Mehrgenerationen-Urlaub. Das ist einer der großen Reise-Trends in diesem Jahr. Doch was, wenn die eigenen Eltern nicht mehr so fit sind? Was, wenn die Mama Alzheimer hat? Bei Buchautor Oliver Kneip ist das der Fall. Was ihn nicht an einer gemeinsamen Reise hinderte. Im Gegenteil. Seiner Meinung nach sollte man dann unbedingt noch dringender gemeinsame Erlebnisse schaffen. Und so packte er seine Eltern nach Portugal ein – und schrieb ein sehr persönliches Buch darüber. „Alzheimer. Arschloch. Algarve“ heißt es. Wir haben mit ihm über diese letzte große Reise mit seiner Mama gesprochen.
Oliver, haben Sie auf dieser Reise mehr gelacht oder mehr geweint?
Auf der Reise haben wir mehr gelacht, aber auch geweint. Im Alltag gewinnt meist auch das Lachen, aber wir weinen deutlich mehr. Daher war der Urlaub ein echter Urlaub, wir konnten den Unterschied zum Alltag spüren.
Wer hatte die Idee dazu?
Meine Frau war die treibende Kraft, auch wenn sie selbst nicht mit im Auto saß. Sie erwartete uns mit ihrer Familie in Portugal. Für ihre Motivation bin ich ihr sehr dankbar.
Reist Ihre Mutter gerne?
Meine Eltern sind früher sehr viel gereist. In den 70ern und 80ern bereisten sie Tibet, Island mit dem Rucksack sowie die USA und Asien. Im Vergleich dazu war der Trip nach Portugal „kurz“, aber unter den Umständen gewiss nicht weniger abenteuerlich.
Hat Ihre Mutter denn gleich zugestimmt?
Meine Mutter konnte die Reise im Vorfeld gar nicht so richtig begreifen und da mein Vater und ich starke Anker- und Orientierungspunkte für sie sind, ließ sie sich einfach trotzdem darauf ein.
Seit wann hat Ihre Mutter Alzheimer?
Meine Mutter bekam etwa ein Jahr vor der Reise ihre Diagnose, aber erkrankt war sie schon länger. Ihre Orientierung, selbst im eigenen Haus, sowie das Begreifen von Sachverhalten sind sehr eingeschränkt. Ihr Kurzzeitgedächtnis funktioniert kaum noch.
Die Eckdaten der Reise: Wo ging es hin?
Unser Ziel lag im Südwesten Portugals, es war das Dorf São Teotónio, wo die Familie meiner Frau lebt. Davor ging es die Westküste Portugals ab Aveiro hinunter, über Lissabon, mit einem Abstecher an die Algarve ganz im Süden.
Haben Sie die Planung allein übernommen oder Ihre Eltern miteinbezogen?
Meine beiden Eltern haben sich komplett auf alles eingelassen und mitgemacht, was ich geplant habe. Mir war es wichtig, ihnen auf der Fahrt gen Süden so viele Orte und Erlebnisse wie nur möglich zu zeigen, die ich vor einiger Zeit als Vollzeit-Camper in Portugal kennen- und lieben gelernt hatte. Dabei hatte ich nur ein grobes Raster im Kopf, die Hotels buchte ich von Tag zu Tag per App, da ich nie wusste, wie gut wir vorankommen würden, wie das Wetter, die Gesundheit, die Laune, wie Rücken und Gelenke mitspielen würden. Irgendwann wurde es dann zum Running Gag, dass ich als Art alleinerziehender Vater mit zwei Kids plus Hund unterwegs war, da wirklich jede Form von Planung, Umsetzung und Verantwortung zu 100 Prozent bei mit lag. Vom Anschnallen übers Essen bis zum behüteten Schlafplatz.
Hatte Ihre Mutter vorab Wünsche?
Nein, da sie die Reise nicht verstanden hatte, bis wir im Auto saßen. Doch sie wusste genau, was sie nicht wollte: Fisch essen, der sie „noch anschaut“. Und „keine Monster aus dem Meer“. Ansonsten war sie sehr aufgeschlossen, konnte das Abenteur genießen.
Wieso haben Sie Ihren Hund eingepackt?
Tobi leistete grandiose Dienste als „Therapiehund“ und saß brav auf der Rückbank neben meiner Mutter.
Wie chaotisch war der Trip rückblickend?
