Wo Alpakas über Obstwiesen tollen

von Redaktion

Ein Besuch im Lavanttal in Kärnten entschleunigt – und ist DER Tipp für Genießer

Wenn das Ziel näher rückt, zieht sich jeder Kilometer oft wie Kaugummi. Nicht, wenn man nach fünf Stunden Anfahrt von München aus kurz vor Wolfsberg links den Berg nach oben biegt und Richtung Gießlhütte steuert. Noch mal zwanzig Minuten Fahrt, sagt das Navi. Doch diese Tour die Saualpe hoch ist eine Wundertüte. Nach jeder Kurve zeigt sich ein noch schöneres Pano­rama über das kleine Städtchen Wolfsberg hinüber zur Koralpe. Schneegezuckerte Gipfel thronen über sonnigen Wiesen. Dazwischen blitzen erste zarte Blüten an knorrigen Obstbäumen. Urige Almen und gemütlich kauende Kühe kündigen an, dass man hier herrlich entschleunigen kann.

Ein herzliches Willkommen klingt uns gleich entgegen, als wir die schwere Holztür zum Alpengasthaus Gießlhütte öffnen. Es ist herrlich warm, der Empfang und die Räume. Chef Daniel freut sich, als hätte er schon ewig auf uns gewartet – und stellt uns direkt seinen Gruß aus der Küche vor die Nase. Die schnuppert begeistert, als auch noch cremige Käsespätzle an den Tisch gebracht werden, im riesigen Parmesanlaib, den Opa Fößl extra großzügig für uns ausschabt: „Ihr müsst ja Hunger haben nach der langen Anreise“, lautet die Begründung.

Recht soll‘s uns sein. Auch die selbst gedrehten Kürbis-Gnocchi verkosten wir begeistert. Und das Schnitzel erst… In die Gießlhütte lockt die hohe Kulinarik des Lavanttals. „Sie ist für uns nicht nur ein Gasthof“, erklärt Chef Daniel das Besondere an seinem Haus auf 1350 Metern Seehöhe. „Sie ist unser Zuhause.“ Das von Daniel seit Stunde Null: Er ist auf der Saualpe aufgewachsen, „als Kind hab ich im Stall bei meinen Großeltern mitgeholfen, sie betrieben eine typische Almwirtschaft mit Kühen, Schafen, Ziegen.“ Das hört sich recht idyllisch an, Daniel dagegen fasst seine Kindheit lachend so zusammen: „Hier oben war‘s zehn Monate Winter und vier Monate kalt.“ Wie man so eine Kindheit übersteht, will ich wissen: „Ich hab mich vor allem in der Küche aufgewärmt. Als Bub ist man ja ständig hungrig, und dort hat‘s einfach immer gut gerochen. Entweder Mama oder Oma haben in irgendeinem Topf gerührt. Doch nur rumstehen und warten, bis serviert wird, war nicht. Drum bekam ich direkt Zutaten vorgelegt, durfte schnippeln.“

Die beiden haben also dafür gesorgt, dass Daniel seine Leidenschaft fürs Kochen entdeckt. Und sie sind einverstanden, als Daniel nach der Schule seine Koffer packte und auf einem Kreuzfahrtschiff anheuert. „Ich habe viermal die Welt umsegelt, in 82 Ländern angelegt…“ Was aber kein Urlaub war. Denn wer schon mal auf einem Schiff gearbeitet hat, weiß: Da ist im Gegensatz zur Kärntner Alm wenig Platz für Gemütlichkeit. „Ein knochenharter Job. Doch dabei habe ich auch unglaublich viel gelernt: Wie verfeinert man Gerichte auf hohem Niveau? Wie schafft man eine gleichbleibende Qualität, auch wenn‘s mal stressig wird? Wie überrascht man Gäste, auch wenn die Produkte nicht jeden Tag variieren?“

Was er von seinen Jahren auf dem Schiff noch mitgenommen hat, war seine Frau. „Sie hat im Service gearbeitet, kommt auch aus Kärnten. Das hat direkt gepasst bei uns beiden. Und den Härtetest haben wir auch gleich bestanden. Denn wenn man auf acht Quadratmetern ohne Fenster drei Jahre lang zusammenlebt, kennt man sich zu hundert Prozent. Da gibt es keine bösen Überraschungen mehr.“

Dann muss Daniel wieder in die Küche. Seine Gäste wollen verwöhnt werden. Noch eine letzte Frage: Was sollte man unbedingt hier oben bei ihm machen, bevor es wieder runter ins Tal geht? „Spaziert unbedingt von hier aus in Richtung Ladinger Spitz. Eine superschöne Wanderung, herrlich ruhig mit traumhaften Ausblicken. Und wenn ihr dann wieder Hunger habt, packt euch entweder beim Marzi, dem allerbesten Fischzüchter hier, ein paar frische Kaiserforellen ein oder kehrt im Schloss Lichtengraben ein.“

Schlemmen geht immer in dieser Region Kärntens. Jeder weiß was oder kennt wen, bei dem man dringend was verkosten sollte. Ganz viele etwa schicken uns in die kleine Manufaktur von Herbert Müller in Bad St. Leonhard. Spoiler: Mal kurz vorbeischauen, geht hier nicht. Wer bei dem Hobby-Schnapsbrenner – der unzählige Goldmedaillen kassiert hat und vor Kurzem sogar zum Landessieger gekürt wurde –vorbeischaut, wird in die hohe Kunst der Schnapsbrennerei eingeführt. Und das dauert…

Zuerst geht es in den Hof seines historischen Bürgerhauses am Hauptplatz Nr. 1.

