Krieg, Alltag und Literatur

von Redaktion

Die dritte Ausgabe des Mühldorfer Anzeigers von 1871 ist eine Fundgrube in Sachen Alltagskultur

Zeitungen sind wunderbare Quellen, wenn man der Alltagskultur nachspüren will. Nehmen wir nur die dritte Ausgabe des Mühldorfer Anzeigers! Da lädt an prominentester Stelle auf der Titelseite der Gesellenverein zu einer Christbaum-Feier – wohlgemerkt am 8. Januar.

Christbaum-Feier
im Januar

Zwar erfahren wir in den Anfangsjahren noch nicht, wie solche Feiern verliefen. Doch schon allein die Tatsache, dass sich die Gesellen nach Dreikönig trafen, um bei „Harmonie-Musik“ zu feiern, ist ein Hinweis, der Brauchtumsforscher stutzig machen dürfte. Warum feierten sie am Sonntag und nicht am Samstag? Gab es etwa schon so etwas wie einen Dry January? Oder machten die Gesellen am Montag blau?

Brustsirup, Hanfspinnerei und Formulare

Der Herausgeber hatte sichtlich seine Mühe, die Titelseite zu füllen. Wieder erschien eine Werbung des örtlichen Kolonialwarenhändlers Daxenberger für Brustsirup aus Breslau. Und wieder bot Dominik Geiger, diesmal als Buchdruckereibesitzer firmierend, Formulare feil.

Allerdings inserierten nun auch auswärtige Unternehmer: Zwei konkurrierende Flachs- und Hanfspinnereien aus Dillingen und Donauwörth priesen sich „den verehrten Landwirten“ als maschinell bestens ausgerüstete Lohnbetriebe an.

Geliebte
Beschwerdekultur

Wenn Ratsch und Klatsch in der Stadt damals ähnlich ausgeprägt waren wie in späteren Zeiten, werden sich die Leserinnen und Leser an der anonym eingesandten Beschwerde über die Stufen in den Arkaden gelabt haben.

Ein wiederum anonymer Autor replizierte unter der Rubrik „Entgegnung“ brüsk die in der vorangegangenen Ausgabe erhobenen Vorwürfe: Seit neun Jahren würden diese Stufen unfallfrei „von den kleinsten Anstaltskindern, von den ältesten Greisen und von dem nichts weniger als im Treppensteigen geübten Landvolke begangen“. Was an den Stufen halsbrecherisch sei, solle das Publikum beurteilen.

Protoform einer
Leserbriefschlacht?

War dies ein publizistisch ausgetragener Zwist unter Patriziern? Handelt es sich um die Protoform einer Leserbriefschlacht? Vermuten kann man beides.

Dem Verleger und Redakteur konnte es nur recht sein. Im Zeitungskopf heischte er mit der Zusicherung „Passende Beiträge werden mit Dank angenommen“ um druckbare Texte. Offensichtlich waren ihm auch Fehden unter Nachbarn willkommen.

Die Rubrik „Vermischte Nachrichten“ begann in dieser Ausgabe schon auf der zweiten Seite, füllte fast noch die ganze dritte Seite und machte ihrem Namen alle Ehre. Zwar war sie deutlich dominiert vom Krieg, es mischten sich aber auch bayerische Neuigkeiten darunter. Dass im Bistum Augsburg ein Pfarrer geschasst wurde, weil er die soeben vom Vatikanischen Konzil beschlossene Unfehlbarkeit des Papstes bestritt, war dem Blattmacher Geiger vier Zeilen wert.

Meldungen von
der Front

Dass die Stadtmagistrate von Wien und Passau das Schulgeld abschafften, meldete er auf zwei Zeilen. Und das alles zwischen Erfolgsmeldungen von der Front: „3 Fahnen, 2 Kanonen und 500 Gefangene wurden dem Feinde abgenommen“ und „Der Frauenhilfsverein in München hat seine großen Vorräthe an Leinwand-Compressen für verwundete Krieger nahezu erschöpft.“

Kurzgeschichte mit
Fortsetzung

Bemerkenswert ist Geigers Vorgehen mit längeren Beiträgen. In der zweiten Ausgabe hatte er einen literarischen Beitrag begonnen: Ein agnostischer Arzt heilt einen an einem Geschwür erkrankten Priester. Gleich einem Fortsetzungsroman endet die Geschichte in der dritten Ausgabe damit, dass der Arzt selbst erkrankt und der Priester ihn am Sterbebett zum Glauben bekehrt.

Mit dem Hinweis „Fortsetzung folgt“ endet in der dritten Ausgabe ein essayistischer Text mit dem Titel „Wie sind wir zu diesem Krieg gekommen?“ Auch hier wird kein Autor genannt. Er bekennt sich gegen die Kleinstaaterei, rühmt die Reichsgründung und beschwört „ein großartiges deutsches Nationalleben“. Die aktuellen Getreidepreise, diesmal von der Landshuter Schranne, stehen nun schon so zuverlässig ganz am Ende wie das Amen in der Kirche.

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