Zwischen Mangel und Aufschwung

von Redaktion

Chiemgau-Zeitung: Aufbruchstimmung in den frühen Jahren – Aktualität hielt sich in Grenzen

Günther Berger war der Haus- und Hoffotograf der Chiemgau-Zeitung. Er hielt die Priener Redakteure über alles Wissenswerte in der Region auf dem Laufenden. In seinem DKW brachte er häufig Manuskripte und Fotografien in die Zentralredaktion nach Rosenheim.

Als vor 75 Jahren in Prien die erste Ausgabe der Chiemgau-Zeitung erschien, war sie das einzige Medium, das die Menschen über das lokale Geschehen in der Marktgemeinde sowie in den Nachbargemeinden informierte. Der Herr Pfarrer, der Schullehrer oder auch pensionierte Beamte und Gemeindeschreiber waren es, die Versammlungen protokollierten, ihre Notizen zu einem Zeitungsbericht zusammenfassten und ihn an die Redaktion an der Hallwanger Straße in Prien schickten.

Hier sichtete Redakteur Hermann Hartinger mehr als zwei Jahrzehnte lang die Beiträge, verfasste selbst Tausende Berichte und leitete sie nach Rosenheim weiter, wo sie zu Zeitungsseiten zusammengestellt wurden.

Das alles dauerte Tage. Im günstigsten Fall schrieb der Berichterstatter den Bericht über die Sitzung, die am Montag war, am kommenden Tag. Am Mittwoch brachte er den Brief zur Post, am Donnerstag oder Freitag kam das Kuvert in der Redaktion an. Wenn noch Zeit blieb, wurde er am gleichen Tag, spätestens am kommenden Montag, bearbeitet und nach Rosenheim geschickt.

Im Idealfall herrschte dort zufällig kein Überschuss an Material, und der Beitrag kam am Dienstag in die Zeitung. Meist dauerte es etliche Tage länger. Die Leser damals waren geduldig, und die Hektik heutiger Tage hatte im Nachrichtenwesen noch nicht Einzug gehalten. Man war dankbar, etwas aus dem eigenen Ort, den Nachbardörfern und der Welt zu erfahren.

Sondersteuer auf
Süßwaren

Anfang Februar 1951 stand in der Chiemgau-Zeitung, dass das Bundeskabinett eine Sondersteuer auf Süßwaren „und andere Gegenstände des entbehrlichen Verbrauchs“ beschlossen hat. Vorgesehen war eine 50-prozentige Sonderumsatzsteuer auf Genussmittel. Neben Hummern, Langusten, Kaviar, Austern, Schildkröten und Südfrüchten sollte sie vor allem Süßwaren, Feinbackwaren, Schokolade und „alle sonst unter wesentlicher Verwendung von Zucker hergestellten Genussmittel und Kakao“ betreffen. Marmelade und Haushaltszucker sollen nicht darunterfallen. „Brot oder Pralinen?“, fragte Bundesfinanzminister Fritz Schäffer angesichts der wirtschaftspolitischen Lage und kündigte weitere Lenkungsmaßnahmen an.

Welch dramatische Folgen der Zuckermangel seinerzeit hatte, belegt eine Meldung aus der Chiemgau-Zeitung einige Tage später: Die Konservenindustrie im Bayerischen Wald kann 300.000 Kilo Himbeersaft aus der letztjährigen Ernte nicht verarbeiten, weil es an Zucker fehlt. Die Ernte soll gestoppt werden, wodurch Hunderte von Sammlern den dringend nötigen Nebenverdienst nicht mehr erzielen können.

Langsam kam das Bewusstsein zum Tragen, dass man mit Natur und Landschaft sorgsam umgehen muss. Davon zeugt eine Vier-Zeilen-Meldung, in der bekannt gemacht wird, dass die Chiemseeinseln unter Landschaftsschutz gestellt worden waren. Ein paar Tage später wurde auf Anordnung des Landratsamtes Traunstein das Mündungsgebiet der Tiroler Achen sowie die angrenzenden Bereiche beiderseits des Flusses zu Vogelschutzgebieten erklärt.

Verkehrsverbände
kurbeln den Tourismus an

Neues vom Fremdenverkehr im Februar 1951: Der Verkehrsverein Endorf tritt dem Chiemsee-Verkehrsverband bei. Früher hat Endorf dem Verkehrsverband Rosenheim angehört, der jedoch kurze Zeit nach seiner Gründung seine Tätigkeit eingestellt hat.