Die Reise war nicht chaotisch, aber sehr dynamisch. So habe ich während der Fahrt gemerkt, dass ich für die zehn Tage Portugal übereifrig viel zu viele Pläne geschmiedet hatte, meinen Eltern viel zu viele schöne Orte, Restaurants und Lieblingsecken zeigen wollte. Irgendwann habe ich aber gemerkt, dass langes Sitzen im Auto sie ermüdet, sie stattdessen viel mehr Lust haben, am Meer oder im Garten ihrer Schwiegereltern zu sitzen und zur Ruhe kommen wollen.
Welchen weiteren Herausforderungen mussten Sie sich unterwegs stellen?
Meine Mutter konnte die Reise zwar genießen, war aber durchgehend orientierungslos und von den vielen neuen Eindrücken überfordert. Sie war sich mehrfach am Tag sicher, dass ich ihr nichts von der Reise erzählt hatte und sie weder eine Zahnbürste noch andere Kleidungsstücke oder einen Schlafanzug dabeihatte. Die Unterhaltung führten wie unzählige Male im Auto.
Kamen Sie zeitweise fast an Ihre Grenzen?
Vielleicht hatte mir das Universum besondere Kräfte für unseren Trip geschenkt, aber ich fühlte mich zu keinem Zeitpunkt überfordert. Viele Momente waren sehr intensiv, aber jeder einzelne Tiefpunkt führte auch wieder zu einem Höhepunkt und es war sehr lohnend, es durchzuziehen.
Ihre Mutter scheint Sie auch überrascht zu haben.
Auf jeden Fall. Meine Mutter überraschte mich unterwegs mit einer unbekannten Aufgeschlossenheit gegenüber fremden Menschen. Außerdem konnte sie trotz deutlichem Alzheimer einige englische Sätze sagen. Das war verblüffend und daran konnte ich sehen, dass sie früher viel gereist war. Alzheimer löscht zuerst die neueren Erinnerungen und Informationen aus, und die alten Erinnerungen und Gewohnheiten kommen dann oft stärker zutage. Da sie die letzten Jahre sehr isoliert und zurückgezogen lebte, beobachtete ich diese Momente „mit einem vollen Herzen“, wie die Portugiesen sagen.
Klingt nach Gänsehautmomenten.
Für mich lag der berührendste und schönste Moment darin, meine Eltern mit Sand unter den Füßen im salzigen Wind des Atlantiks stehen zu sehen. Sie schauten in die Ferne, umarmten sich und genossen diesen besonderen Moment. Wir waren noch nicht am Ziel, aber da war auch ich so glücklich darüber, dass wir diese Reise gewagt hatten.
Gab es Tage, in denen Sie abbrechen wollten?
Nein. Dafür war die Reise zu wichtig.
Was haben Sie Neues über Ihre Mama gelernt?
Meine Mutter ist extrem witzig. Und selbst Alzheimer konnte ihr den Humor noch nicht nehmen. Für eine erkrankte Frau kann sie verblüffend gut Witze raushauen.
Warum war diese Reise so wichtig für Sie?
Wir sind alle noch näher zusammengerückt, konnten viel Kraft und positive Energie aus der gemeinsamen Zeit schöpfen. Und ich bin mir sicher, dass meine Mama trotz ihrer Krankheit diese Reise im Herzen bewahren wird.
Warum sollte jede Tochter oder jeder Sohn auch im Erwachsenenalter noch mal eine Reise mit seinen Eltern machen?
Meine größte Erkenntnis liegt darin, dass es kein „Später“ gibt. Wer auf einen besseren Moment wartet, wird den Entscheidenden verpassen. Lieber geht mal etwas schief oder läuft nicht perfekt, anstatt es gar nicht zu machen. Jeder Moment zählt, man sollte keinen verschenken. Und was im Speziellen die Diagnose Alzheimer betrifft: Sie beendet zwar das Leben, aber nicht sofort. Menschen mit Alzheimer haben noch ganz viel Lebenslust. Und gerade, weil das Hirn abbaut, wird das Herz immer wichtiger. Das sollte man als Angehöriger ausgiebig mit Erlebnisse, Emotionen und Liebe füllen. Denn am Ende ist das alles, was den Erkrankten bleibt. Und ich bin sicher, dass sie ihr „Herz-Gedächtnis“ noch lange anzapfen können.
Interview:
J. Ammerschläger