Mit dem Top-Speed-Zug durchs langsame Laos

von Redaktion

„Land der eine Million Elefanten“ wird Laos genannt. Das klingt poetisch und passt zu dem magischen Binnenstaat am Mekong. Ruhiger geht es in Indochina fast nirgendwo zu. Aber wie lange noch?

Gemächlich tuckern Touristen in rechteckigen, bunten Holzbooten über den Mekong. Ringsum eine Idylle, die nur vom monotonen Geräusch des Motors gestört wird. Zu beiden Seiten des mächtigen Flusses erheben sich sanft die Hügelketten, am Ufer grasen Wasserbüffel. Ein Fischer wirft sein Netz aus. „Slow boats“ heißen die gemütlichen Gefährte, die Reisende auch privat anmieten können. Der Name ist wie eine Metapher für das laotische Lebensgefühl: In Südostasiens einzigem Binnenstaat gilt Entspanntheit als Lebensmaxime.

„Weise hasten nicht und Hastende sind selten weise“, zitiert Reiseleiter Kham Dee ein altes laotisches Sprichwort und schmunzelt. Auch der Bootsmann ist weise und steuert das Boot langsam in Richtung der Pak-Ou-Höhlen, einem berühmten Höhlentempel mit fast 6.000 Buddhastatuen.

Diese Reise beginnt in der Hauptstadt Vientiane. Kurz nach Sonnenaufgang tragen Mönche in safranfarbenen Roben in der Tempelanlage Wat Si Saket Prozessionsschirme über den Hauptplatz. Der Tempel versprüht Schönheit aus jeder Pore. Ein Gongschlag, dann erklingen tiefe buddhistische Gesänge. Die wenigen ausländischen Besucher an diesem Morgen bleiben gebannt stehen.

Das Hauptziel der Touristen nämlich ist die alte Königsstadt Luang Prabang. Aber auch Vientiane mit seinen Tempeln, Märkten und französischen Kolonialbauten hat einiges zu bieten. Hier befindet sich das Wahrzeichen des Landes: der Pha That Luang, ein goldener, terrassenförmiger Bau aus dem 16. Jahrhundert.

Überhaupt scheint Laos wie aus der Zeit gefallen. Aber das „Land der eine Million Elefanten“ (so hatte Lan Xang, der damalige König, das Land im 14. Jahrhundert getauft, als es noch Dickhäuter gab, so weit das Auge reicht, während es heute nur noch maximal 1.000 Exemplare zählt) verändert sich – und das in einem Tempo, das so gar nicht zu ihm passen will. Denn Laos ist zunehmend in den Fängen von China, das das arme Nachbarland mit Milliardeninvestitionen an sich bindet und damit immer mehr Einfluss gewinnt.So wurden etwa am Goldenen Dreieck an der Grenze zu Thailand und Myanmar – früher berüchtigt als Umschlagplatz für Opium – eine ganze Reihe unansehnlicher Kasino-Klötze für chinesische Geschäftsleute aus dem Boden gestampft. Seit 2021 ist zudem die Laos–China Railway in Betrieb, die größtenteils von der Volksrepublik finanziert wurde. Die Linie verbindet Kunming in China mit Vientiane. Weniger als zwei Stunden dauert die Reise mit dem modernen Zug in die frühere Hauptstadt Luang Prabang. Im Backpacker-Szeneort Vang Vieng hält er kurz, dann braust er mit 150 km/h an Reisfeldern und Dörfern vorbei.

Noch bevor die Sonne aufgegangen ist, leuchtet Luang Prabang in sattem Orange: Hunderte Mönche ziehen durch die Stadt, um Gaben der Gläubigen entgegenzunehmen. Der berühmte Almosengang „Sai Bat“ ist seit dem 14. Jahrhundert Tradition. Wortlos füllen Menschen am Straßenrand Klebreis und Früchte in die seidenen Tragetaschen der Mönche. Im Theravada-Buddhismus ist es Tradition, dass Jungen einmal im Leben für ein paar Wochen als Mönche in einem Tempel leben, um zu lernen.

Seit 1995 gehört die Altstadt wegen ihrer gut erhaltenen Architektur voller französischer Kolonialbauten und bedeutender Tempel zum Welterbe der Unesco. Man mag hier verweilen und die Szenerie aufsaugen. Hauptsache, man genießt Laos Langsamkeit, solange es sie noch gibt. C. Frentzen/dpa

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