im Landkreis. Wir haben eine sehr starke Jugendarbeit – mit Zeltlagern, Veranstaltungen und Schulungen, auch unterstützt von der Kreisverwaltung. Letztlich hängt es aber von den Feuerwehren vor Ort ab, die das sehr gut und engagiert machen.

Was wünschen Sie sich von Politik und Gesellschaft für die Zukunft?

Lechertshuber: Mehr Verständnis. Lobesworte allein reichen nicht. Wenn wir im Kreistag zum Beispiel über ein Waldbrandkonzept sprechen und es Gegenwind aus politischen Gründen gibt, geht es am eigentlichen Ziel vorbei. Wir wollen helfen und dafür brauchen wir Rückhalt und Akzeptanz.

Gibt es weitere große Herausforderungen, die von den Feuerwehren zu bewältigen sind?

Eigentlich nicht. Wir haben schon genug zu tun mit Personal-, Nachwuchs- und Klima-Einsätzen. Wenn wir das alles abgedeckt bekommen, sind wir mehr als ausgelastet.

Das Interview führte

Katharina Vähning

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