Fraueninsel – Es gibt Momente, in denen das Leben einen aufwühlt wie ein Föhnsturm den Chiemsee: Krankheit, Sorgen, Überforderung. Und doch begegnet man Menschen, die trotz allem weitergehen. Ihr Geheimnis heißt Resilienz – die Fähigkeit, innere Stärke zu entwickeln und Krisen zu bewältigen. „Leben, lieben, lachen – trotz allem“ lautet der Titel eines Resilienz-Seminars auf der Fraueninsel. Vier Tage – kann das reichen, um den eigenen Blick aufs Leben zu verändern? Ein Selbstversuch.
Die Qigong-Übung heißt „Den Himmel stützen“. Kursleiterin Sabine Heyer Jahn steht mit uns an einer stillen Bucht der Fraueninsel. Barfuß im kühlen Wasser, den Himmel über uns. „Stemmt die Hände dem Himmel entgegen“, sagt sie. Ein schöner Gedanke – und doch zweifle ich.
Keine Bewertung,
keine Verurteilung
Resilienz, erklärt Sabine, sei keine angeborene Gabe, sondern eine Haltung, die wächst – im Alltag, im Miteinander, oft gerade in Krisenzeiten. Auch sie selbst stand vor 16 Jahren an einem Wendepunkt. „Ich hatte mich selbst an die Wand gefahren. Erst als ich aktiv wurde, kam die Wende.“ Unterstützung, Rituale und Zuspruch halfen ihr, Stabilität zu finden – heute begleitet sie andere auf diesem Weg.
Warum die Fraueninsel? „Veränderungen brauchen Abstand, Raum zur Reflexion und Orte der Ruhe.“ Die Überfahrt steht für das Loslassen des Alten. Wer ankommt, kann Körper und Geist neu ausrichten. Das Kloster, in dem wir wohnen, ist Rückzugsort und Symbol zugleich. Schwester Scholastika überreicht mir den Schlüssel – „Sie bekommen das Hochzeitszimmer“, sagt sie und lächelt.
Resilienz bedeutet, Überforderung auszuhalten, Verantwortung für das eigene Denken zu übernehmen und auf sich selbst zu achten. Rituale helfen, den Kontakt zu sich nicht zu verlieren – etwa die fließenden Bewegungen des Qigong. Wir malen, tanzen, essen gemeinsam, teilen Geschichten und bauen ein tragendes Netz aus Begegnungen. Vertrauen entsteht, Offenheit wächst.
In Einzelgesprächen führt Sabine sanft zu Themen, die Heilung brauchen. Es geht nicht um Bewertung, sondern um Verständnis. Tränen fließen, doch auch Lachen erfüllt den Raum. Diese Haltung wurzelt in der Positiven Psychologie, einem Ansatz, der sich weniger auf Defizite als auf Stärke und Lebensfreude konzentriert. Dankbarkeit, Kreativität, Mut – all das lässt sich trainieren und stärkt die Seele.
Tagebuch der
Möglichkeiten
„Schreibt euer Tagebuch der Möglichkeiten“, fordert Sabine uns auf. Glaubenssätze wie „Ich kann nicht…“ sollen abweichen. Stattdessen: „Selbstverständlich kann ich…“ Und plötzlich spüre ich, wie sich etwas verändert.
Am letzten Morgen stehen wir wieder in der Bucht. Bine ruft: „Auf geht’s, stützen wir den Himmel!“ Mein anfänglicher Zweifel ist verflogen. In mir wächst das Gefühl: Selbstverständlich kann ich den Himmel stützen. Wer, wenn nicht ich? Auch dann, wenn das Schiff wieder im Alltag anlegt.