Was hält eine Gesellschaft im Innersten zusammen? Zur Weihnachtszeit wird an Werte erinnert, die essenziell dafür sind: Nächstenliebe, Mitgefühl und Respekt. Ist eine Gesellschaft daran orientiert, sind Frieden und ein gutes Miteinander möglich. Diese Werte müssen allerdings von jedem Einzelnen gelebt und im Alltag umgesetzt werden – besonders dann, wenn Menschen verletzt, verunsichert oder Opfer von Straftaten geworden sind.
Wer den Schaden hat,
braucht für den Spott nicht
zu sorgen
Doch genau hier zeigt sich eine Schieflage. Betroffene erfahren häufig Misstrauen oder Schuldzuweisungen, so die Erfahrung von Kriminalhauptkommissar Simon Bräutigam, der bei der Polizei für die Beratung von Opfern zuständig ist. „Selber schuld! Das ist ein Satz, den ich ganz oft höre, wenn Menschen über die Opfer eines Verbrechens reden, ganz gleich, ob es sich um eine Vergewaltigung oder einen Trickbetrug handelt. Die Leute, die so etwas noch nicht erlebt haben, fühlen sich sicher und zeigen mit dem Finger auf das Opfer, statt die Schuld dort zu lassen, wo sie hingehört: beim Täter“, erzählt Bräutigam.
Es kann jedem passieren
Die Verantwortung und damit die Schuld wird verschoben – weg vom Täter, hin zum Opfer. Dabei kann jeder zum Opfer werden. Auch wenn die Gesamtkriminalität in Bayern 2024 um 3,3 Prozent auf 4218 Straftaten pro 100000 Einwohner gesunken ist, bleiben Straftaten Teil der Lebensrealität. Diebstahl mit 155908 Fällen macht rund ein Viertel aller Delikte aus.
Gleichzeitig steigt die Gewaltkriminalität bundesweit weiter, insbesondere im häuslichen Umfeld: Über 171000 Menschen wurden Opfer von Partnerschaftsgewalt, weitere 94873 innerhalb der Familie. Gewalt findet oft dort statt, wo Vertrauen und Nähe erwartet werden.
„Je sicherer man sich fühlt, ein umso besseres Opfer ist man“, erklärt Kriminalhauptkommissar Bräutigam. Kaum habe man die Haustür hinter sich zugemacht, werde der persönliche Schutzschild komplett heruntergefahren. Entspannung pur – die Wachsamkeit geht gegen Null.
„Und dann klingelt das Telefon… unbedarft hebt man ab und hört am anderen Ende nur jemanden weinen, Martinshorn und eine Stimme, die schreit. „Ganz unwillkürlich nennt man den Namen seines Kindes oder Partners und fragt: Bist du’s?“, schildert Bräutigam.
Vor dieser Reaktion sei keiner gefeit. Ein paar Sekunden genügen dem Trickbetrüger, die Situation emotional auszubeuten, seine gesamte Masche abzuziehen, die Person am anderen Ende der Leitung unter Druck zu setzen und eine Geldübergabe zu vereinbaren. „Wissen allein schützt nicht – „ich muss mein Wissen aktivieren“, empfiehlt der Kriminalhauptkommissar. Denn: Ist die Tür erst einmal geöffnet, der Hörer abgehoben, haben Verbrecher fast immer leichtes Spiel. „Mir muss klar sein, es gibt viele Situationen, in denen ich die Kontrolle verlieren kann“, so Bräutigam. Und: Es kann wirklich jedem passieren. „Die Überheblichkeit, mit der viele mit dem Finger auf Menschen zeigen, die zum Opfer eines Verbrechens wurden, ist wirklich vollkommen unangebracht“, findet Simon Bräutigam. „Die Opfer, das sind keine dummen Leute. Das sind Menschen, die Vertrauen in einen anderen hatten – und schlimm enttäuscht wurden. In dem Moment, in dem mein Vertrauen missbraucht wurde, muss ich das nicht auf meine Kappe nehmen.“
Außer dem materiellen oder physischen Schaden trägt das Opfer die seelischen Folgen: Sie schämen sich für das, was ihnen passiert ist. Deshalb sei auch die Dunkelziffer sehr hoch – keiner wolle als Opfer dastehen oder als dumm gelten. „Opfer, das ist in unserem Sprachgebrauch eine Beleidigung. Keiner will Opfer sein.“ Der Grund: Die Straftaten werden in der Gesellschaft oft verharmlost – dem Opfer wird eine Mitschuld zugeteilt.
Arglosigkeit ist kein
Freibrief für Verbrecher
Was hilft, hat Gisèle Pelicot im vergangen Jahr mit sechs Worten auf den Punkt gebracht: „Die Scham muss die Seite wechseln.“ Arglosigkeit sei kein Freibrief, dem anderen etwas anzutun, führt Kriminalhauptkommissar Bräutigam aus. „Wir brauchen eine hundertprozentige Schuldumkehr. Nicht das Opfer ist dumm oder selber schuld. Der Täter ist derjenige, der die Verantwortung zu übernehmen hat“, stellt Bräutigam klar.
Hin zu Empathie und
Nächstenliebe
Diese Schuldumkehr würde auch eine Veränderung in der Gesellschaft möglich machen: hin zu mehr Empathie, mehr Anstand und Frieden. Um das zu erreichen, ist jeder Einzelne in einer Gesellschaft aufgefordert, sich in seinem Lebensalltag zu engagieren – und die Werte, von denen Weihnachten kündet, tatsächlich in seinem nächsten Umfeld umzusetzen.