Chronisten der Region

von Redaktion

Ein Rückblick auf den Neubeginn nach dem Krieg und bewegte Zeiten im Chiemgau

Macher der ersten Stunden: Redakteur Hermann Hartinger war ein echtes Original und als Redakteur ein Arbeitstier. Die Aufnahme zeigt ihn mit seiner Frau Ilse in Reit im Winkl.

Die Chiemgau-Zeitung feiert Jubiläum: Vor 75 Jahren erschienen die ersten Ausgaben nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Chiemgau-Zeitung wurde über die Jahre zum Leitmedium für den südlichen Landkreis Rosenheim und Teile des Chiemgaus. Das Erscheinen der ersten Ausgabe im Jahr 1951 am 3. Januar vor 75 Jahren nimmt die Chiemgau-Zeitung zum Anlass, an dieses Jubiläum zu erinnern. Verlagsinhaber waren damals zu gleichen Teilen Hubert Gasteiger und der Rosenheimer Verleger Alfons Döser.

In diesen 75 Jahren hat sich die beliebte Heimatzeitung zum Leitmedium für den südlichen Landkreis Rosenheim und die angrenzenden Gebiete im Chiemgau, für das Achental und darüber hinaus entwickelt. Die Chiemgau-Zeitung steht seit einem dreiviertel Jahrhundert für fundierte lokale Berichterstattung und, dank der umfangreichen Mantelredaktion des Münchner Merkur, für umfassende und ausgewogene Informationen aus Politik, Weltgeschehen, Sport und Kultur.

Das 75. Jubiläum ist ein Anlass, Rückschau zu halten auf die Zeit, als die Chiemgau-Zeitung wieder „laufen lernte“ und die ersten Ausgaben erschienen sind. Heute und an den drei kommenden Montagen drucken wir jeweils einige Originalseiten der jeweils ersten Ausgaben vom Januar, Februar, März und April 1951 ab.

Der Zweite Weltkrieg war noch nicht einmal sechs Jahre zu Ende. Die Gemeinden im Chiemgau hatten Kriegsschäden, die durch alliierte Luftangriffe entstanden sind, weitgehend behoben. Eine der vordringlichen Aufgaben war es nun, Wohnraum zu schaffen. Nicht, dass durch das Kriegsgeschehen allzu viele Wohnhäuser in der Region zerstört worden waren – nein, es war die große Zahl von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen, die gegen Ende des Krieges hier eine neue Heimat fanden.

Lebten im Landkreis Rosenheim 1939 rund 104000 Menschen, so waren es im Jahr 1951 mehr als 150000. Der Kreis Rosenheim war dabei nicht stärker betroffen als die Nachbarlandkreise. So stieg die Zahl der Einwohner im Kreis Traunstein in der gleichen Zeit um über 50 Prozent auf rund 124000 Personen.

Die Menschen aus Ostpreußen, Schlesien, Pommern und dem Sudetenland, um nur einige zu nennen, brauchten Wohnung und Arbeit. Viele von ihnen verfügten über großes Wissen in ihrem jeweiligen Fachgebiet und brachten es in die heimische Wirtschaft ein. Kleine und mittlere Unternehmen profitierten davon, viele neue entstanden.

Neues Rasthaus
am Irschenberg

Treibende Kräfte waren die neu zugezogenen Menschen, die maßgeblich dazu beigetragen haben, den Chiemgau zu einer bedeutenden Wirtschaftsregion im Freistaat zu entwickeln. Der zunehmenden Motorisierung wurde mit dem Baubeginn eines richtungweisenden Bauprojektes Rechnung getragen: Am Irschenberg wurde zum Jahreswechsel 1950/51 Richtfest für das neue Rasthaus gefeiert, wie die Chiemgau-Zeitung Anfang Januar 1951 berichtete.

Es war gedacht als Ersatz für das von der amerikanischen Besatzungsmacht noch beschlagnahmte Rasthaus am Chiemsee. In dem imposanten Neubau am Irschenberg konnten 500 Gäste bewirtet werden und „in 14 Fremdenzimmern können müde Autofahrer übernachten“, wie die Zeitung damals berichtete. Neben einer Tankstelle gibt es einen Parkplatz, auf dem 100 Automobile Platz finden.

