Es ist, als hätte jemand hinter der sattgrünen Idylle mit blauem Himmel noch mal ein extra Licht angeknipst, damit die Farben intensiver leuchten: Wir sitzen in unserem Hotel-Shuttle und staunen Bauklötze. Vor einer Stunde sind wir auf São Miguel gelandet, der mit einer Fläche von knapp 745 Quadratkilometern größten Insel der Azoren. Jetzt fahren wir zwischen grünen Hügeln hindurch, bewundern drei Meter hohe, blühende Hortensienbüsche am Straßenrand und lassen uns bei offenem Fenster die 24 Grad warme Luft um die Nasen wehen.
„Ihr habt einen guten Reisezeitpunkt ausgewählt“, sagt unsere Fahrerin Catarina. „Im Winter hat es um die zwölf Grad und Dauerregen“, schmunzelt sie. Auf dem Weg zum Hotel gibt sie uns einen Schnellkurs über die Insel: Groß vertreten ist die Milchwirtschaft – man sieht praktisch überall Kühe auf Weiden stehen. Dementsprechend riesig ist die Auswahl an lokalen Käsespezialitäten. In der Hauptstadt Ponta Delgada leben etwa 68.000 der insgesamt 138.000 Inselbewohner. „Wenn Ihr ein schönes Mitbringsel sucht, empfehle ich Keramik“, sagt Catarina. „Da gibt es in kleinen, auf der Insel verstreuten Läden und Werkstätten alles vom Kaffeebecher bis zur handbemalten Fliese.“
Teestunde und
Dschungelbad
Uns interessieren vor allem die Wandermöglichkeiten auf der Vulkaninsel, von denen es reichlich gibt. Deshalb holen wir am zweiten Tag unseren Mietwagen ab. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es zwar auf São Miguel, doch man kommt mit ihnen nicht überall hin. Uns zieht es zur Chá Gorreana, der einzigen noch bestehenden Teeplantage Europas. Hier kann man köstlichen schwarzen oder grünen Tee im firmeneigenen Café kaufen und probieren – mit einem traumhaften Blick über die hügelige Landschaft in Richtung Küste. Was viele nicht wissen: Es gibt einen etwa einstündigen Wanderweg, der durch die Plantage und den daran anschließenden Wald führt. Riesige Palmfarne säumen den Weg.
Eine eigentlich kurze Tour, die es jedoch aufgrund des steilen Auf- und Abstiegs in sich hat, steht uns am nächsten Tag bevor: Ein Besuch des Lagoa do Fogo. Der traumhaft in der Inselmitte gelegene Kratersee entstand 1563 nach einem Vulkanausbruch und begeistert uns mit seiner Vielfalt: Felsige Abschnitte am See erinnern uns an Kanada, doch auch helle Sandstrände und grün bewachsene Hügel wie auf Hawaii gibt es hier.
Nach der Kletterei gönnen wir uns ein paar Kilometer weiter Wellness pur – gesponsert von Mutter Natur: In den heißen Quellen der Caldera Velha baden wir in bis zu 40 Grad heißem Thermalwasser, das neben Eisen auch Schwefel enthält. Die Eintrittskarten mit festgelegtem Bade-Zeitfenster haben wir am Tag zuvor online erworben – am selben Tag des Besuchs hat man kaum eine Chance, in den Park zu kommen. Wir liegen inmitten einer dunkelgrünen Dschungellandschaft träge im Wasser und genießen die angenehme Wärme.
Wer heiße Quellen mag, dürfte sich auch im Terra Nostra Park wohlfühlen: Hier kann man in einem riesigen Thermalwasserbecken planschen – und im Anschluss eine Runde durch den verwunschenen Park mit Farnen, Seerosen und aus Büschen in Form geschnittenen Zootieren drehen.
Eintopf, gekocht in
heißer Erde
Allen, die längere Wanderungen bevorzugen, sei die Tour um die Caldeira das Sete Cidades ans Herz gelegt: Hierbei umrundet man auf einer Strecke von etwa 20 Kilometern Länge den größten Krater der Azoren, atemberaubendes Panorama inklusive. Es gibt auch einen wesentlich kürzeren Weg zu einem Aussichtspunkt, auf dem allerdings viel los ist.
Uns verschlägt es zum Lagoa das Furnas: Am Nordufer des Gewässers gibt es noch mehr Thermalquellen, die jedoch zu heiß sind, um darin zu baden. Stattdessen nutzen Restaurants in der Nähe das kochende Wasser, um in heißen Erdlöchern traditionelle Gerichte wie den Eintopf Cozido das Caldeiras mit Fleisch, Würstchen, Kohl, Kartoffeln und Gemüse zuzubereiten. Die Töpfe verstecken sich unter kleinen Erdhügeln, in denen praktischerweise Schilder mit den Namen und Telefonnummern der Restaurants stecken. Wer Hunger hat, ruft dort an, um sich einen Tisch und eine Portion Eintopf zu sichern.
Weil wir schon in Feinschmeckerlaune sind, statten wir am nächsten Tag der Fábrica A Mulher de Capote bei Ribeira Grande einen Besuch ab: Hier verkosten wir unter anderem den fruchtigen Passionsfruchtlikör, für den dieser Produzent bekannt ist.
Auch Wein wird auf São Miguel hergestellt, zum Beispiel auf dem Gut Quinta da Jardinette bei Ponta Delgada: Bei einer Führung über das fünf Hektar große Grundstück, auf der uns der Haushund begleitet und um Streicheleinheiten bettelt, erfahren wir von der Orangenpest, von der die Insel im 19. Jahrhundert heimgesucht wurde: Die florierenden Exporte mit den Zitrusfrüchten brachen dramatisch ein. Der Weinanbau erwies sich als interessante Alternative. Auf Quinta da Jardinette produziert die Inhaberfamilie unter anderem Chardonnay, Merlot und Pinot Noir.
So viel Genuss, so viel überbordende Natur: Diese Insel haben wir sicher nicht zum letzten Mal besucht. Marion Brandstetter