Ein paar Tage Entschleunigung im Allgäu

von Redaktion

Scheidegg gilt als die Sonnenterrasse am Bodensee und das kleine Scheffau daneben ist ein wunderschönes Schindelhäuserdorf

Von Waldbaden hab ich schon einiges gehört, aber – zugegeben – eher belächelt. Doch heute Morgen muss ich ihn einfach mal umarmen. Unseren dicken, leicht feuchten Nadelbaum, der direkt in den Eingang unseres Baumhauses ragt. Das wird zwar von ganz modernen Eisenstangen getragen, doch die Nähe zum Wald ist einzigartig. Gefühlt habe ich noch nie so frische Luft eingeatmet. Außerdem flüstert unser Baum uns abends leise Gute-Nacht-Geschichten in unserer Schlafkoje, und morgens zwitschern gut gelaunte Vögelchen ein Guten-Morgen-Lied.

„Wie cool! Du machst Urlaub in einem Baumhaus?“, hat mich eine Freundin vor dieser Reise nach Scheidegg beneidet. „Das wird dir eine ganz neue Perspektive geben, von oben sieht die Welt gleich viel besser aus.“ Recht hatte sie. Wir sitzen auf unserem riesigen Balkon und blicken auf Baumhöhe über eine weite Wiese hinüber zum Waldrand. Fuchs und Hase sagen sich hier Gute Nacht, grinste die Dame am Empfang. Persönlich waren sie leider zu scheu, vielleicht hat sie auch unser kleiner Hund, der uns auf dieser Reise begleiten durfte, abgeschreckt. Doch ihre Spuren haben wir am Morgen im Matsch gesehen.

Und auch die von Eselin Sisi. Die gehört Xaver Briegel. Und sie wird uns auf unserer Kutschfahrt zu den Scheidegger Käsewochen begleiten. Die freche Eseldame fetzt begeistert aus dem Stall, als Bauer Xaver an seinem Lindenhof vorbeikutschiert. Er wollte uns zeigen, dass es auch Urlaub auf dem Bauernhof in Scheidegg gibt. Die beiden Haflinger Holl und Ria stutzen, doch dann traben sie entspannt der wild hin und her hüpfenden Sisi hinterher. „Die kann ihrer Freude gar nicht genug Ausdruck verleihen, dass sie uns begleiten darf“, lacht Xaver. Ob das nicht gefährlich ist, wenn ein Esel frei auf der Straße herumläuft, fragen wir etwas beunruhigt. „I wo, die Sisi kennt die Verkehrsregeln hier in- und auswendig. Und die Autofahrer kennen sie.“ Wie zur Bestätigung stupst uns die Sisi mit ihrer warmen, weichen Schnauze von der Seite an, um dann wieder Vollgas zu geben und an uns vorbeizupreschen.

Sisi scheint aber die Einzige zu sein, die es eilig in diesem wundervollen Ort im Allgäu hat. Superschön beschaulich geht es auf der Sonnenterrasse überm Bodensee zu. Vor allem das kleine Dörfchen Scheffau, ein Ortsteil von Scheidegg, in dem sich unsere Baumhaus-Lodge befindet, ist superurig. Hier wurden historische Höfe und die bunten Schindelfassaden der regionalen Baukultur erhalten und gepflegt. Im Dorfladen im denkmalgeschützten „Fernsemmerhus“ dürfen wir ungestört herumstöbern, bekommen dann auch noch von der Besitzerin Tipps zu den besten Allgäuer Käsespätzle, die besten Eier von Huber’s Mobile Henna herausgepickt und die Käse-Spezialitäten der regionalen Bio-Käserei erklärt. Direkt gegenüber im Postwirt bekommt man auch ganz viel Zeit, um all das frisch zubereitete Bio-Essen vom Christian zu genießen.

Ach ja, und dann haben wir noch ein paar dickstämmige Baumfreunde im Skywalk Allgäu besucht. Dort spaziert man noch mal eine Runde höher durch die Wipfel, erfährt alles über die stolzen Greifvögel, die gefühlt nur ein paar Armlängen entfernt ihre Runden im Himmel drehen, und klettert behende wie die zuckersüßen Eichhörnchen durch Hängebrücken und einen Kletterparcours wieder abwärts, um beim Tier-Weitsprung zu testen, ob man eher fuchs-, hasen- oder rehbockweit springen kann. Eintauchen in die traumhafte Waldwelt geht in Scheidegg so einfach. Ein selbst gewebtes Vogelnest haben wir übrigens als Souvenir von diesem traumhaften Schnupperwochenende eingepackt. Naturpädagogin Christine hat es mit uns in der Waldwelt Allgäu gebastelt und gezeigt, wie geschickt und tüchtig die Vögelchen doch jetzt im Frühling ihre Nestchen formen. Es liegt mit ein paar bunt bemalten Eiern bestückt auf unserem Frühstückstisch. Ein bisschen riecht es noch nach dem wundervollen dichten Wald im Allgäu, nach unserem großen, starken Baum am Eingang, dessen moosige Äste so wundervoll flauschig waren und der uns erstaunlich viel neue Kraft und eine Riesenportion frische Luft abgegeben hat. Julitta Ammerschläger

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