Tourismus kommt
wieder in Schwung

Mit der fortschreitenden Motorisierung kam auch der Tourismus wieder in Schwung und erreichte hinsichtlich der Übernachtungszahlen bald wieder Vorkriegsniveau. In der Jahresversammlung des Verkehrsverbandes Chiemsee in Prien wurde stolz verkündet, dass alle Orte im Verbandsbereich während der Hauptsaison voll besetzt waren, zum größten Teil sogar überfüllt.

Der Kassenbericht wies ein Defizit von 300 Mark aus. Bezüglich der schlechten Straßenverhältnisse am Nordufer des Chiemsees und den von Norden kommenden Verbindungen nach Seebruck wurde eine baldige Abhilfe verlangt, hieß es im Zeitungsbericht weiter.

In Prien und Umgebung liefen im Januar 1951 die Vorbereitungen für den Fasching auf Hochtouren. Einer der Höhepunkte sollte das Faschings-Ochsenrennen werden, zu dem das Rennkomitee bereits Einladungen an die närrischen Hoheiten der Umgebung verschickt hat.

Und: „Nachdem bereits einige Wochenschauen um das Filmungsrecht kämpfen, ist es angebracht, darauf hinzuweisen, dass Berufsfotografen beim Rennkomitee rechtzeitig um ihre Zulassung nachsuchen wollen“, stand in der Chiemgau-Zeitung.

Mitten im Trubel des Faschings konnte die Weißbierbrauerei Grassau ihr 30-jähriges Bestehen feiern, wird am 23. Januar 1951 berichtet. Sebastian Blösl habe es in den 30 Jahren geschafft, das Unternehmen zu vergrößern und dem Grassauer Weißbier einen guten Namen zu verschaffen. Tatsächlich wurde die Braustätte in Grassau bereits im Jahr 1907 eröffnet.

1951: Lawinenunglück
im Hochriesgebiet

Der „weiße Tod“ forderte damals wie heute seine Opfer. Am 21. Januar 1951 kam bei einem Lawinenunglück im Hochriesgebiet ein 26-jähriger Münchner ums Leben. Sein Begleiter konnte sich mit einem Schienbein- und Knöchelbruch bis zur tiefer gelegenen Alm bei Schweinsberg schleppen. Seine Hilferufe wurden erst zwei Tage später gehört. Der Mann erlitt außerdem schwere Erfrierungen.

Auf dem Grenzbahnhof in Furth im Wald traf im Januar 1951 eine Frau ein, die aus dem Sudetenland ausgesiedelt worden war. Sie wollte oder konnte nicht glauben, dass es in Deutschland genug zu essen gab. Nach Mitteilung der amerikanischen Grenzbehörden nahm sie bei ihrer Aussiedlung zwei Zentner Kartoffeln mit, die sie im Auffanglager Reichenberg „wie eine Löwin verteidigte“ – so die Aussage eines tschechischen Beamten, der die Lebensmittel beschlagnahmen wollte.

Der letzte Perlfischer stirbt

In Miltach bei Kötzting ist der letzte Perlfischer des Bayerwaldes gestorben. Einst war die Perlfischerei im Landkreis Kötzting ein einträgliches Handwerk. Dann wurde ein Quarzitwerk gebaut, dessen Abwässer die Muscheln im Perlbach, „der an manchen Stellen mit Perlmuscheln förmlich gepflastert war“, vernichteten.

Weil man ihnen Straffreiheit versprochen hatte, haben 1950 rund 180000 Menschen ihre Radiogeräte angemeldet, berichtet die Zeitung in der letzten Januarausgabe 1951. Der Bayerische Rundfunk hatte diese Schwarzhörer-Rehabilitierungsaktion gestartet. Viele Menschen haben damals die Zwangsabgabe für die staatlichen Rundfunksender kritisiert. Über eine „bedrohliche Situation“ bei der Kohleversorgung im Freistaat klagt Bayerns Wirtschaftsminister Hanns Seidl. Notwendig sei die Bereitschaft der Bergleute, mehr zu fördern. „Politische Einflüsse von sehr radikaler linker Seite ließen die Schichtleistung nicht über ein bestimmtes Niveau hinauskommen“, klagt der Minister. Die Gewerkschaften seien aber bemüht, diesen politischen Kräften entgegenzuwirken.

