Ölgemälde statt Fotos

von Redaktion

Bilder zwischen Dokumentation und Dekoration: Ansichten der Malerfamilie Gumberger

Als der Mühldorfer Anzeiger im Jahr 1871 zum ersten Mal erschien, steckte die Fotografie noch in den Kinderschuhen. Der englische Arzt und Amateurfotograf Richard Leach Maddox entwickelte im selben Jahr ein Verfahren, das der mobilen Fotografie einen entscheidenden Schub geben sollte. Die bis dahin gebräuchlichen nassen Kollodiumplatten wurden durch seine haltbaren, trockenen Gelatineplatten nach und nach abgelöst und bereiteten so den Boden für die weitere technische Entwicklung.

Der große Durchbruch zur alltagstauglichen Fotokamera folgte wenig später mit der Erfindung des Rollfilms, der ab 1889 in der Kamera „Kodak Nr. 1“ zum Einsatz kam. Der Rosenheimer Anzeiger druckte um 1900 die ersten Fotos ab. Beim Mühldorfer Anzeiger hielt die Fotografie wesentlich später Einzug. So zierte am 1. Januar 1921 ein Schmuckbild „Gedanken zum Neujahrstag“ die Titelseite, was aber immer noch nichts mit journalistischer Fotografie zu tun hatte.

Stadtarchivar Edwin Hamberger kann dennoch mit Eindrücken aus der Zeit dienen. Wer sich vorstellen möchte, wie Mühldorf am Inn um 1871 ausgesehen haben könnte, kann, die künstlerische Freiheit in Kauf genommen, auf Ölgemälde zurückgreifen. Besonders zwei Ansichten der Malerfamilie Gumberger vermitteln ein eindrucksvolles Bild.

Auf den Spuren eines
umtriebigen Handwerkers

Was es mit diesen Ansichten auf sich hat, erforschte Dr. Ulrike Götz, ehemalige Leiterin des Stadtmuseums Freising. Sie veröffentlichte 1994 gemeinsam mit Dr. Hans Rudolf Spagl, damaliger ehrenamtlicher Museumsleiter des Kreismuseums Mühldorf, ihre Ergebnisse in einem Beitrag der Schriftenreihe „Das Mühlrad“ des Mühldorfer Heimatbundes.

Ihre Forschungen ergaben, dass sie zwischen den Jahren 1750 und 1850 keine Gesamtansichten der Stadt fanden. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden einige Ölgemälde bekannt, deren Urheberschaft lange unklar war.

Ende 1994 gelang der Lokalforscherin ein Durchbruch. Bei der wissenschaftlichen Erfassung der Bestände des Historischen Vereins Freising fand sie auf dem Keilrahmen einer Freisinger Stadtansicht um 1880 die Beschriftung „Jos. Gumberger“. Sie fand heraus, dass dieser Name mit einer Familie Gumberger verknüpft ist, die im Raum Freising/Moosburg ansässig war und ein weiteres Bild von Josef Gumberger (1856 bis 1918) mit einer Ansicht von Moosburg besaß. Im zuge ihrer Recherchen fand sie viele weitere Ansichten von Josef Gumberger von Orten zwischen Isar, Inn und Salzach. Gelernt hatte dieser das Malen wohl von seinem Vater Nikolaus Gumberger (1822 bis 1898).

Schauspieler, Maler und
später Fotografen

Laut der Lokalforscherin verdienten Vater und Sohn ihren Lebensunterhalt mit Schauspielerei, Maler- und Anstreichertätigkeit, später kam das Fotografenhandwerk hinzu. In Bad Reichenhall bestand im Jahr 1894 ein „Photogr. Atelier Nicol. Gumberger“. Ob es sich dabei um den Vater oder den gleichnamigen Sohn handelt, konnte damals nicht eindeutig geklärt werden.

Die älteren Gemälde werden vor allem Vater Nikolaus zugeschrieben, die späteren überwiegend Sohn Josef. Die Unterschiede in der Malweise stufte Götz als gering ein, was stilistische Zuschreibungen schwierig machte. Gemeinsam sei den Bildern ein etwas „naiver Pinselstrich, eine bunte, minutiös ausdifferenzierte Kleinteiligkeit und zugleich ein deutlich dokumentarischer Charakter.“

Wiederkehrende, fast stereotyp wirkende Formen, etwa bei Gebäuden oder beim Baumbewuchs, geben den Bildern einen hohen Wiedererkennungswert. Meist liegt über der Landschaft ein freundlicher Himmel mit transparenter Atmosphäre, so die Lokalforscherin. Die Gumbergers sahen sich selbst wohl nicht als große Künstler; sie signierten ihre Werke nicht. Sie entstanden offenbar überwiegend als Auftragsarbeiten, heißt es in dem Artikel weiter. Vermutlich eher ein lohnender Nebenverdienst, insbesondere, wenn an einem Ort gleich mehrere Aufträge erteilt wurden. Von Landshut sind acht, von Freising und Mühldorf jeweils vier Ansichten mit ähnlichem Bildausschnitt bekannt. Kleinformatige Ortsbilder, oft auf Karton, dürften eher für weniger zahlungskräftige Kundschaft bestimmt gewesen sein.

Stadtansicht um 1860

Zu den bekannten Bildern zählt eine Ansicht „Mühldorf von Nordosten, um 1860“, Öl auf Leinwand, 26 mal 57 Zentimeter, die 1985 für das Kreismuseum Lodronhaus erworben wurde.

Sie zeigt die Stadt in liebevoller Detailfülle. Genau solche Bilder erlauben es heute, sich Mühldorf zur Zeit der ersten Ausgabe des Mühldorfer Anzeigers vorzustellen, zu einer Epoche, in der Fotografie zwar gerade erfunden, im Alltag aber noch längst nicht angekommen war. vk

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