Kerzenschein, Weihnachtslieder, Plätzchen und Punsch – alles friedlich, harmonisch und ganz ohne Streit: Weihnachten soll frei von Konflikten bleiben, so der große Wunsch. Aber wenn Erwartungen, Traditionen und unterschiedliche Familienwelten aufeinanderprallen, was dann? Ist es besser, die Erwartungen nicht zu hoch zu halten, sondern herunterzuschrauben?
Die Klinik Medical Park Chiemseeblick in Bernau-Felden, eine psychosomatische Klinik, hat Erfahrung mit den Themen Erwartungen und Krisen. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Andreas Menke, Ärztlicher Direktor und Chefarzt Medical Park Chiemseeblick, und Dr. med. Melanie Winkler, Leitende Oberärztin und Fachärztin für psychosomatische Medizin und Psychotherapie im Medical Park Chiemseeblick, über Familienstreit zum Fest, Erwartungsdruck und darüber, wie man besser durch die Feiertage kommt.
Die Weihnachtszeit gilt als emotional bedeutsam. Und doch hört man auch immer die Klage, dass gerade diese Zeit so stressig ist.
Warum ist das so?
Prof. Menke: Weihnachten weckt deshalb bei vielen Menschen starke Gefühle, weil es Erinnerungen, Erwartungen und familiäre Dynamiken bündelt.
Und diese Mischung aus Tradition, Erwartungen, Nähe und Harmonie kann einerseits Freude auslösen, aber eben auch großen Druck erzeugen. Seien es Gedanken wie: „Das Weihnachtsfest muss gelingen, für das Essen muss gesorgt sein, die Geschenke müssen besorgt werden“. Oder sei es, dass man sich als Familie über das Jahr nicht allzu oft sieht, aber dass an Weihnachten alle zusammenkommen wollen und sollen.
Viele Arbeitnehmer setzen sich zusätzlich unter Druck, weil sie den Drang verspüren, zum Ende des Jahres noch Dinge zu schaffen beziehungsweise abzuschließen. Grundsätzlich kann man sagen, dass der Stress zu Weihnachten noch einmal zunimmt, dass aber Menschen unter einer Last bekanntlich nicht netter werden. Die hohen Erwartungen an das Fest, der Druck, es besonders perfekt zu gestalten, und dass alles möglichst harmonisch ablaufen soll – all das kann dazu führen, dass etwas schiefgeht.
Dr. Winkler: Gerade die Vorweihnachtszeit gaukelt einem vor, dass es mindestens zu zweit schöner ist, als allein zu sein. Das Gefühl der Einsamkeit kann sich bei Menschen, die an Depressionen leiden, noch verstärken. Auch die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen kann sich an den Weihnachtstagen verstärken.
Kommen in diesen Tagen vermehrt Menschen zu Ihnen in die Klinik, denen die Weihnachtsfeiertage Angst oder Probleme bereiten?
Prof. Dr. Menke: Punktuell schon. Meist wollen die Patienten, die ohnehin schon bei uns in Behandlung sind, auch verstärkt über die Feiertage sprechen. Über die klassischen Themen rund ums Fest, wie Familie, Einsamkeit, Perfektionszwang. Es kommen aber natürlich auch Menschen zu uns, die gerade in dieser Jahresendzeit eine Krise durchleben. Wie gesagt, für Menschen, die an Einsamkeit, an einer Depression, einem Burn-out oder Erschöpfungssymptomen leiden, ist die Jahresendzeit ohnehin besonders schwierig, denn zu einer großen Arbeitsbelastung kommt häufig noch der Druck im privaten Umfeld hinzu, den Weihnachten in vielen Familien mit sich bringt. Seien es die rein materiellen Aspekte, also der Geschenkekauf, oder die familiären Themen, die ohnehin schon in der Luft liegen mögen.
Dr. Winkler: Wir betreuen das ganze Jahr über Patientinnen und Patienten. Wir setzen stets auf eine ganzheitliche Betrachtung, um Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Nur das Gefühl zu haben, dass einem Weihnachten über den Kopf wächst, reicht also nicht aus.
Für einen akutstationären Aufenthalt braucht der Patient schon eine Krankenhauseinweisung. Angehörige können als Begleitperson Weihnachten gemeinsam mit ihren Lieben verbringen. Heuer bieten wir erstmals dazu auch Präventionsangebote wie individuell angepasstes Herz-Kreislauf-Training, psychotherapeutische Beratung sowie Entspannungstechniken, Achtsamkeitstraining und Stressmanagement und ein abwechslungsreiches Outdoorprogramm an.
Welche Strategien helfen, dass Weihnachten nicht im Streit endet?
Prof. Dr. Menke: Entspannen, sich zurücklehnen, es ruhiger angehen lassen. Unsere Erwartungshaltung in Bezug auf perfekte Geschenke oder darauf, dass alles friedlich und harmonisch sein muss, ist zu hoch. Es sind ja immer die gleichen Rituale. Vielleicht sollte man sich hier auch mal etwas flexibler geben und Raum schaffen für kleine Kompromisse.
Dr. Winkler: Konflikte an Weihnachten haben ihre Vorgeschichte. Man sollte also nicht über die Weihnachtsfeiertage Probleme klären, die schon lange schwelen. Es lohnt sich auch, die Erwartungen zurückzuschrauben. Und statt von Familie zu Familie rundzureisen, empfehle ich, Weihnachten nur an einem Ort zu verbringen. Familie kann man über das ganze Jahr verteilt besuchen.
Prof. Dr. Menke: Aber hier muss man klar sagen: Wer sich dazu entschieden hat, muss sich auch daran halten. Wer sagt, wir kommen nicht an Weihnachten oder wir schenken uns nichts, muss auch auf diesem Standpunkt beharren.
Und wie verbringen Sie selbst die Weihnachtsfeiertage?
Prof. Dr. Menke: Ganz entspannt mit meiner Familie.
Dr. Winkler: Wir werden heuer tatsächlich nicht von Familie zu Familie reisen, sondern Weihnachten nur an einem Ort verbringen.