Bis ins frühe 19. Jahrhundert war Mühldorf eine Stadt hinter Mauern. Ein Ring aus Erdwällen, einer steinernen Stadtmauer und einem wasserführenden Graben schützte die Bewohner, wie es im Mittelalter vielerorts üblich war. Der Grundstein dieser Befestigungen wurde bereits im 14. Jahrhundert gelegt. Der Wassergraben verlief parallel zur Mauer und wurde von Quellen am Berghang gespeist.
Um 1812 lebten in der spätmittelalterlich geprägten Stadt rund 1.400 Einwohner. Ihr Alltag spielte sich fast ausschließlich innerhalb der Mauern ab. Nur zwei kleine Vorstädte, die Katharinen- und die Spitalvorstadt, lagen außerhalb. Der Wunsch nach Sicherheit prägte die Bauweise und führte dazu, dass sich Mühldorf jahrhundertelang kaum über seine Stadtgrenzen hinaus entwickelte.
Die Geschichte Mühldorfs war immer wieder von schweren Bränden gezeichnet. Besonders verheerend waren jene der Jahre 1285, 1495, 1640 und 1803. Mit jedem Wiederaufbau aber blieb die Grundstruktur der Stadt erhalten. Man orientierte sich am bestehenden Stadtgrundriss, dessen Ursprung sich bis in die frühe Stadtwerdung zurückverfolgen lässt. Der Charakter Mühldorfs blieb dadurch über Jahrhunderte unverändert: enge Gassen, dichte Bebauung, klare Ordnung.
Erst mit dem Abtragen der Stadtmauer, dem Abriss der Stadttore und dem Austrocknen des Wassergrabens begann sich die Stadt zu öffnen. Neue Durchgänge und Straßen schufen Verbindungen zu den angrenzenden Gebieten. So entstanden etwa Zugänge an der heutigen Bräugasse oder am Kellerweg. Mit diesen Veränderungen wurde Mühldorf buchstäblich durchlässiger, zugleich verschob sich der Schwerpunkt des städtischen Lebens vom rein inneren Stadtkern hin zu den Außenbereichen.
Über Jahrhunderte prägte eine vielfältige handwerkliche Struktur das wirtschaftliche Leben: Schmiede, Schuster, Färber, Bäcker und andere Gewerke sorgten für die Versorgung der Bevölkerung und der umliegenden Dörfer.
Die Stadt war in vier Viertel eingeteilt, die jeweils von einem Viertelmeister betreut wurden. Dieser hatte die Aufgabe, die Anordnungen der Stadtverwaltung weiterzugeben und die Anliegen der Bürger aufzunehmen. Dieses System entspricht in gewisser Weise einem frühen Modell der Bürgerbeteiligung und zeigt, wie stark Gemeinschaft und Verantwortung damals miteinander verknüpft waren.
Der große Aufbruch
Mit der Eröffnung der Bahnstrecke München–Mühldorf–Braunau im Jahr 1871 begann ein neues Kapitel. Nach Jahrhunderten relativer Beständigkeit setzte eine Phase rasanter Entwicklung ein. Durch den Eisenbahnanschluss wurde Mühldorf zu einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte in Südbayern.
Neben dem Bahnhof entstanden bald neue Wohn- und Geschäftsviertel, darunter die Obere Stadt. Der Ausbau weiterer Strecken, die in Mühldorf zusammenliefen, stärkte die Bedeutung des Ortes zusätzlich. Behörden wie Postamt, Brandversicherungsamt und Tierzuchtamt siedelten sich an. Zahlreiche Arbeitsplätze entstanden, sodass viele Menschen aus dem Umland herzogen. Die Einwohnerzahl stieg von 2.283 im Jahr 1871 auf 2.666 im Jahr 1880 und erreichte zur Jahrhundertwende bereits 3.517.
Innkanal und neue Viertel
Mit dieser Entwicklung veränderte sich auch das Gesicht der Stadt: neue Straßenverbindungen entstanden, und Handel wie Handwerk nahmen Abstand von der rein ortsgebundenen Versorgung.
Ein weiterer Einschnitt erfolgte nach dem Ersten Weltkrieg. Der Bau des Innkanals zwischen 1919 und 1924 brachte eine neue städtebauliche Dynamik. Viele Arbeiter fanden hier eine Anstellung, neue Wohngebiete wurden nötig.
Ab 1921 begann in Mühldorf die Ära des Siedlungshausbaus. In den folgenden Jahrzehnten entstanden ganze Straßenzüge: die Kriegersiedlung, die Siedlung an der Hartgasse, die Lohmühlsiedlung, die Gütersiedlung, dazu Häuser auf der Lände und an der Luitpoldallee. Mit der wachsenden Einwohnerzahl stieg auch der Bedarf an Infrastruktur, an Schulen, Versorgungseinrichtungen und Verkehrsanbindungen.
1952 lebten bereits 10.427 Menschen in der Stadt, zu der nun auch Ortsteile wie Oberaham, Seeor, Starkheim und Tegernau gehörten. Die Nachkriegsjahre und die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs veränderten das Gesicht Mühldorfs erneut. Die Eingemeindungen von Mößling, Hart und Altmühldorf in den 1970er-Jahren vergrößerten das Stadtgebiet deutlich. Damit wuchs Mühldorf auf über 14.000 Einwohnerinnen und Einwohner.
Heute leben rund 22.000 Menschen in der Stadt, die längst als Oberzentrum eingestuft ist. Viele Strukturen der alten Stadt sind erkennbar geblieben. In den Gassen, auf den Plätzen und in den historischen Fassaden zeigt sich jene Kontinuität, die die Stadt bis heute auszeichnet.