Er heißt „Mammut“, wiegt so viel wie 30 Elefanten und ist der größte Pflug der Welt. „Davon gab es nur zwei“, sagt Janna Kötting-Gerkens, Museumspädagogin im Emsland Moormuseum, „die haben flächendeckend die ganze nordwestdeutsche Moorlandschaft umgepflügt.“ Ein Prozess, der vor 76 Jahren begann, mit dem „Emslandplan“, den der Bundestag im Mai 1950 verabschiedete. Das Armenhaus der Republik sollte landwirtschaftlich urbar gemacht werden, die vielen Flüchtlinge wollten versorgt werden. Kaum eine andere Landschaft in Deutschland hat binnen weniger Jahrzehnte ihr Gesicht so sehr verändert wie das Emsland.
Das Moormuseum
Der „Mammut“ ist das Symbol dieses Wandels und Star des Moormuseums in Geeste, das als größtes Moormuseum in Europa gilt. Bei einem Rundgang lenkt Kötting-Gerkens den Blick auf eine Karte aus dem Jahre 1648, die die Ausdehnung des Bourtanger Moores zeigt. Es war mit 1.200 Quadratkilometern das größte Hochmoorgebiet Mitteleuropas. „Moor entsteht im Prinzip wie ein Glas saure Gurken“, sagt sie. „Alles, was reinfällt, wird konserviert.“ Das gilt für Moorleichen genauso wie für den Kohlenstoff, der im Moor gespeichert und bei Entwässerung als CO2 freigesetzt wird. „Über Jahrhunderte lagern sich abgestorbene Pflanzenreste ab – das nennt sich dann Torf.“ Dieser Torf war lange Zeit die einzige Einnahmequelle vieler Moorbewohner. In den ersten Jahren war Buchweizen die einzige Pflanze, die mit dem nährstoffarmen Boden zurechtkam. „Früher war das ein Arme-Leute-Essen, heute wird Buchweizen als Superfood gepriesen“, so Kötting-Gerkens.
Mit Ranger unterwegs
Beiges Hemd, dunkelbraune Hose, breitkrempiger brauner Hut: Das ist die Dienstkleidung von Andreas Rakers. Der Biologe arbeitet als Ranger im Naturpark Moor-Veenland. Der Park erstreckt sich über das Emsland und die Grafschaft Bentheim, dazu kommt auf niederländischer Seite mit dem Bargerveen ein größeres Moorgebiet in der Provinz Drenthe. Die ehemalige Festung Bourtange, die einst dem Moor den Namen gab, liegt dagegen heute weit außerhalb des Naturparks. Rakers ist in Twist groß geworden, quasi mittendrin. Seine Vorfahren gehörten hier zu den ersten Moorkolonisten. Rund acht Meter war das Moor mächtig, bevor es abgebaut wurde. Unter einer ersten Erdschicht kam Weißtorf, dann Schwarztorf, dann Sand und dann die Ortsteinschicht, ohne die kein Hochmoor entstehen kann, weil sie gewissermaßen das Ablaufen des Wassers verhindert. Die Moorsiedler waren vor allem am Schwarztorf interessiert, denn der war begehrt als Brennmaterial. In einem nahen Kraftwerk wurde sogar Strom aus Schwarztorf erzeugt. Klimaschutz war da noch kein Thema. Erst in den 1980er-Jahren begann das Umdenken, sagt Rakers. Heute macht er Besucher auf die Schönheiten des Moores aufmerksam, stellt Info-Tafeln auf und schildert Wanderwege aus.
Einer der schönsten ist für ihn der Wanderweg am Provinzialmoor, vor allem im Mai, wenn sich das Schmalblättrige Wollgras weiß blühend im Wind wiegt, aber auch später im Jahr. In August und September lockt die Heideblüte. Wenn man sich sattgesehen hat am Gräsermeer, dann fallen vielleicht auch die kleinen grünen Sandlaufkäfer ins Auge, die den Weg kreuzen. Oder der Baumfalke, der Libellen jagt. Davon gibt es hier eine ganze Menge. „Von den Insekten leben die Frösche, von den Fröschen die Kreuzottern – alle sind hier sehr spezialisiert“, sagt Rakers.
Heimat der Bienen
Auch Hermann Hüsers ist ein Kind des Moores. Viele nennen ihn nur „Imme“, ein hier gebräuchliches Wort für Biene. „Imme“, so heißt auch das deutsch-niederländische „Bildungszentrum für Artenvielfalt und Naturschutz“, für das der Gärtner- und Imkermeister aus Haren ehrenamtlich arbeitet. Er erinnert sich noch an die runden Bienenkörbe, die früher in der Landschaft standen und durch Holzkästen abgelöst wurden. Hüsers selbst arbeitet seit 35 Jahren als Imker. Wenn er erzählt, dass eine Honigbiene rund zwei Millionen Mal eine Blüte anfliegen muss, um ein 500-Gramm-Glas Honig zu füllen, dann versteht man, warum er die gepflegten Vorgärten eher kritisch sieht. Es mangelt vielerorts an Blüten. Das Bienenzentrum ist – wie das Moormuseum – eine von acht „Moorpforten“ beidseits der Grenze. Auch das Erdöl-Erdgas-Museum in Twist ist eine solche „Moorpforte“. Hier erfährt man, dass das Emsland das größte Erdölfördergebiet auf dem deutschen Festland ist. Die Pumpen, auch Nicker genannt, heben und senken sich vor allem im Rühler Moor, fast so, als wollten sie sagen: Ja, doch, es ist schon ein besonderes Fleckchen Erde, dieses Emsland. Wolfgang Stelljes/dpa