Lokales füllt sich mit Alltagsleben

von Redaktion

Vom Wirtshaus-Tratsch zur gedruckten Lokalnachricht

Von Ausgabe zu Ausgabe kam mehr Leben in die Zeitung – das Mühldorfer Ortsleben. Per Inserat unter den Privatanzeigen wurde „ein tüchtiger Harmonikaspieler gegen gute Bezahlung“ für die Mühldorfer Hochzeiten gesucht. Daneben lud der Mühldorfer Bürger Johann Baptist Wandinger für den Erscheinungstag der vierten Ausgabe, also für Donnerstag, den 12. Januar 1871, mittags zum Eisstockschießen.

Einladung zum
Eisstockschießen

Wandingers Anzeige erzählt zweierlei: Zum einen hatte das städtische Bürgertum auch werktags Zeit für wintersportliche Vergnügungen, zum anderen konnte der Inserent offenbar davon ausgehen, dass die Zeitung schon recht früh am Erscheinungstag gelesen wurde.

Und von Anfang an wurde der Mühldorfer Anzeiger keineswegs nur in Mühldorf selbst gelesen, sondern auch in der Umgebung, für die er offiziell als Amtsblatt fungierte. Für Kraiburg zum Beispiel. Von Privatsphäre oder ähnlichen Persönlichkeitsrechten konnte auf dem publizistischen Parkett keine Rede sein: In allen Beiträgen, in denen es um Menschen ging, wurden diese Personen mit vollem Klarnamen genannt – in Gerichtsnotizen ebenso wie in standesamtlichen Nachrichten.

Von wegen
Persönlichkeitsrechte

Bei den Totenmeldungen erfuhren die Leser sogar die Todesursache, etwa in der „Bevölkerungs-Anzeige für Kraiburg im Dezember 1870“: Am 1. des Monats erlag die Maurerwitwe Maria Schaffner ebenso einem Schlaganfall wie zwei Tage vor Silvester die „Jungfrau Maria Zieglgänsberger von Haberg, 80 Jahre alt“, während ein 15 Jahre alter Hutmachersohn namens Joseph Nagl an Typhus starb.

Lokalzeitung statt
Ratschkathl

Bis die Lokalzeitungen entstanden und solche Nachrichten transportierten, hatte es für die breite Bevölkerung ein heute vergessenes Medium und eine Informationsbörse gegeben: die Ratschkathl, die auch männlich sein konnte und von Haus zu Haus lief, um Neuigkeiten zu kolportieren, und die Gaststuben der Wirtshäuser. Jetzt aber konnte man diese Nachrichten für ein paar Kreuzer auf Papier beziehen, wenn man des Lesens mächtig war, und musste nicht extra zum Wirt gehen oder eine umherlaufende hungrige Nachrichtenquelle mit Brotzeit honorieren und dabei riskieren, dass sie ihre Beobachtungen in den Wohnstuben ihrer Kundschaft gleich den nächsten Empfängern auftischte.

Ob und wie die Mühldorfer Redaktion den Wahrheitsgehalt der Meldungen überprüfte, die sie unter der Rubrik „Vermischte Nachrichten“ veröffentlichte, lässt sich nur vermuten. Jedenfalls legte sie ein sicheres Gespür für Geschichten an den Tag, die in Stammtisch-Runden einen hohen „Hast du schon gehört, dass“-Faktor erzielten.

Händchen für
Spannungsbogen

Bei der Lektüre einer Räuberpistole aus Hamburg beispielsweise stockt einem heute noch fast der Atem: Ein Kaufmann lagerte im Weinkeller in einem offenen Fass Schwarzpulver; als seine Dienstmagd mit ein paar Flaschen Wein, aber ohne die Kerze aus dem Keller kam, mit der sie hinuntergegangen war, fragte er sie nach dem Licht. „Ich hatte keinen Leuchter und so habe ich es in den schwarzen Sand gesteckt, der in einem von den Fässern ist.“ Kaum ein Hollywood-Film vermag eine Spannung aufzubauen, wie sie diesen Zeitungsartikel zu einem Leseerlebnis macht. Kurzum: Der Kaufmann rannte in den Keller und löschte die Kerzenflamme in letzter Sekunde, rettete seiner Familie das Leben – hat „aber selbst darüber den Verstand verloren“.

Weitgehend beherrschte der Krieg den Nachrichtenteil. Der märchenhafte Bericht über den aus Schleching im Chiemgau stammenden Soldaten Florian Zeiser beispielsweise, den bei einem Gefecht in Frankreich sieben feindliche Kugeln trafen, ohne ihn ernsthaft zu verletzen. Er erhielt dafür das Eiserne Kreuz des Preußen-Königs.

Der Zeiser-Vater in der Heimat, bis dahin ein erklärter Preußen-Hasser, lud ganz Schleching zu einem Fest ein, um Wilhelm I. hochleben zu lassen. Was mit solchen Happy-End-Geschichten intendiert war, lässt sich aus einem deutschnational intonierten Essay schließen, das der Mühldorfer Anzeiger den Lesenden in den ersten Ausgaben häppchenweise servierte. Dieser Essay propagiert das „wiedererblühende Deutschland“. Die rührselige Geschichte aus Schleching mag auch manchen Mühldorfer Leser mit den Preußen versöhnt haben.

Über den Autor

Artikel 2 von 3