Bilder, die sich einbrennen. Ereignisse und Schicksale, die Einsatzkräfte an ihre psychischen Grenzen bringen. Wenn Feuerwehrfrauen und -männer im Landkreis Mühldorf diese Erfahrung machen, sind Diakon Alfred Stadler und Diakon Andreas Klein zur Stelle. Beide kümmern sich ehrenamtlich als Feuerwehrseelsorger um die Psyche der Helfer – oft mitten im Einsatz, manchmal noch Wochen später. Im Gespräch erklären sie, wie ihre Arbeit funktioniert und warum sie wichtig ist.
Alfred Stadler bringt viele Rollen unter einen Hut: Diakon, Gefängnisseelsorger, Dekanatsreferent, Vorsitzender des Fördervereins für die Caritas-Beratungsstelle und aktiver Feuerwehrmann in Mößling. Zusammen mit Andreas Klein ist er in der Kreisbrandinspektion für die Feuerwehrseelsorge im gesamten Landkreis zuständig. Ihre Arbeit ist ehrenamtlich – und oft genau dann gefragt, wenn sie ohnehin schon andere Pläne haben. Unterstützung erhalten beide auch von ihren Familien. Bei Stadler steht seine Frau Claudia, Pastoralreferentin in der Stadtkirche, als ideale Begleiterin fest an seiner Seite.
Beide sind überzeugt: Feuerwehrseelsorge ist „Erste Hilfe für die Seele“. Und im Landkreis Mühldorf gibt es dafür zwei Menschen, die mit Herz, Fachwissen und Einfühlungsvermögen da sind – wenn andere gerade alles geben.
Was sind Ihre Aufgaben als Seelsorger bei der Feuerwehr?
Alfred Stadler: Eine unserer Hauptaufgaben liegt in der sogenannten Psychosozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte – kurz PSNV-E. Wir arbeiten in drei Säulen: Erstens die Aus- und Fortbildung, damit Kameradinnen und Kameraden schon im Vorfeld wissen, welche Einsätze psychisch belasten können, wie sich diese Belastung auswirkt und wie man damit umgehen kann.
Zweitens sind wir im Einsatz selbst da, bieten Gespräche an oder erklären mögliche psychische Nachwirkungen. Drittens kümmern wir uns im Nachhinein um Einsatzkräfte, die längere Probleme haben – und vermitteln bei Bedarf an Fachkräfte wie Psychotherapeuten oder Traumaambulanzen.
Andreas Klein: Neben diesen Punkten gehören auch ganz persönliche Anfragen dazu: Taufen, Hochzeitsbegleitung, Beerdigungen – aber auch das gemeinsame Gebet am Unfallort, wenn Kameradinnen oder Kameraden darum gebeten werden. Das kann enorme Kraft geben, um wieder in den Alltag zurückzukehren.
In welchen Situationen werden Sie explizit hinzugezogen?
Alfred Stadler: Häufig gibt es schon lange vorher geplante Termine für Einheiten in der Grundausbildung, bei denen wir den PSNV-E-Teil gestalten. Wir informieren über belastende Einsätze und den gesunden Umgang damit. Das ist präventiv unglaublich wichtig.
Andreas Klein: Akut werden wir oft bei schweren Verkehrsunfällen mit Todesfolge alarmiert, bei großen Bränden oder Einsätzen mit vielen Betroffenen. Ein Beispiel war der Schleuserunfall 2023 in Ampfing – da stießen viele völlig an ihre Grenzen.
Alfred Stadler: Auch nach Einsätzen sind wir da. Falls jemand noch Tage oder Wochen später Gesprächsbedarf hat, kann er direkt oder über die Führungskräfte auf uns zukommen.
Wie lange bleiben Sie bei den Betroffenen?
Andreas Klein: Wir bleiben, solange wir gebraucht werden. Manchmal ist die Nachbesprechung im Feuerwehrhaus beendet. Unsere wichtigsten „Hilfsmittel“ sind Offenheit, Empathie, Ruhe und Zuhören. Wir geben keine schnellen Ratschläge, sondern sind einfach als Mensch da – für unser Gegenüber, so wie es ist.
Alfred Stadler: Oft setzen wir nach dem Einsatz im Feuerwehrhaus eine sogenannte Psychoedukation an: Wir erklären, welche psychischen Reaktionen in den nächsten Tagen auftreten können, manchmal entstehen Belastungen erst Stunden oder sogar Tage später.