Und dort unter wunderschönem Gewölbe dürfen wir einen Blick auf die Obst-Sortiermaschine, die Apfel- und Birnenwaschanlage sowie sein Allerheiligstes – den Raum, in dem bei penibel konstant gehaltener Temperatur von 18 Grad die Maische gärt – werfen.

Seit 2012 betreibt Herbert seine Schnapsbrennerei. „Angefangen hat alles damit, dass ich vom Nachbarn einen uralten Schnapsbrennkessel vermacht bekam. So konnte ich den Früchteüberschuss aus dem elterlichen Obstgarten verarbeiten.“ Und weil der Herbert keine halben Sachen macht, lässt er sich in der Abendschule – hauptberuflich ist er Immobilienmakler – zum Kellerwart und später noch zum Edelbrandsommelier ausbilden.

Sein geballtes Fachwissen teilt er gerne. So erfahren wir alles über den Prozess der Maischeherstellung, wie man den im Obst enthaltenen Zucker durch Hefe so in Alkohol umwandelt, dass die Aromen erhalten bleiben, und dass man nach den drei Wochen Gärprozess direkt mit der Destillierung starten müsse. Was wiederum eine Kunst für sich ist. „Der Prozess des Schnapsbrennens nutzt die unterschiedlichen Siedepunkte von Alkohol (78°C) und Wasser (100°C), um diese voneinander zu trennen.“ Dank unterschiedlicher Verstärkerböden in seinem kupfernen Schnapsbrenner werde der aufsteigende Dampf immer wieder verdampft und im Kühler kondensiert, wodurch sich der Alkohol konzentriert, bis der Schnaps als flüssiges Destillat in den Eimer tropft. Doch Schnaps ist nicht Schnaps. „Während des Brennens entstehen drei Fraktionen: Vorlauf, Mittellauf und Nachlauf. Nur der Mittellauf, das ‚Herzstück‘, ist für den Verzehr bestimmt. Vor- und Nachlauf enthalten unerwünschte, teils sogar giftige Stoffe und müssen präzise abgetrennt werden. Diese Trennung erfolgt ausschließlich sensorisch durch Riechen und Schmecken“, erklärt Herbert – und hält uns schon ein Glas unter die Nase. Wir schnüffeln, zucken erschrocken zurück. „Der Vorlauf riecht nach Acetaldehyd, Klebstoff“, weiß der Experte. Köstlich fruchtig dagegen duftet der Mittellauf. Der Nachlauf wiederum riecht erdig, „weil er Fuselöle enthält.“

Wer hätte gedacht, dass die Schnapsbrennerei so kompliziert ist. Doch Herbert beherrscht sein Hobby. Ständig schauen Käufer im kleinen Laden vorbei, wo 26 verschiedene Obstbrände und 22 aromatische Essige angeboten werden. Eine kostbare Essenz – denn: „Aus 100 Kilo Birnen oder Äpfeln unseres wunderschönen Lavanttals werden am Ende vier bis fünf Liter Schnaps.“ Natürlich packen wir ein paar Flaschen ein und seinen Tipp: „Schaut unbedingt mal bei Petra vorbei. Sie hat einen ziemlich abgefahrenen Alpaka-Hof.“

Also kurven wir am historischen Hochofen des ehemaligen Bergbauortes Frantschach vorbei ins beschauliche Wolfsberg. Dort inmitten von Weinbergen blicken uns etwas misstrauisch ein paar zerknautschte Fellknäuel an: Petras Alpakaherde. „Sie sind recht scheu. Am besten ihr schaut ihnen nicht direkt in die Augen, sondern geht einfach locker an ihnen vorbei. Hintereinander, damit sie sich nicht bedrängt fühlen und austreten.“ Ganz vorsichtig tapse ich rüber zu Petras „Schaufenster“ und nehme in einer kuscheligen Sofaecke hinter hübschen Vorhängen mitten im Stall Platz.>>>

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Als ich mich dort niederlasse, werde ich direkt lustig beäugt: von Nala, Maja, Bonnie, Franzi, Grace, Amber und Aurelia. Klar, kennt Petra ihre Tiere alle namentlich.

Warum hat sie sich die Wolllieferanten aus den Anden in ihre Kärtner Heimat geholt? „Sie sind meine Seelentiere.“ Klick habe es gemacht, als sie als Studentin in Kanada bei einer Alpaka-Züchterin ausgeholfen habe. „Und so wurden 13 Alpakas im September 2012 von Toronto nach Wien geflogen – ein logistisch komplexes Unterfangen, bei dem viele Flughafenmitarbeiter Selfies mit den Tieren geknipst haben, da das Transportgut so einzigartig war“, grinst Petra.

Doch nicht nur Petra schöpft viel Kraft aus den gutmütigen Tieren, mittlerweile gibt es lange Wartelisten für Petras Alpaka-Tour und ihr neuestes Angebot: „­Alpaka-Yoga im Stall“. Was die Menschen so begeistert? „Alpakas haben etwas sehr Kraftvolles, Beruhigendes. Sie bringen dich extrem runter. Und ich bewundere sie: Ihr Sozialverhalten ist genauso beeindruckend wie ihre scharfen Sinne, mit denen sie ihre Umgebung scannen. Jeden Tag lerne ich Neues von der Herde.“

Auch wir werden immer ruhiger, als wir Camillo und Ernesto am Halfter zum Weinberg führen. Schade, dass wir die Kuschelbären nicht einpacken können. So eine entschleunigende Runde durch München hätte uns auch im hektischen Alltag immer mal herrlich runtergeholt. J. Ammerschläger

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