Dirk Breitfuß (links) bei seiner Verabschiedung mit Verleger Oliver Döser.
Große Veränderungen standen Mitte März 1951 für die Chiemgau-Zeitung an: Sie firmierte nicht mehr als „Unabhänige Zeitung für christl. Kultur und soziale Politik“, wie es bis dahin im Zeitungstitel hieß, sondern als Zeitung des Oberbayerischen Volksblattes. Am 8. April wurde erstmals Alfons Döser als Herausgeber des Blattes aufgeführt. Bis dahin war es Albert Vogler, vormals Rieder-Druck.
Zum 17. März 1951 fusionierten die beiden Heimatzeitungen, das Oberbayerische Volksblatt (Rosenheimer Anzeiger) und das Rosenheimer Tagblatt Wendelstein. Diese Zusammenlegung, so hieß es, sei das Resultat reiflicher Überlegung der Verleger beider Zeitungen, die zu der Überzeugung kamen, dass der Leserschaft „mit einer guten und großen Heimatzeitung mehr gedient sei als durch einen die gegenseitigen Kräfte zersplitternden Konkurrenzkampf. Wenn die Verhandlungen zu einem positiven Ergebnis führten, so ist das eine logische Folge der Tatsache, dass beide Zeitungen im Großen gesehen das gleiche Ziel verfolgten, eine unabhängige, politisch neutrale Heimatzeitung auf dem Boden der christlichen Weltanschauung zu gestalten.“
Wer die Ausgaben vom März 1951 durchblättert und liest, der erkennt schnell, dass die Herausgeber Wort gehalten und die Zeitung umfangreicher, abwechslungsreicher und übersichtlicher gestaltet haben. Heute würde man das als erfolgreiches Relaunch bezeichnen.
Was bewegte die Menschen im März 1951? Wie in den beiden ersten Folgen unseres 75-Jahr-Rückblickes haben wir wieder in den alten Bänden geblättert und die eine oder andere interessante, kuriose oder in die heutige Zeit reichende Meldung entdeckt.
Ein zentrales Thema war die Verbesserung der Verkehrs-Infrastruktur im Chiemgau. Oberbaurat Oberst, der Leiter des Straßen-Flussbauamtes Rosenheim, informierte über die geplanten Bauvorhaben im Landkreis. Die Anwesenheit „erfreulich vieler Bürgermeister“ bei der Versammlung des ADAC im Flötzingerbräu in Rosenheim zeigte, dass der Automobilclub bereits damals eine starke Stimme hatte. Oberst berichtete, dass die „Bernauer Todeskurve“ im Zuge der Bundesstraße 305 voraussichtlich noch in diesem Jahr begradigt werde. Der Ausbau der Straße Rimsting – Gollenshausen, damals eine „Landstraße 1. Ordnung“ sei im Bauplan des Bauamtes vorgesehen. 275.000 DM seien als erste Rate beantragt, ferner 150.000 DM für die Straße Prien-Rimsting. Von den 18 Millionen DM, die im Staatshaushalt für den Straßenbau bereitgestellt werden, bekommen der Landkreis Rosenheim 670.000 DM sowie 90.000 DM für den Brückenbau.
Um das alles zu finanzieren, suchte der Staat nach weiteren Einnahmequellen. Eine davon wollte er schaffen, indem er Werbeflächen entlang der Autobahn zulässt. Der aus Bernau stammende Bayernpartei-Bundestagsabgeordnete Dr. Hugo Decker wandte sich in einem Beitrag am 24. März 1951 in der Chiemgau-Zeitung entschieden gegen diese Pläne. Er schrieb: „Benutzer der Autobahn, der Anlieger und der Wanderer, der seine knappen Urlaubstage fern der Stadt, draußen in der Natur verbringt, wollen das reine und unverfälschte Landschaftsbild genießen und nicht einen Jahrmarkt erleben. Zu einem Jahrmarkt würde die Autobahnreklame tatsächlich ausarten. Ob der billige Jakob und sein Konkurrent auf dem Jahrmarkt mit großem Stimmaufwand sich gegenseitig überschreien wollen oder ob werbende Firmen dies mit Plakaten auf der Autobahn tun, kommt im Grunde auf dieselbe Barbarei heraus.“
Nicht nur der Staat braucht in dieser Zeit des intensiven Aufbaus Geld. Auch für Firmen- und Privatinvestitionen wollen die Kunden Kredite von ihren regionalen Banken. Deshalb appellieren diese an den Spargedanken der Bevölkerung, wie es in einem Bericht am 13. März 1951 heißt.
