Paradies für Skifahrer: das Jakobshorn bei Davos.
Das Armenhaus Europas, das waren lange Zeit die Alpen. Mühevoll mussten die Menschen der Natur in kurzen Sommern ausreichend Vorräte abringen, um lange, strenge Winter zu überstehen. Das Museum Sankt Anton am Arlberg wirft einen Blick auf diese Zeit und die Entwicklung, die das „Armenhaus“ Ende des 19. Jahrhunderts zum Sehnsuchtsort vieler Städter machte: den Wintertourismus. Yannick Rumler vom TVB Sankt Anton erklärt, wie aus den abgeschiedenen Bergbauerndörfern des Stanzertals eine der größten Tourismusregionen werden konnte: „Als 1884 der Arlbergtunnel sowie die Arlbergbahn in Betrieb genommen wurden, gelangten die ersten Gäste ins Tal, vor allem aus England.“
Das erste Paar Skier im Gepäck hatte ein norwegischer Tunnelbau-Ingenieur. 1885 zogen die ersten Skiläufer am Arlberg ihre Kurven. 1901 gründeten die Arlberger den ersten Skiclub, 1921 die erste Skischule der Welt. Heute wirbt Ski Arlberg als „Wiege des alpinen Skilaufs“ für sich und ist mit 300 Pistenkilometern das größte zusammenhängende Skigebiet Österreichs. Damit erfüllt es eines der Kriterien, nach denen Wintersportler ihr Urlaubsziel auswählen: je größer, desto begehrter.
Erwartungsgemäß geht’s auf den Pisten sowie im 2.300-Einwohner-Ort Sankt Anton, der zu Spitzenzeiten 11.000 Touristen unterbringt, ordentlich zu. Stolze Preise (das Tagesticket kostet 81,50 Euro) scheinen niemanden abzuschrecken. Einer, der diese Entwicklung kritisch sieht, ist Kulturgeograph Werner Bätzing. „Die Überalterung Europas und die fehlende Wintersport-Affinität vieler Menschen mit Migrationshintergrund lassen den Skifahrermarkt schrumpfen. Das führt zu einem Verdrängungswettbewerb unter den Anbietern, die durch Zusammenschlüsse den Wunsch nach mehr Pistenkilometern zu befriedigen suchen.“ Diese Aufrüstungsspirale habe zu einer totalen Überformung der Landschaft geführt, „andererseits sind dem Gigantismus in den letzten 20 Jahren mehrere hundert kleine Skigebiete zum Opfer gefallen, die schon mit Schneemangel zu kämpfen hatten.“
Ortswechsel: Davos Klosters. Das Carven auf 253 hochalpinen Pistenkilometern ist mit umgerechnet 100 Euro noch teurer. Besucherrückgänge verzeichnet man dennoch keine. Andreas Stoffel von Davos Klosters weiß warum: „Aufgrund unserer Schneesicherheit, modernen Infrastruktur und einfachen Anreise haben wir einen Wettbewerbsvorteil.“
Vielleicht wirken auch 150 Jahre Wintersporttradition nach. So ist man in Davos stolz auf einen Hockey Club von 1921. Auch auf den Ankerlift Bolgen am Jakobshorn sind die Davoser stolz, ist er doch der erste Schlepplift der Welt. Wie Sankt Anton gehört der Schweizer „Pionierort des Wintersports“ zum Zusammenschluss Best of the Alps, in dem zehn Destinationen aus fünf Ländern Synergien bündeln. Neuerdings auch im Bemühen um Nachhaltigkeit.
„Seit über 15 Jahren investieren Davos Klosters Bergbahnen in Klimaschutz, Ressourcen-Einsparungen und verbesserte Beschneiungstechnik“, sagt Projektleiterin „Erneuerbare Energien“ Martina Walsoe. „60 Prozent der Energie für die Beschneiung am Jakobshorn erzeugen wir selbst“, so Walsoe, „zwei Wasserkraftwerke produzieren jährlich 800.000 kWh Strom, den Jahresverbrauch von 200 Haushalten.“ Genutzt werden vorhandene Leitungen und Wasser aus Speicherseen – eine Infrastruktur, die maximal zwei Monate im Jahr für die Herstellung technischen Schnees gebraucht wird. Neue bauliche Eingriffe in die Natur werden vermieden. Das Kleinwasserkraftwerk am Rinerhorn soll zusätzliche 1,2 Mio. kWh nachhaltigen Strom herstellen. Das Ziel: 100 Prozent des Energiebedarfs aus eigenem Ökostrom zu decken. Ein weiterer Schritt ist der „Masterplan Solarenergie“, der bis 2027 eine Investition von 10 Millionen Franken in den Ausbau der Photovoltaik vorsieht.
Zeit wird’s, möchte man sagen. Zumal die Folgen der Klimaerwärmung in kaum einer Region so existenzbedrohend sind wie im Alpenraum. Dieser hat sich seit dem späten 19. Jahrhundert doppelt so stark erwärmt wie der globale Durchschnitt. Für das Stanzertal bedeutet das: Das Jahresmittel von 1,1°C im Jahr 1971 ist bis 2020 auf 3° gestiegen. Schneesicherheit ist meist nur noch dank Beschneiung gegeben. Für einen Hektar braucht es eine Million Liter Wasser.
So ressourcenschonend wie möglich produzieren Davos und Sankt Anton den technischen Schnee. Effiziente, mit grünem Strom betriebene Schneekanonen auf den Pisten verwandeln Speichersee-Wasser in Kunstschnee. Der füllt im Frühling als Schmelzwasser die Bäche, wird wiederum für die Energiegewinnung genutzt.
Autark in der Stromversorgung ist der Ort Sankt Anton bereits seit 2006 dank mehrerer Wasserkraftwerke. Ein mit Hackschnitzeln betriebenes Nahwärmekraftwerk beliefert große Teile des Ortes mit nachhaltig erzeugter Wärme. „Für die Galzigbahn nutzen wir ein Wärmerückgewinnungssystem, bei dem die Abwärme des Seilbahnmotors für die Beheizung der Bergstation und der Gastronomie genutzt wird“, führt Arthur Moser aus. „Wir leben von der Natur, wir müssen sie bewahren.“ So lautet nicht nur das Credo des Bergbahn-Prokuristen, sondern der meisten Einwohner am Arlberg. „Eigentlich alle hängen vom Tourismus ab, der Einzelhandel, das Handwerk, die Hotellerie und Gastronomie“, ergänzt Yannick Rumler. Zurück ins Armenhaus will niemand. Susanne Böllert