Langhaarige spielen hier nicht!

von Redaktion

Paul, George und Ringo verbringen im April 1963 eine Woche auf Teneriffa. Bis heute gibt es auf der Insel Spuren aus den letzten No-Name-Tagen der späteren Weltsensation, genannt Beatles.

„Beatles? Nie gehört, kenne ich nicht.“ Wen sie auch fragen auf Teneriffa, immer nur diese Antwort. „Das nervte“, bekennt Paul McCartney später in der „Beatles Anthology“. Denn die Beatles halten sich im Frühling 1963 bereits für Stars, haben mit „Please Please Me“ ihre erste Nummer 1 in England, sind nach Wochen täglicher Konzerte und einer 13-Stunden-Aufnahme-Session ihrer ersten LP ausgebrannt und urlaubsreif. John Lennon fliegt mit Manager Brian Epstein nach Málaga, die anderen drei zieht‘s nach Teneriffa – eingeladen von Klaus Voormann, einem Freund aus Hamburger Tagen, der 1966 das legendäre Cover der LP „Revolver“ zeichnen wird.

Feiern im Rohbau

Ende April 1963 soll Klaus im familieneigenen Teneriffa-Chalet den Handwerkern beim Aus- und Umbau auf die Finger schauen. Kurz nach ihrer Ankunft feiern die drei Beatles am 29. April Klaus‘ 25. Geburtstag – im Rohbau ohne Strom. Eine Butan-Gasflasche sorgt für Licht und warmes Wasser. Magd Eusebia balanciert frische Milch in Kannen auf dem Kopf heran, und Klaus‘ Freundin Astrid Kirchherr, Pilzkopf-Schöpferin und Fotografin, ist auch da, schreibt Nicolás González Lemus in seinem Buch „Beatles auf Teneriffa“. „Wir fühlten uns wie Bohemians“, erinnert sich Ringo an eine unbeschwerte Woche. „Es war ihre letzte als No Names“, sagt Voormann heute rückblickend. Wände verputzen ist nichts für sensible Musiker-Hände, also raus aus dem Chalet, runter vom entlegenen Bananen-Plantagen-Hügel La Montaneta kreuz und quer über die felsige, im Norden oft diesige, im Süden fast immer sonnige Insel. Meist zog es die Beatles nach Puerto de la Cruz, wo damals Badepools an der Uferpromenade eröffnen und Hotels mit Duschen in den Zimmern als Attraktion. Das Las Vegas etwa, bis heute am selben Ort und damals im Hintergrund der wenigen Fotos, die Astrid Kirchherr von den Beatles macht. Sie zieren heute die Lobby des Hardrock Hotels an der Südküste Teneriffas und sind wohl allesamt Schnappschüsse, denn Paul, George und Ringo posieren nicht, sondern schauen eher ertappt. Und tragen Hemden. Möglicherweise, weil Bikinis für Frauen und „oben ohne“ für Männer in der damals noch strengen spanischen Franco-Diktatur verboten sind und Hotels daher eigens Hemden für Strandgänge ausgeben.

Im Slalom zwischen Fake-Handtaschen-Händlern und Losverkäufern geht‘s heute vom Las Vegas aus die von Souvenir- und Imbiss-Buden gesäumte Promenade entlang zum Martianez-Strand. 1963 endet hier die Beatles-Weltkarriere beinahe, bevor sie richtig beginnt: Paul geht baden, wird von einer Unterströmung raus ins Meer gezogen, kann sich mit letzter Kraft vorm Ertrinken an Land retten. Dorthin, wo Krimi-Autorin Agatha Christie genau an diesem Strand bei ihrem Kurz-Urlaub 1927 lieber gleich blieb: „Es war unmöglich, ins Meer zu steigen, viele Menschen waren schon ertrunken. Man lag bäuchlings auf einem vulkanischen Strand, krallte die Finger ins Gestein und ließ die Wellen über sich wegspülen.“

Die Beatles plantschen nach Pauls Nahtod-Erfahrung nur noch im strömungsfreien Pool des Tanzlokals Lido San Telmo in Puerto de la Cruz. Und platzen in Strandlatschen und Bademänteln ins Büro von Chef David Gilbert, wollen einen Auftritt und dafür die Instrumente der Lido-Hausband nutzen – ohne Gage: „Wir sind doch die Beatles!“ Gilberts Antwort: „Langhaarige spielen hier nicht, verschwindet!“ Bereut hat es der Brite Jahre später. Nichts erinnert im Lido daran, dafür bietet das heutige Promenaden-Café einen Panorama-Blick auf die 1970 von César Manrique angelegte, riesige Pool-Landschaft davor.

Eine Spritztour

Voormann, Sohn einer vermögenden Berliner Familie, hat 1963 ein Austin-Healey-Zweisitzer-Cabrio, das George fasziniert. Er darf es über die Insel steuern: „Baby, you can drive my car.“ Etwa ins – auch heute noch – bausündenfreie Orotava mit Kirchenkuppel, schattigem botanischem Garten und der Casa de los Balcones, einem für Teneriffa typischen Palazzo mit umlaufenden Holzbalkonen. Auch in Garachico waren die Beatles, dem wohl schönsten Ort Teneriffas mit schattiger Plaza de la Libertad. Klar, dass Paul, George und Ringo damals auch auf den höchsten Berg Spaniens fuhren, den Pico Teide (3.715 Meter). Wie auf dem Mond sähe es da aus, erinnert sich George später. Die Fahrt nach oben führt durch alle Vegetationszonen der Insel: zuerst unten noch Palmen, dann Mischwald, Tannenschonungen, schließlich nur kahle Kuppen und Felsen. Hier oben macht Astrid die einzigen Fotos von George und Paul im Austin Healey.

Mit Glück kann man diesen knallroten Wagen heute noch auf Teneriffa sehen, wenn Besitzer Joaquín Sieper ihn aus seiner Garage holt. „Ich habe ihn völlig verrostet in einer Garage entdeckt, dann gekauft, sandstrahlen, wieder restaurieren und lackieren lassen“, erzählt Sieper. Erst später, als er das Foto sieht, erkennt Sieper, dass es das Beatles-Cabrio ist. Und zwar am Kennzeichen – immer noch dasselbe wie 1963. Am 9. Mai fliegen die Beatles zurück nach London, spielen ihre nächsten Konzerte – nun nicht mehr vor 200, sondern vor 2.000 Fans, kreischend, in Ekstase. Nun können die Beatles nicht mehr ungestört auf einer Strandpromenade sitzen – auch nicht auf Teneriffa. Stephan Brünjes.

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