Thor Pedersen hat Geschichte geschrieben. Er hat als erster Mensch alle Länder der Welt bereist. Und das komplett ohne Flugzeug. „Möglich war das nur dank der Unterstützung vieler hilfsbereiter Einheimischer“, gesteht der Däne rückblickend. Stolze 3576 Tage war er unterwegs. Uns hat der Papa einer kleinen Tochter von seinem Abenteuer erzählt.
Welche Geschichten von der Reise erzählen Sie Ihrer Tochter am allerliebsten?
Im Moment hört sie meist mit großen Augen zu – und versucht danach, das Buch zu essen. Sie ist erst ein Jahr alt. Aber ich erzähle ihr am liebsten von Freundlichkeit. Nicht von Gefahr. Nicht von Politik. Nicht von Grenzen. Ich erzähle ihr von der Familie in Panama, die darauf bestand, dass ich in ihrem Bett schlafe, während sie selbst auf dem Boden lag. Von Fischern in Tuvalu, die ihr Abendessen ohne Zögern mit mir teilten. Von Jugendlichen in Simbabwe, die mit mir Fußball spielten, bis es so dunkel war, dass wir gar nichts mehr sehen konnten. Wenn es ein Leitmotiv gibt, mit dem ich möchte, dass sie aufwächst, dann dieses: Die Welt ist überwältigend freundlich.
Dann will die Kleine bestimmt bald mit Papa hinaus in die weite Welt?
Sie lacht jedes Mal, wenn ich ihr Fotos von Pinguinen aus der Antarktis zeige – ich glaube, das ist im Moment ihr Lieblingsort. Gerne würde ich sie eines Tages auch nach Japan mitnehmen. Es ist sicher, kulturell reich, wunderbar geordnet – und zugleich voll leiser Überraschungen. Und ich würde sie gern in Inselstaaten wie Samoa führen, wo Gemeinschaft noch alles bedeutet.
Gibt es Länder, die Sie mit Kind meiden würden?
Es gibt kein Land, zu dem ich „niemals“ sagen würde. Aber es gibt Regionen, in denen gerade Krieg herrscht oder extreme Instabilität – dort würde ich warten, bis sich die Umstände verändern. Das Vatersein hat mich risikobewusster gemacht – nicht weniger mutig, nur verantwortungsvoller.
Warum sind Sie zu dieser Weltreise aufgebrochen?
Es war eine Mischung aus Neugier und Ehrgeiz. Ich wollte der Erste in der Geschichte sein, der eine solche Reise vollendet, und ich wollte sehen, was die Welt für mich bereithält. Bevor ich Dänemark verließ, hatte ich ein gutes Leben: einen sicheren Job, eine liebevolle Beziehung, Sicherheit. Aber ich fragte mich immer wieder: Wie sieht die Welt aus, wenn man sich langsam durch sie hindurchbewegt? Es war kein Weglaufen. Es war ein Hinlaufen – auf etwas Unbekanntes zu.
Warum ohne Flugzeug?
An dem Tag, an dem ich nach Hause zurückkehrte, wurde Geschichte geschrieben: Ich wurde der erste und einzige Mensch, der jedes Land der Welt vollständig erreicht hat – ohne ein einziges Mal zu fliegen. Diese Entscheidung hatte nie mit Angst zu tun. Und sie hatte auch nichts damit zu tun, dass Fliegen zu teuer gewesen wäre. Tatsächlich hat das Vermeiden von Flügen die Reise nicht dramatisch günstiger gemacht. Es hat sie aber auf jeden Fall anspruchsvoller gemacht. Die Regel, nicht zu fliegen, gab der Reise Struktur, erzwang Kontinuität. Sie machte aus der Welt eine einzige, ununterbrochene Landschaft – statt einer Reihe isolierter Ziele. Wenn man Ozeane auf einem Frachtschiff überquert, spürt man das Ausmaß des Planeten. Wenn man Grenzen zu Land passiert, versteht man Geografie bis in die Knochen. Entfernungen sind nicht länger abstrakt – man verdient sie sich. Nicht zu fliegen hat die Reise in was Tieferes verwandelt.
Wie haben Sie sich die Weltreise finanziert?
Durch eine Mischung aus Ersparnissen, Sponsoring und Arbeit unterwegs. Am Anfang lebte ich sehr bescheiden. Ich zählte jeden Euro. Später halfen Kooperationen und Vorträge, das Projekt zu tragen. Ich schrieb Artikel, hielt Talks. Irgendwann trug sich die Reise durch das Erzählen der Geschichte selbst. Aber ich war nie im Luxus unterwegs, nur mit ganz viel Geduld.
Sie schwärmen von den Menschen, denen Sie begegnet sind.
Einige Freundschaften sind fürs Leben entstanden. Ich habe noch immer Kontakt zu Menschen, die ich in den USA, im Sudan und im Iran kennengelernt habe. Am meisten berührt haben mich die ganz gewöhnlichen Gesten: Eine Fremde, die mitten in der Nacht ihre Tür öffnete, um mir zu helfen. Familien, die mich behandelten wie ihren eigenen Sohn. Die wichtigste Lektion über Freundschaft, die ich aus dem Erreichen aller Länder mitnehme, lautet: Ein Fremder ist ein Freund, den du nur noch nicht kennst.
Welche Orte haben eine ganz besondere Bedeutung für Sie?
Tuvalu – weil es sich fast so anfühlte, als sei es von der Welt vergessen, und seine Menschen doch einen einzigartigen Gemeinschaftssinn leben. Der Sudan hat mich mit seiner Geschichte, Tiefe und Wiederstandskraft extrem beeindruckt. Hongkong wird mir immer in Erinnerung bleiben, weil die Pandemie dort mein Projekt fast zum scheitern brachte. Und die Salomonen haben einen ganz festen Platz in meinem Herzen wegen ihrer großen Gemeinschaft und der einzigartigen Ruhe.
Welche Länder sind perfekt für neue Abenteuer?
Die Mongolei mit ihrem endlosen Horizont. Patagonien dank dieser rohen, gewaltigen Weite. Grönland, das mich mit unendlicher Stille und Eis fasziniert hat. Und Papua-Neuguinea, das mehr kulturelle Vielfalt bietet als sonst ein Land.
Wo sind Sie ganz tief in die Kultur eingetaucht?
In St. Vincent und den Grenadinen setzte ich mich in einem Café zum Frühstück – und am Ende sprach ich den ganzen Tag mit einem Mann. Das hat mich mehr über das Land gelehrt, als ich in mehreren Wochen sonst verstanden hätte. Und in Zentralafrika lernte ich sehr schnell, weil es der beste Weg war, mit der schwierigen Umgebung zurechtzukommen.
Wo hat Sie die Natur zum Staunen gebracht?
Der Pazifik – seine Dimension ist überwältigend. Venezuela beeindruckt mit üppiger und wunderschöner Natur. Bhutan mit dem Himalaja fühlt sich unfassbar spirituell an. Und Island ist einzigartig, da seine Natur in permanenter Bewegung ist.
Stichwort Bewegung: Wie hat die Reise Sie verändert?
Sie hat mir Gewissheit genommen. Was ich als Geschenk empfinde. Ich bin heute geduldiger, diplomatischer, vertrauensvoller und widerstandsfähiger. Und mir ist bewusster, wie klein mein Blick auf die Welt mal war. Ich spüre eine noch tiefere Verantwortung, über Einheit zu sprechen statt über Trennung. Interview:
Julitta Ammerschläger