Als im Jahr 1871 das Deutsche Reich gegründet wurde, bedeutete das nicht nur einen politischen Umbruch, sondern auch tiefgreifende wirtschaftliche Veränderungen, auch für das beschauliche Mühldorf. Mit dem Übergang vom Königreich Bayern zum Deutschen Reich entstanden neue Maßeinheiten und Währungen, die den Alltag der Menschen nachhaltig prägten.
Aus Gulden und Kreuzer
wurden Mark und Pfennig
Rechneten die Einwohner der Innstadt bis dahin in Fuß, Zoll und Elle, galten plötzlich Meter, Zentimeter und Millimeter. Und statt mit Gulden und Kreuzer wurde bald in Mark und Pfennig gezahlt, zunächst parallel, bis 1876 endgültig umgestellt wurde. Man musste also ähnlich wie bei der Einführung des Euros, nicht nur beim Bezahlen im Kopf umrechnen, sondern auch bei Längenangaben, Größe und Gewicht gut aufpassen. Im örtlichen Buchhandel halfen Umrechnungstabellen, den Überblick zu behalten, während neue Waagen nach modernen Standards, damals „verifiziert“ genannt, in Läden wie der Eisenhandlung Scheicher zu kaufen waren.
Doch keine Veränderung prägte die wirtschaftliche Entwicklung Mühldorfs so stark wie der Anschluss an das Eisenbahnnetz. Dieses Infrastrukturprojekt verändert die Region noch wesentlich stärker als die Fertigstellung der Autobahn 2019.
Am 12. April 1871 traf erstmals ein Zug zur Probefahrt am neu erbauten Bahnhof ein: Ein Ereignis, das Bürgermeister Leiseder und Gustav von Schlör, Direktor der Bayerischen Ostbahngesellschaft, nach langen Verhandlungen möglich gemacht hatten. Die Lokomotive, festlich geschmückt mit Kränzen, Fahnen und der Inschrift „Gruß der Stadt Mühldorf 12. April 1871“, fuhr anschließend weiter nach Neuötting.
Mit der offiziellen Eröffnung der Strecke München–Neuötting am 1. Mai 1871 begann für Mühldorf eine neue Ära. Zwei Züge verkehrten täglich in beide Richtungen und brauchten für die Fahrt nach München dreieinviertel Stunden. Heute, 155 Jahre später, bewältigt ein Zug die Strecke in rund einer Stunde, vorausgesetzt, alles läuft nach Plan.
Zugticket war teurer als
der Tageslohn
eines Maurers
In den 1870er-Jahren war Zugfahren ein sehr teures Vergnügen: Eine einfache Fahrt in der dritten Klasse kostete 2,89 Mark und war damit mehr als ein Maurer an einem ganzen Arbeitstag verdiente. Dennoch legte der Eisenbahnbau den Grundstein für Mühldorfs Entwicklung zum zentralen Bahnknotenpunkt im südostbayerischen Raum. Mit dem neuen Verkehrsmittel änderte sich die gesamte Berufsstruktur der Stadt: Neben den traditionellen Handwerksberufen wie Metzger, Schmied oder Schneider tauchten in den Annoncen des Mühldorfer Anzeigers nun auch „Bahnarbeiter“, „Eisenbahnarbeiter“ oder „Erdarbeiter“ auf. Viele, die zuvor als Tagelöhner, Dienstknechte oder Bräuhelfer gearbeitet hatten, fanden bei der Bahn ein neues, sicheres Auskommen. Dieser historische Rückblick zeigt, wie eng die Entwicklung von Stadt, Wirtschaft und auch Zeitung miteinander verflochten ist. Denn schon kurz nach der Eröffnung der Bahnstrecke dokumentierte der Mühldorfer Anzeiger genau jene Veränderungen, die heute, 155 Jahre später, Teil der Stadtgeschichte geworden sind.