Unter dem Titel „Mitarbeit aller wünschenswert“ berichtet die Zeitung, dass der Chiemsee-Verkehrsverband die erste Nummer seines Nachrichtenblattes herausgegeben hat. Die Verbände Chiemgau mit Sitz in Traunstein und Chiemsee mit Sitz in Prien haben sich gemeinsam zur Herausgabe dieses Blattes entschlossen, weil beide Interessenverbände die gleichen Aufgaben haben.

Auf acht Seiten geht es um Anfragen von Reisebüros, Prospektanforderungen, den Kampf um die Branntweinsteuer und schmackhafte Seefischgerichte in den Gaststätten. Auch das leidige Thema GEMA wird ausführlich behandelt.

Der Skitourismus im Chiemgau kommt in Schwung. Am 6. Februar wird gemeldet, dass die Firma Sport Scheck in München „16 Omnibusse voll lufthungriger Brettlhupfer“ nach Aschau gebracht hat. In langem Zuge seien diese zur Frasdorfer Hütte marschiert, wo sie kurze Erholung suchten. Als sie wieder im Ort eintrafen, brachten sie viel Leben in die Gaststätten.

65 Jahre lang das Bayerische Meer befahren

Wer zu jener Zeit und in den Jahrzehnten zuvor als Urlauber oder Einheimischer mit dem Chiemsee-Raddampfer mitgefahren ist, der kannte ihn: Kapitän Josef Westernacher, der 65 Jahre das Bayerische Meer befahren hat. Er repräsentierte bis dahin den Fremdenverkehr in der Region wie kaum ein Zweiter. Kapitän Westernacher wurde 85 Jahre alt. Er begann seine Laufbahn als Matrose, als 1887 der Dampfer „Luitpold“ vom Stapel lief.

Die närrische Zeit hat im Februar 1951 auch den Chiemgau fest im Griff. Kaum ein Dorf, in dem an den Faschingswochenenden nicht mindestens ein Ball und ein Kranzl stattfindet.

Beim Rosenheimer Faschingszug, so berichtet die Chiemgau-Zeitung am 6. Februar, säumten 30.000 Menschen die Straßen und begleiteten lautstark das närrische Treiben.

Den ausführlichen Bericht verfasste „Herr Simmerl“, weil er, wie die Zeitung schreibt „das einwandfrei dümmste Geschau und den breitesten Buckel hat, worauf die zu erwartenden Reklamationen in jeder Menge Platz haben.“

Bolzenblasen: Vergessener Faschingsbrauch

In Bernau findet ein großes Faschings-Skispringen statt, und in Hittenkirchen wird im Gasthaus Blum in Weisham ein bis heute weitgehend in Vergessenheit geratener Faschingsbrauch gepflegt: das Bolzenblasen. Dabei müssen die Teilnehmer nacheinander sechs Bolzen durch ein Rohr auf eine hölzerne Zielscheibe blasen. „Damit wurde der Faschingslustbarkeit der Schlusspunkt gesetzt, denn am anderen Morgen läuteten die Glocken von Prien Besinnlichkeit zum Stundengebet.“

Seit ein paar Jahren wird das Schießen mit dem Blasrohr wieder zunehmend in den Schützenvereinen gepflegt. Gefördert wird diese Sportart vom Bayerischen Sportschützenbund, der im Februar 1951 gegründet wurde.

Kaum ist der Fasching vorbei, wendet sich die Chiemgau-Zeitung Ende Februar wieder ernsten Themen zu. Die Frauensterbekasse, Ortsgruppe Prien, berichtet in der Jahresversammlung im Gasthaus Lindenhof, dass sie im vergangenen Jahr 2.400 DM Sterbegeld ausbezahlt hat. In den 22 Jahren ihres Bestehens hat die Kasse schon über 40.000 Mark ausgeschüttet. Die mehr als 300 weiblichen Mitglieder kommen vor allem aus Prien, Rimsting, Wildenwart und Hittenkirchen.

