Mit dem Zug durch Ägypten

von Redaktion

Mehr Zeitreise als Pünktlichkeit – mit einem Zwischenstopp bei den Pharaonen

Es heißt ja: Gegensätze ziehen sich an. Meine Liebe zu Ägypten ist der beste Beweis dafür. Eigentlich bin ich introvertiert und plane im Voraus. Aber sobald ich im trubeligen Kairo lande, funktionieren meine Verhaltensmuster nicht mehr. Ägypten ist kein Ort, der sich anbiedert. Das Land fordert heraus und geht unter die Haut. Es gibt hier zwei Möglichkeiten: entweder untergehen – oder mit dem Strom schwimmen.

Auf dieser Reise will ich den Nachtzug von Kairo nach Assuan nehmen. Assuan ist die letzte größere touristisch geprägte Stadt vor dem Sudan und der südlichste Punkt, den man mit der ägyptischen Eisenbahn erreicht. Der Versuch, im Voraus online ein Ticket zu buchen, bleibt erfolglos. Mein erstes Abenteuer ist, zum Bahnhof zu fahren, um herauszufinden, ob noch Tickets verfügbar sind. Am Bahnhof Ramses verlaufe ich mich auf der Suche nach dem Fahrkartenschalter, dafür entdecke ich das Ägyptische Eisenbahnmuseum.

Ägypten war das erste Land in Afrika und im Nahen Osten, das über ein Eisenbahnnetz verfügte. Es wurde 1851 von den osmanischen Oberherren in Auftrag gegeben, die den britischen Ingenieur Robert Stephenson mit der Umsetzung beauftragten. Die ersten Routen führten nicht südwärts entlang des Nils zu den heutigen Besuchermagneten, sondern zu den wichtigen Wasserstraßen jener Zeit, die für die Bedürfnisse der britischen Schifffahrt von Bedeutung waren: nach Norden zum Mittelmeer und nach Osten zum damals kurz vor der Fertigstellung stehenden Suezkanal.

Als ich endlich den Fahrkartenschalter finde, sind für den nächsten Abend noch Schlafwagenplätze verfügbar, so kehre ich 24 Stunden später mit meinem Rucksack zurück. Der 1892 erbaute Bahnhof Ramses besitzt ein schlichtes Äußeres im islamischen Stil mit blauen Kacheln und Spitzbögen. Im Inneren jedoch geht es zu wie in einem Las-Vegas-Casino. An der Decke fächern sich beleuchtete Palmen aus Metall von einem gläsernen, eiszapfenartigen Stachel auf, wie eine Pyramide, die zu lange mit der Spitze nach unten gehalten wurde. Die markanten Verzierungen sehen zwar aus wie Art-déco-Elemente, wurden aber erst 2014 angebracht, sehr zum Leidwesen des Denkmalschutzes in Kairo.

An Bord trete ich eine Zeitreise in die Vergangenheit an: Ich gehe den schmalen Gang entlang, der mit einem braun-weiß gepunkteten Teppich ausgelegt ist, den jedes Hotel in den 1980er-Jahren hatte. Tatsächlich wurden diese Waggons zu DDR-Zeiten gebaut. Mein winziges Abteil, mit zwei beigefarbenen Sitzen und einer heruntergelassenen oberen Liege ausgestattet, ist schlicht, aber sauber. Der Zug ruckelt vorwärts, aber wir halten schon bald am Bahnhof von Gizeh, etwa 10 km von der Großen Pyramide entfernt. Es steigen weitere internationale Reisende zu – viele Ägypter können sich diese Fahrt nicht leisten, da der Preis für den ausländischen Markt ausgelegt ist und deutlich über dem der normalen Züge liegt, die dieselbe Strecke zurücklegen.

Als wir weiterfahren, bringt Mohammed, der Schlafwagenbegleiter, mein Abendessen: ein Tablett mit Schüsseln mit Fleisch und Reis. Ich esse und schaue aus dem Fenster. Je näher wir dem Stadtrand von Kairo kommen, desto niedriger werden die Gebäude und desto dunkler wird es. Nach einer Stunde ist es stockfinster, und ich sehe nichts außer meinem eigenen Gesicht, das sich im Fenster spiegelt. Ich klettere auf meinen Schlafplatz.

Die Sonne blitzt schon durch das Fenster, als ich um 7 Uhr morgens aufwache. Ich stehe im Gang vor meinem Abteil, wo die Fenster größer sind und einen besseren Blick auf die Landschaft bieten. Der wilde Nil schlängelt sich durch üppiges, fruchtbares Land. Die Bahngleise liegen nicht weit vom Fluss entfernt und verlaufen parallel zu einem künstlich angelegten landwirtschaftlichen Kanal, der Wasser auf die Felder ableitet. Der Zug fährt an Feldern vorbei, auf denen gearbeitet wird, Wasserbüffel träge die Fliegen verscheuchen und Vogelscheuchen in Diellabas (traditionelle lange Gewänder für Männer) Wache stehen. Ich habe das Gefühl, eine Szene zu beobachten, die sich seit Tausenden von Jahren unzählige Male so abgespielt hat.

Die meisten meiner ausländischen Mitreisenden steigen in Luxor aus, voller Vorfreude auf Sightseeing-Tage im Tal der Könige und
darauf, sich im jahrtausendealten Tempelkomplex von Karnak zu verlieren, an dem wir gerade im Zug vorbeigefahren sind. Ich bleibe an Bord und erreiche Assuan gegen Mittag. Wir haben einiges an Verspätung aufgebaut, während die Stunden und Wüstenlandschaften an uns vorbeizogen. Aber was nützt ein Fahrplan, wenn man durch Jahrhunderte reist? LK/„Legendäre Zugreisen“/JA.

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