Die Raiffeisenkasse Endorf mit ihren 147 Mitgliedern zog im Gasthaus Moser Bilanz. Verkündet wurde, dass im Jahr 1950 über drei Millionen Mark Umsatz erzielt und über 1.000 Konten geführt wurden. Die Spareinlagen belaufen sich auf 217.000 Mark – die Kreditnachfrage ist deutlich höher. Vorstand Schaipfer appelliert an den Sparwillen der Jugend, denn „Rücklagen in Notlagen machen frei von teurem Fremdkapital. Es darf kein verfügbares Geld zu Hause im Kasten oder im Strumpf verwahrt werden, alles muss zur Sparkasse.“ Die sei dann auch in der Lage, Kredit zu verbilligtem Zins zu geben.
Wirtschaft erreicht
Vorkriegsniveau
Ein Beispiel für den Wiederaufbau und das schnelle Erreichen der Produktivität des Vorkriegsniveaus in der heimischen Wirtschaft liefert ein Beitrag am 15. März 1951. Aus Bad Reichenhall wird berichtet, dass die bayerische Salzindustrie die Produktionskapazität der Vorkriegszeit erreicht hat. In dem Beitrag heißt es: „Wenn man bedenkt, dass der menschliche Körper zu seinem Aufbau Jahr für Jahr sieben bis acht Kilo Salz benötigt, ist die Lebenswichtigkeit der Salzindustrie wohl kaum anzuzweifeln. In Bayern stützt sie sich auf das bereits im Jahre 1517 begründete Berchtesgadener Salzbergwerk, sowie die beiden Salinen in Bad Reichenhall und Rosenheim, während die Traunsteiner längst nicht mehr besteht.“
Handbemalte
Bauerntruhen für Nigeria
45 Dutzend handbemalte Bauerntruhen soll die Priener Firma „Chiemgauer Heimatkunst“ monatlich nach Lagos in Nigeria liefern, heißt es in einer Meldung am 29. März 1951. Ein Amerikadeutscher hatte eine solche Truhe auf der deutschen Exportmesse in Chicago gekauft und offenbar den Kontakt zu dem nigerianischen Großhändler hergestellt. Auch mit Irland steht die Firma aus Prien in Kontakt. Im Tausch gegen irische Schafwolle soll sie einen größeren Posten ihrer Erzeugnisse auf die Insel liefern.
Den Feuerwehren in den Gemeinden kam damals schon eine große Bedeutung zu. Das Spektrum der Hilfeleistungen durch die Florianijünger war deutlich schmäler als heute, die Wehren kümmerten sich in allererste Linie um die Bekämpfung von Bränden, wie Rosenheims Landrat Georg Knott bei der Frühjahrs-Feuerwehrtagung in Endorf zum Ausdruck brachte. Mit über 250.000 DM bei 43 Brandfällen sei im Landkreis Rosenheim im Vorjahr mehr Schaden entstanden als in jedem anderen Landkreis in Oberbayern.
„Bekommt Bernau
ein Moorbad?“
Ein zentrales Thema jener Zeit war die Stärkung des Fremdenverkehrs. Nicht alle Pläne wurden verwirklicht. So fragte die Zeitung am 10. März: „Bekommt Bernau ein Moorbad?“ Durch die Errichtung einer Heilstätte würden sich für das Dorf vielversprechende Zukunftsmöglichkeiten ergeben. Der Kleinversand von Moorbäderpackungen werde schon seit geraumer Zeit von Bernau aus mit Erfolg betrieben, „eine direkte Anwendung von Kuren am Platze selbst jedoch dürfte die Heilwirkung der Bäder um ein Beträchtliches steigern können.“
Torf: Wichtiger Brennstoff
Experimentiert wurde zu jener Zeit auch mit Torffasern zur Kartonageherstellung. Angesichts der Kohleknappheit war Torf aus der Bernauer Filzn beziehungsweise Kendlmühlfilzn in den 1950er Jahren auch ein wichtiger Brennstoff.
Die Trachtler kämpfen 1951 an zwei Fronten für ihre Sache: Einerseits gegen die GEMA und andererseits gegen den Bayerischen Rundfunk. Bei der Tagung des Inngauverbandes, so berichtet die Chiemgau-Zeitung am 20. März 1951, wetterte der Vorsitzende der Vereinigten Bayerischen Trachtenverbände, Dr. Conrad Adlmaier aus Traunstein, gegen die GEMA-Abgaben. Und weil der Bayerische Rundfunk monatlich nur 18 Sendestunden für Bayerisches Brauchtum vorsieht, bezeichnete Adlmaier diesen als „Fremdkörper im Bayerischen Vaterland, der zu 80 Prozent aus Nichtbayern zusammengesetzt ist.“
Der Missbrauch der Gebirgstracht und Darbietungen bei Heimatabenden, die mit der Trachtensache nicht vereinbar sind, waren damals wie heute ein Thema. Der Chiemgau Alpenverband betonte in seiner Frühjahrsversammlung 1951 in Aschau, Heimatabende sollten ein Spiegelbild der Heimat sein und nicht in bunte Abende ausarten.
