Ottawas Rideau Canal ist ein eisiger Laufsteg für Schlittschuhläufer und Spaziergänger. Drumherum lockt Kanadas Nationalsüßigkeit und ein „Tagespflegeheim für Ehemänner“…
Seit Wochen herrschen in Ottawa tagsüber und nachts Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Der Rideau-Canal ist zugefroren. Bestes Wetter für eine Kanu-Regatta! Fanden jedenfalls die Teilnehmer des „Ice-Dragon-Boat-Festivals“, das vergangenes Wochenende stattfand. Und schraubten Kufen unter ihre Drachenboote, stechpaddelten los. Wie das geht? An ihren Holzstielen hatten sie runde, metallene Platten mit Spikes montiert. Das „Ice-Dragon-Boat-Race“ ist eine der Attraktionen auf Ottawas „Winterlude Festival“, das jedes Jahr auf dem Rideau Canal steigt.
Doch auch den Rest des Winters erlebt der, der in Kanadas Hauptstadt kommt, eine Winterwunderwelt, aus deren Mitte sich das wie ein Loire-Schloss anmutende Luxushotel „Fairmont Chateau Laurier“ auf der einen und Ottawas an das britische Westminster erinnernde Parlamentsgebäude auf der anderen Seite erhebt. Dazwischen verläuft die im Guinness-Buch der Rekorde eingetragene längste Natureisbahn der Welt – der Rideau Canal – 7,8 km lang zwischen Ottawa und dem Dows Lake. Für glatt poliertes Eis und gute Schlittschuh-Bedingungen sorgt die National Capital Commission; sie gibt den Kanal jeden Winter für etwa 45 Tage frei, meist ab Mitte Januar, wenn das Eis 30 cm dick ist.
Auf dem Weg ins Büro
Es ist ein einmaliges Erlebnis, inmitten von 20.000 Menschen pro Tag die Kufen unter sich gleiten zu lassen und sich zwischendurch mit einem Beaver Tail, Kanadas gebackener Hefeteig-Nationalsüßigkeit, und heißer Trink-Schokolade an einem der Stände am Ufer zu stärken. Und nicht wundern, werktags sind auf dem Eis auch Männer im Business-Outfit unterwegs – sie skaten zu ihren Büros. Shopping-Queens bringen – in entgegengesetzter Richtung – ihre Einkäufe auf Schlitten nach Hause. Die Eisbahn des Rideau ist für viele Menschen in Ottawa neben allem Spaß ein ganz normaler Verkehrsweg.
Zu verdanken haben die Kanadier diese Wasserstraße genau genommen den USA. Denn vom mächtigen Nachbarn waren um 1812 – nach dem britisch-amerikanischen Krieg auf dem nordamerikanischen Kontinent – weiterhin Angriffe zu befürchten, vor allem auf britische Versorgungsschiffe, die den Sankt-Lorenz-Strom befuhren. Daher ließen die Briten eine sichere Versorgungsroute bauen: den Rideau Canal. Irische und franko-kanadische Arbeiter buddelten die 202 Kilometer lange Wasserstraße in fünf Jahren durch Ontarios Wälder – weitgehend ohne maschinelle Unterstützung, dafür aber mit unmenschlichen Strapazen: Etwa 1.000 Männer starben an Malaria, kurz vor der Eröffnung 1832 brach eine Cholera-Epidemie aus. Tragisch, diese Baugeschichte, denn seinen Zweck als sichere Wasserstraße musste der Kanal nie erfüllen, weil Briten und später die Kanadier sich mit den USA vertrugen.
Eiskünstler und Eintopf
Dem Erbauer des Kanals, Colonel John By, haben sie in Ottawa ein Denkmal gesetzt – den ByWard Market: Ein wuseliges, 200 Jahre altes Viertel mit roten Backsteinfassaden und gusseisernen Markthallen. Ideal, um sich etwas aufzuwärmen beim Schlendern zwischen Obsthändler-Reihen mit Ontarios leuchtenden Äpfeln. Etwa 260 Stände gibt es auf dem ByWard Market, auch mit Werkzeugen, Kindermode oder Käse aus aller Welt.
Wer sich auf dem ByWard Market unters Volk mischt, merkt schnell: Die Briten sind zwar 1867 aus Kanada abgezogen, ihren Humor aber haben sie den Kanadiern im Erbgut hinterlassen. Gegenüber dem Markt preist sich ein Pub mit knallrotem Plakat als „Tagespflegeheim für Ehegatten“ an, verspricht Frauen: „Wenn Sie in Ruhe shoppen wollen – geben Sie Ihren Mann hier ab. Sie zahlen nur das Essen und seine Drinks!“
Zurück zum Kanal: Eisskulpturen-Schnitzer lassen sich bewundern, DJs legen coole Beats auf und prasselnde Holzfeuer in Metallkörben spenden Wärme. Ebenso wie ein Teller Stew, der irische Eintopf ist feurig. In Ottawa erlebt man Winterspaß á la Kanada in seiner besten Form. Stephan Brünjes