Das Layout des Mühldorfer Anzeigers war in der Anfangszeit zweispaltig. Die Titelseite der wiederum vierseitigen zweiten Ausgabe war mit diesmal nur noch zwei behördlichen Verlautbarungen bestückt sowie mit fünf „Privat-Anzeigen“.
Der Verleger, Dominik Geiger selbst, warb damit, dass der Kriegskalender und der Marienkalender eingetroffen seien. Die großen Lettern, die er benutzte, lassen darauf schließen, dass es in der Anfangszeit nicht leicht war, die Seite mit Text zu füllen. Geiger konnte ja keine leere Fläche verkaufen, also füllte er die Seite mit großen Buchstaben und großen Überschriften. Der Lehrerpensions-Verein erhielt für seine Aufforderung an die Mitglieder, den Jahresbeitrag zu entrichten, nicht weniger als drei Titelzeilen.
Mal Jänner,
mal Januar
Für Sprachwissenschaftler dürfte das Datum interessant sein: Der Vereinskassier unterzeichnete am „3. Jänner 1871“. Der heute österreichische „Jänner“ findet sich auch auf der nächsten Seite zweimal. Der Zeitungskopf datierte hingegen am „5. Januar 1871“. Entweder waren Januar und Jänner noch in gleicher Weise geläufig oder Mühldorf war sprachlich noch nicht ganz in Bayern angekommen.
Deppen-Apostroph gab
es schon 1871
Apropos Sprache: Den sogenannten Deppen-Apostroph vor dem Genitiv-S gab es schon damals. Der Kolonialwarenhändler Anton Daxenberger, ein hochrangiger Patrizier von Mühldorf, warb für „Bernhard´s Alpenkräuter-Liqueur“, als Magenbitter seit Langem „rühmlichst bekannt“.
Allerdings war seinerzeit die Rechtschreibung noch nicht so verbindlich genormt wie heute. Und dennoch verstand sich die Redaktion auf Regeln. Sie wusste zum Beispiel auf vorbildliche Weise zwischen dem Pronomen „das“, das einen Relativsatz einleitet, und der Konjunktion „dass“ zu unterscheiden. Ebenso konsequent und korrekt verwendet der herausgebende und druckende Redakteur Geiger Satzzeichen, das Komma beispielsweise: „Dem Unterzeichneten ist am 11. vorigen Monats bei Ampfing ein braun getigerter Hund, Boxer, männlichen Geschlechts, entlaufen.“ Der Inserent, der Schreiner Michael Funk, hatte die Möglichkeiten des neuen Mediums schnell erfasst.
Zeitung für anonymen
Shitstorm genutzt
Eine anonyme Person nutzte es aber auch gleich zu einem öffentlichen Vorwurf. Geiger setzte an den Anfang der Meldung auf der zweiten Seite den Hinweis „(Eingesandt.)“ und gab die Beschwerde über drei Stufen in den Mühldorfer Arkaden wieder, deren Nutzung wegen der „ausgehöhlten Ziegeln“ und der Kante mit hölzerner Einfassung und glattem Eisenbeschlag „wahrhaft halsbrecherisch“ sei. So wie heute anonyme Hetze und Beschimpfungen im Internet möglich sind, so war sie vor 150 Jahren noch in einem Printmedium möglich.
Die dritte Seite war der Rubrik „Vermischte Nachrichten“ vorbehalten. Die Leserschaft bekam tatsächlich ein kunterbuntes Allerlei serviert: Von neuen Pfarrern, die zum Jahreswechsel in Mühldorf und Mettenheim ihren Dienst angetreten hatten, wurde unter anderem ebenso berichtet wie von den wegen des Krieges abgesagten Faschingsbällen am königlichen Hof in München und von der Front in Frankreich.
Lokales steht vor
dem Weltgeschehen
Bemerkenswert ist aus heutiger Sicht, dass die lokalen Ereignisse vor dem Weltgeschehen gedruckt werden. Dass sich also Katholikenvereine in Mühldorf und Kraiburg versammelten, um eine Resolution an König Ludwig II. zu verabschieden, damit er sich für den in arge Bedrängnis geratenen Papst Pius IX. einsetze, und dass in Unterscherm bei Niedertaufkirchen ein Austräglerehepaar am gleichen Tag starb, das stand vor den politischen Nachrichten.
Bär fasst Tierwärter
beim Rockkragen
Die zweite Ausgabe des Mühldorfer Anzeigers endete mit einer Meldung aus dem heutigen Budapest, die immer noch gut für eine Boulevard-Schlagzeile taugen würde: Im Zoo attackierte ein Bär einen unvorsichtigen Tierparkwärter. Der Bär wurde erschossen, der Tierpfleger rang um sein Leben, allerdings war „keine Hoffnung vorhanden“, die Verletzungen zu überleben.
Die frömmeren unter den Lesern werden den Mann ins Nachtgebet eingeschlossen haben.