Technisierung der
Landwirtschaft

Die Bauern rüsten auf: Statt Sense und Heurechen schaffen sich immer mehr Landwirte Mähwerke, Heuwender, Traktoren und anderes landwirtschaftliches Gerät an. Dem trägt der Landhandel Rechnung: In Prien wurde das BayWa-Lagerhaus am Bahnhof um eine große Maschinenhalle mit Werkstatt und Garage erweitert. Im neuen Ersatzteillager sind 1.200 einzeln nummerierte Ersatzteile nach Typen gestapelt, heißt es in dem Bericht der Chiemgau-Zeitung im Februar 1951.

Bernsteinzimmer und
Zarenschatz im Gespräch

Bernsteinzimmer und Zarenschatz sind Themen, die noch heute für Schlagzeilen sorgen. 1951 hat die „Zentralvertretung der russischen Emigration“ in München einen „Zarenschatz“ für 40.000 D-Mark verkauft. Es handelte sich vorwiegend um Tafelsilber aus dem St. Petersburger Palast, 40 wertvolle Ikonen, teils aus dem 16. Jahrhundert, wurden zurückbehalten.

Der Schatz bestand aus 16 Kisten, die 1948 dem russischen General Glasenap übergeben wurden, der sie in München lagerte. Nachdem Einbrecher mehrfach versuchten, den Schatz zu stehlen, die Deponierung in einer Bank aber zu teuer erschien, entschloss man sich zum Verkauf. Das Geld bekam die „Russische Nationale Volks- und Reichsbewegung“, die es zum Kampf gegen den Kommunismus verwenden soll.

Fernsehgeräte stürmen die Wohnzimmer

„Keine Fernsehgeräte für 300 DM“ titelt die Chiemgau-Zeitung und dämpft damit die Erwartungen Tausender Bürger, bald selbst einen Bildempfänger im Wohnzimmer stehen zu haben. Auch bei steigender Produktion sei eine deutliche Preissenkung nicht zu erwarten, denn in einem Fernseher seien vier- bis fünfmal so viele Röhren, Widerstände und Kondensatoren wie in einem Rundfunkempfänger, der 250 DM kostet, erklärt der Verfasser des Artikels den Lesern. Die Schallmauer 300 Mark, so stellte sich schnell heraus, war kein Hindernis. Bald stand in fast jeder Wohnung eine Flimmerkiste.

Deutschland und die Welt im Februar 1951

Der Zweite Weltkrieg ist noch keine sechs Jahre zu Ende, da ist ein neues Wettrüsten schon im vollen Gange. Die Zeitung berichtet von fünf Atomtests in der Wüste von Nevada binnen einer Woche. Von den bis heute weltweit mehr als 2.000 Kernwaffentests fanden rund 1.000 in der Wüste Nevadas statt. Man geht davon aus, dass an den Folgen der Versuche, also an der radioaktiven Strahlung, bis heute etwa 300.000 Menschen gestorben sind.

Helgoland wird von den Engländern auch sechs Jahre nach Kriegsende immer noch bombardiert. Die Forderung, die Bombardierung zu stoppen und die Insel den Einheimischen zurückzugeben, lehnte der britische Luftfahrtminister ab und sagte, die Übungsangriffe auf die Insel werden vorläufig nicht eingestellt.

Noch im gleichen Jahr demonstrierten Studenten auf Helgoland gegen das Vorgehen der Briten, welche die Insel im Jahr darauf an Deutschland zurückgaben.

Kurioses und Kultur

Über eine gruselige Begebenheit in Riedenburg im Landkreis Kelheim berichtet die Chiemgau-Zeitung auf ihrer Bayernseite: „Spät in der Nacht fuhr ein Mann mit seinem Motorrad nach Hause.

Als er in einen Wald kam, sträubten sich ihm die Haare. Eine Hand winkte aus einem Sarg, der am Wegesrand stand. Der Mann warf sein Motorrad hin und rannte in den Wald. Wie sich später herausstellte, gehörte die winkende Hand einem Totengräber, der einen Sarg zu einem Einödhof bringen sollte. Unterwegs rastete er in dem Sarg. Mit der winkenden Hand wollte er prüfen, ob es noch regnete.“

In Endorf plant die Theatergesellschaft ein Franziskusspiel. Anfragen kämen schon aus vielen Teilen Bayerns, sodass man mit einem Massenbesuch rechne. Die Stücke „Der ägyptische Josef“ und das Herbstspiel „‘s Lieserl“ brachten fast 13.000 Mark Einnahmen, berichtete Kassier Leimgruber.

Seine Bilder waren Woche für Woche Blickfang in der Chiemgau-Zeitung

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