Mehr als 100000 Hektar
Wald aufgeforstet

Im Krieg wurde auch der Wald arg in Mitleidenschaft gezogen. So wie der Wiederaufbau im ersten Nachkriegsjahrzehnt eine vordringliche Aufgabe war, so sorgten die Waldbauern dafür, dass die Wiederaufforstung der Kahlschläge zügig vonstatten ging.

In Bayern, so berichtete die Zeitung im Januar 1951, wurden im Jahr davor mehr als 100000 Hektar Wald wieder aufgeforstet. In verschiedenen Orten forderten die Forstbehörden Schulklassen dazu auf, im Wald Samen zu sammeln, um die Pflanzgärten mit bodenständigem Saatgut beschicken zu können.

In der Bundesrepublik begann im Januar das Bundesverfassungsgericht mit seiner Arbeit. Die Regierung stellte erfolgreich Verbotsanträge gegen die Sozialistische Reichspartei SRP und die Kommunistische Partei Deutschlands KPD. In der noch jungen Republik gibt es erste Streikdrohungen der Gewerkschaften. Die Montan-Industrie, einer der wichtigsten Wirtschaftszweige der Nachkriegszeit, sollte bestreikt werden, um die Mitbestimmung der Arbeitnehmer zu erreichen.

Umsatzsteuer auf vier
Prozent angehoben

Was heute die Menschen ärgert, war auch vor 75 Jahren ein großes Thema: Steuererhöhungen. Im Januar 1951 kündigte Bundesfinanzminister Fritz Schäffer an, die Umsatzsteuer um ein Drittel auf vier Prozent anheben zu wollen und die Körperschaftssteuer von 50 auf 60 Prozent.

Als einzigen Lichtblick am Steuerhorizont kündigte Schäffer eine erneute Senkung der Tabaksteuer an.

In Frankfurt findet die Gründungsversammlung der „Deutschen Olympischen Gesellschaft“ (DOG) statt. Unter der Präsidentschaft von Georg von Opel (1912 bis 1971) will die DOG die Finanzierung der deutschen Teilnahme an den Olympischen Spielen 1952 in Oslo und Helsinki sichern.

Regierung arbeitet
an Unabhängigkeit

Der Zweite Weltkrieg ist seit fast sechs Jahren vorbei. Dennoch ist die Welt von politischer Normalität in diesem Januar 1951 noch meilenweit entfernt. Davon zeugt auch die erste Schlagzeile der Chiemgau-Zeitung am 3. Januar: „Unabhängigkeit der Bundesregierung?“ In dem Artikel geht es darum, dass die US-Regierung in Washington das offizielle Ende des Kriegszustandes mit Deutschland vorbereiten will. Die Amerikaner wollen, dass die Bundesrepublik möglichst bald selbstständig wird.

Bundespräsident Theodor Heuss hatte den Hohen Kommissaren, also den Vertretern der westlichen Hauptsiegermächte USA, Großbritannien und Frankreich, zum Jahreswechsel geschrieben. Er betonte, es sei vornehmste Aufgabe, die völlige Eingliederung Deutschlands in die Gemeinschaft der die Freiheit und den Frieden liebenden Völker zu erreichen.

Der Klimawandel ist ein Thema, das schon vor 75 Jahren die Menschen bewegte. Im Januar 1951 kann man unter der Schlagzeile „Alpengletscher zum Untergang verurteilt“ lesen, dass die Gletscher „Jahr für Jahr in einem unaufhaltsamen Rückgang begriffen“ sind.

Ganz so schwarz, wie die Wissenschaftler vor 75 Jahren gesehen haben, ist es aber nicht gekommen. Sie hatten die Hypothese vertreten, dass zum Beispiel der Ankogel- beziehungsweise Mölltalgletscher in den Hohen Tauern bis 1975 gänzlich verschwunden sein wird. Er besteht noch heute. Vom Grenzübergang Kiefersfelden wird gemeldet, dass zwei „adelige“ Damen per Schub zurück nach Bayern kamen. Es stellte sich heraus, dass es sich um zwei vorbestrafte Prostituierte handelte, die polizeilich gesucht wurden.

Hermann Hartinger – Redakteur der ersten Stunde und Institution in Prien

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