Wenn Pflichtgefühl krank macht

von Redaktion

Präsentismus: Wer öfter krank arbeiten geht, riskiert langwierige Folgen

Viele Menschen gehen auch mit Husten, Kopfschmerzen oder Erschöpfung zur Arbeit – aus Pflichtgefühl, wegen Terminen oder weil „niemand sonst es machen kann“. Doch wer krank arbeitet, riskiert deutlich mehr als einen zähen Arbeitstag. Eine Untersuchung der TU Chemnitz, der Universität Groningen und der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg zeigt: Je öfter Menschen krank arbeiten, desto stärker häufen sich laut Studie Anzeichen chronischer Müdigkeit. „Wer Präsentismus regelmäßig zeigt, läuft Gefahr, in eine Spirale aus Überforderung und dauerhafter Erschöpfung zu geraten“, warnt Co-Autor Dr. Oliver Weigelt von der Universität Groningen. „Wer krank arbeitet, braucht wesentlich länger, um sich zu regenerieren“, sagt Studienleiterin Dr. Carolin Dietz von der TU Chemnitz. Viele unterschätzen, wie viel Energie der Körper für die Genesung braucht. „Unsere Daten zeigen, dass sich Erschöpfung nach solchen Phasen nur langsam über mehrere Wochen hinweg abbaut.“ Die Forschenden begleiteten 123 Berufstätige über bis zu 16 Wochen. In wöchentlichen Tagebüchern dokumentierten die Teilnehmenden, ob sie trotz Krankheit arbeiteten und wie müde sie sich fühlten. Das Ergebnis ist eindeutig: In den Wochen, in denen Beschäftigte krank zur Arbeit gingen, stieg ihr Erschöpfungsniveau deutlich – und blieb auch in den folgenden Wochen erhöht. Wer krank ist, sollte ehrlich einschätzen, ob er wirklich leistungsfähig ist und langfristige Gesundheit womöglich über kurzfristige Anwesenheit stellen. Davon hat auch der Arbeitgeber etwas, denn „Präsentismus kann aus Sicht der Beschäftigten kurzfristig pragmatisch erscheinen, führt aber mittelfristig zu Leistungsabfall und höheren Belastungskosten“, so Wirtschaftspsychologe Professor Bertolt Meyer, TU Chemnitz. Bei Überlastung sollten Betroffene das Gespräch suchen. Experten empfehlen, nicht erst dann zu reden, wenn man schon völlig erschöpft ist. Ein kurzes Signal („Ich merke gerade, dass ich zu viel zu tun habe oder gesundheitlich angeschlagen bin“) ist souverän und ermöglicht es Führungskräften, Aufgaben umzuverteilen oder Prioritäten neu zu sortieren. Gerade bei Homeoffice oder flexiblen Arbeitsformen sollten Arbeitnehmende darauf achten, dass Erholungsphasen real wahrgenommen werden, und zwar nicht nur formell, sondern wirklich Körper und Geist herunterfahren. Mehrere Studien zeigten bereits vor der Corona-Pandemie, dass Beschäftigte im Homeoffice häufiger zu gesundheitsgefährdendem Präsentismus-Verhalten neigen, so die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Und schließlich sind auch die Arbeitgeber gefragt: Um Präsentismus vorzubeugen, sollten Unternehmen eine Arbeitsumgebung schaffen, die es den Beschäftigten ermöglicht, im Krankheitsfall eine angemessene Entscheidung zu treffen, heißt es von der BAuA: etwa durch Maßnahmen wie flexiblere Arbeitszeiten, ein durchdachtes Ausfallmanagement und eine Führungskultur, die den Wert der Regeneration im Krankheitsfall betont. tmn

Hintergrund

Unter Präsentismus wird vorrangig das Verhalten von Mitarbeitern verstanden, die trotz Krankheit, die ein Fehlen legitimiert hätte, zur Arbeit gehen. Er sollte nicht mit dem Verhalten von motivierten Beschäftigten verwechselt werden, die trotz Unwohlsein, leichter Erkältung oder mäßigen Kopfschmerzen ihre Tätigkeit fortsetzen, so die Initiative Gesundheit und Arbeit (IGA). Auch existieren in der medizinischen Forschung mittlerweile zahlreiche Hinweise, dass das Weiterarbeiten bei einigen Erkrankungen sogar vorteilhaft sein könne, etwa bei psychischen Erkrankungen.

Artikel 1 von 11