Ob Heinz-Ketchup, Levis-Jeans oder Kraft-Käsemakkaroni – einige Deutsche haben Produkte erfunden, die aus der Lebenswelt der Amerikaner heute nicht mehr wegzudenken sind. Auch der Weihnachtsbaum zählt dazu. Millionen Amerikaner verfolgen jedes Jahr vor dem Fernseher, wie am wohl berühmtesten Weihnachtsbaum der Welt vor dem Rockefeller Center in New York die Lichter angeknipst werden. Doch wie kam der europäische Brauch, einen Nadelbaum in der Weihnachtszeit zu schmücken und zu illuminieren, überhaupt in die USA?
Hier kommt Friederike Charlotte Louise Riedesel Freifrau zu Eisenbach ins Spiel. Das Rittergeschlecht, in das die damals 16-Jährige 1762 einheiratete, zählte zum hessischen Uradel. 1226 erstmals urkundlich erwähnt, regierten die Riedesels ihre Besitztümer von Lauterbach aus -– einer Kleinstadt, die heute im mittelhessischen Vogelsbergkreis rund 80 Kilometer von Frankfurt am Main entfernt liegt.
Von Hessen nach Amerika ging es für besagte Freifrau Friederike im Jahr 1777. Sie folgt 31 Jahre alt und hochschwanger ihrem Mann, Friedrich Adolf Riedesel. Als General der sogenannten deutschen Subsidientruppen unterstützt dieser die Briten im Kampf gegen die amerikanischen Revolutionäre. Friederike begleitet den Feldzug und pflegt gemeinsam mit anderen Offiziersfrauen Verwundete und Kranke. Nach der Kapitulation der deutsch-englischen Truppenverbände 1777 bei Saratoga, im heutigen Bundesstaat New York, geraten sie, ihr Mann und die drei Töchter in Kriegsgefangenschaft. Ihre Erlebnisse hält die junge Adlige detailliert und authentisch in unzähligen Briefen und Tagebucheinträgen fest, die 1801 von einem Berliner Verlag unter dem Titel „Die Berufs-Reise nach America“ veröffentlicht werden. Das Buch wird ein Bestseller und schon bald nach seinem Erscheinen in mehrere Sprachen übersetzt. Es gilt bis heute als wichtige historische Quelle.
Nach der Auslösung aus der Gefangenschaft geht das Ehepaar mit den Kindern nach Kanada, wo Friedrich Adolf Riedesel weiterhin die aus Braunschweig stammenden Truppen befehligt. Die Riedesels beziehen ein Haus in Sorel, einer Stadt im Südwesten der kanadischen Provinz Québec und pflegen illustre Bekanntschaften, unter anderem mit George Washington. Dieser wird wenige Jahre später der erste Präsident der Vereinigten Staaten. Außerdem haben beide nachweislich Briefkontakt zu Thomas Jefferson. Letzterer war von 1801 bis 1809 der dritte Präsident der USA.
Wobei wir jetzt bei Heiligabend wären. Und zwar dem im Jahr 1781. Damals, so berichten kanadische Quellen, lädt Friederike Riedesel zu Eisenbach eine Gruppe Offiziere und deren Ehefrauen in den Salon ihres Hauses in Sorel ein. Dort hat sie zur Feier des Tages einen nach deutscher Sitte mit Kerzen beleuchteten und mit Äpfeln, Nüssen und Plätzchen dekorierten Tannenbaum aufstellen lassen. „So was hat man in Amerika noch nie gesehen“, schwärmt Inge Euler. Die Stadtführerin aus Lauterbach schlüpft in der Adventszeit in die Rolle der Friederike. Die Gäste der Riedesels seien von dem Christbaum so beeindruckt gewesen, dass sich der Brauch in den folgenden Jahrzehnten über den ganzen Kontinent ausbreitete.
So erzählt man es sich zumindest in Lauterbach. Immerhin räumt der Historiker der Stadtverwaltung in Lauterbauch, Till Hartmann, ein, dass zeitgleich „wohl auch andere deutsche Auswanderer Weihnachtbäume aufstellten und damit Inspirationen zur Nachahmung lieferten.“
In Lauterbach, dem Stammsitz des Hauses Riedesel, wird die Erinnerung an die berühmte Freifrau bis heute hochgehalten. Auf dem Marktplatz vor dem ehemaligen Stadtpalais der Riedesels im Herzen der romantischen Fachwerkstadt wird jedes Jahr vor Weihnachten eine reich geschmückte Tanne aufgestellt. Außerdem können sich Gäste bei einer einstündigen kostenlosen Stadtführung mit Friederike, alias Inge Euler, auf die Spuren der berühmten Freifrau begeben. Auch ein Ausflug zum Stammsitz der Riedesels, dem Schloss Eisenbach, rund drei Kilometer südlich von Lauterbach gelegen, lohnt sich. Die Anlage aus dem 16. Jahrhundert ist wuchtig, wird auch „Wartburg Oberhessens“ genannt. Christiane Neubauer