Wirtschaftswunder
nimmt Fahrt auf
Das Nachkriegs-Wirtschaftswunder nimmt zwar Fahrt auf; die Menschen ächzen aber nicht nur unter der Last der Steuern, sondern beklagen auch die fortschreitende Verteuerung der Lebensmittel. 80.000 Menschen in Nürnberg und Zehntausende bei Demonstrationen in anderen bayerischen Städten gehen auf die Straße und machen ihrem Unmut Luft.
In Deutschland gibt es heute 3.000 Brotsorten. Deutsche Brotkultur wurde im Jahr 2014 in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Deutschland aufgenommen. Und 1951? Am 24. März berichtete die Chiemgau-Zeitung, dass es in Bayern künftig nur noch zwei Brottypen geben soll.
Das haben in einer Konferenz mit Landwirtschaftsminister Dr. Alois Schlögl die Berufsverbände der Bäcker, Müller, Hausfrauen, des Handels und der Gewerkschaften beschlossen. Nach Angaben Dr. Schlögls haben die bayerischen Mühlen einen Roggenvorrat von 21.000 Tonnen. In der Versorgungslage beständen also zur Zeit keine Schwierigkeiten, obwohl der Verbrauch bis zu 80 Prozent gestiegen sei.
Deutschland und die Welt im Februar 1951
Nach der kommunistischen Machtübernahme unter Klement Gottwald in der Tschechoslowakei nahm die Chiemgau-Zeitung die dortigen Verhältnisse aufs Korn. Staatspräsident Gottwald habe seinen Landsleuten vorgeworfen, dass sie zu viel essen und deshalb der Brot- und Mehlverbrauch zu hoch sei. Die Sowjetunion habe die in einem Handelsvertrag festgesetzten Getreidelieferungen mit der Begründung unterbrochen, dass die Tschechoslowakei mit ihren industriellen Lieferungen im Rückstand sei. „Ob dadurch mehr Weizen und Korn auf den böhmischen Ackerböden wachsen oder Gottwalds Untertanen aufhören werden, zuviel zu essen?“
Die Besatzungskosten für Deutschland steigen 1951 um 1,1 auf 6,6 Milliarden DM. Um die Sicherheit Deutschlands zu gewährleisten, wurden die Besatzungstruppen verstärkt. Damit muss Deutschland 6,3 Prozent des Volkseinkommens als Verteidigungsbeiträge aufbringen. Heute liegt der Anteil der Verteidigungsausgaben bei rund 2 Prozent.
Aus Rimsting berichtet die Chiemgau-Zeitung schon in der ersten Ausgabe im Monat März über den frühzeitigen Frühlingsbeginn: „Unser Freund Star ist nach viermonatiger Abwesenheit aus dem sonnigen Süden in die alte Heimat zurückgekehrt und pfeift seit einigen Tagen die alten Melodien. Er ist zudem auch ein recht nützlicher Vogel und dank seines langen Schnabels als einziger imstande, aus dem Boden die schädlichen Drahtwürmer herauszuholen. Auch das Schneeglöckchen läutet bereits den Frühling ein.“ Wenige Tage später treffen am Chiemsee auch die ersten Störche aus dem Süden ein.
„Bernauer Gemeinderat machtlos gegen Schafe“ – so lautet die Überschrift über dem Bericht einer Gemeinderatssitzung vom 3. März 1951. Ein Untermieter hatte sich über das Halten von drei Schafen im Zimmer seiner Mieterin beschwert. Der Gemeinderat sah keine rechtliche Handhabe gegen die Vermieterin und beschloss, die Beschwerde an das Landratsamt weiterzureichen.
Schafzucht nimmt ab
„Ist die bayerische Schafzucht dem Untergang geweiht?“, fragt die Chiemgau-Zeitung zwei Tage später angesichts drastisch kleiner werdender Tierbestände. Als Folge fehlender Futtergrundlagen sei die Zahl der Schafe in Bayern binnen drei Jahren von 600.000 auf 390.000 zurückgegangen. Mehr als ein Drittel der in Deutschland verarbeiteten Schafwolle kommt aus Bayern. Es dürfte kaum möglich sein, den Bestand auf seine frühere Höhe zu bringen. Gründe dafür seien die militärischen Ansprüche der Besatzungsmacht sowie die zunehmende Industrialisierung und Verstädterung großer Gebiete.
Sogar ein Foto widmete die Chiemgau-Zeitung am 17. März 1951 einer weiteren „Viecherei: Gezeigt wird ein 8 Zentner und 20 Pfund schwerer Eber, den Metzgermeister Brunner in Halfing geschlachtet hat. Heute hält man ein so hohes Gewicht nicht mehr für möglich und es kommt höchst selten vor, dass ein Schwein ein Gewicht von über 300 Kilo erreicht. Geschlachtet werden Schweine heutzutage, wenn sie ein Gewicht von 100 bis 120 Kilo erreicht haben.