Meinen ersten Berührungspunkt mit dem Tango, dessen Ursprüngen ich an den Ufern des Río de la Plata auf der Spur bin, habe ich in Montevideos Altstadt. Von meinem Balkon aus höre ich lautes, rhythmisches Trommeln, das eine kleine Gruppe durch die Straßen rund um die Plaza Zabala schickt. Die Tänzer und Musikanten mit ihren bauchigen Trommeln ziehen im Zweivierteltakt tanzend durch die Hauptstadt Uruguays, als läge sie irgendwo in Afrika. Sie tanzen den Candombe.
Dieser offene Tanz, den Sklaven und ihre Nachkommen ab dem 18. Jahrhundert als Ausdruck des Widerstands und zur kulturellen Selbstbehauptung in Uruguay und Argentinien praktizierten, ist anders als der Tango, dieser sinnliche Schreittanz, den das Paar innig umarmt miteinander erlebt. Selbstvergessen und in scheinbarer Missachtung des Publikums. Beide, den Candombe sowie den Tango, hat die Unesco 2009 zum immateriellen Weltkulturerbe erklärt.
Der afro-lateinamerikanische Tanz ist einer der Vorläufer des Tangos. Das lerne ich an Tag drei in Uruguays 1,3-Millionen-Metropole von Federico García Núñez. In Jeans und T-Shirt empfängt er mich. Gut aussehend ist er, der Gewinner der Show-Tango-Meisterschaften von 2022. Und auch der kleine Tanzsaal mit Spiegelwand in der Avenida 18 de Juli, in dem er Tango-Liebhaberinnen rückwärts schreiten, den Achter tanzen oder sich im Wiegeschritt wiegen lässt, ist hübsch. Doch hätte ich mir einen der bedeutendsten uruguayischen Tango-Tänzer und Choreografen unnahbarer vorgestellt, seine Wirkungsstätte pompöser. Immerhin ist García durch Mexiko, Brasilien, Japan und Europa getourt.
Bevor ich in Federicos sanfter Umarmung erste Tanzschritte wagen darf, steht Theorie an. Fede, wie ihn Freunde und Schüler nennen, bringt mir die Ursprünge des Tangos näher, die leidenschaftlich umstritten seien. Zwischen den Nachbarn Argentinien und Uruguay, die sich an einem der größten Flüsse der Welt gegenüberliegen, hat der Zwist schon zu diplomatischen Verwerfungen geführt. Etwa als Argentinien 2000 bei der Olympia-Eröffnung seine Athleten zur „Cumparsita“ einmarschieren ließ. Das wohl berühmteste Tangolied hatte der Uruguayer Gerardo Matos 1916 in Montevideo komponiert. 1997 deklarierte Uruguay es per Gesetz zur „Kultur- und Volkshymne“ des paisito, wie die 3,3 Millionen Einwohner ihr Land nennen.
Die enge Verflechtung der Tango-Geschichte zwischen dem großen Argentinien und dem „kleinen Bruder“ ließe sich gerade an „La Cumparsita“ gut erklären, findet Fede. Zumal Matos das Lied zwar komponiert habe, jedoch als instrumentalen Marsch, und ihm erst der Argentinier Robert Firpo den berühmten Tango-Rhythmus verliehen habe. Das wiederum in „Monte“.
„Die Geburtsstätte des Tangos ist ganz einfach der Río de la Plata“, sagt García diplomatisch. Das Licht der Welt entdeckt habe er im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, als beide Länder Scharen von Einwanderern aus Italien, Spanien, Polen und deutschsprachigen Ländern erreichten. Die vornehmlich männlichen Neubürger brachten nicht nur ihr Heimweh mit, sondern auch Tänze wie den Walzer, die Mazurka, die Polka, den Scottish sowie ihre Instrumente. Allen voran das deutsche Bandoneon, das der Musik melancholischen Schmelz verleiht, die Geige, die fürs Drama sorgt, Klavier und Kontrabass, die Tiefe und Rhythmus beisteuern.
Die Hafenviertel beider Städte, so lese ich in „Tango Danza“, das Hugo Mastrolorenzo geschrieben und García mir geschenkt hat, verwandelten sich in Schmelztiegel, in denen die europäischen Einwanderer auf die Gauchos, die Viehtreiber, trafen. Diese suchten ebenfalls Arbeit in den Metropolen. Afrikanische, kreolische und europäische Lieder und Tänze verschmolzen auf den „Milongas“, öffentlichen Tanzveranstaltungen. Nach und nach entstand aus den offenen Volkstänzen der Tango, wie wir ihn heute kennen: einerseits „tänzerischer Ausdruck des Machismo, bei dem der Mann führt, die Frau folgt“, wie Federico es beschreibt. Andererseits Eleganz in enger Umarmung, bei der sich die Oberkörper der Tanzenden aneinanderschmiegen und die meiste Bewegung aus den Beinen kommt.
„Dieses Erdverbundene ist es, was mich am Tango zuerst fasziniert hat“, erklärt García. „Anders als beim Ballett, wo alle Bewegung nach oben strebt, bleiben die Knie beim Tango halb gebeugt, die Füße streicheln den Boden.“ Wer mag, kann diese gewollte Bodenhaftung als Versuch der ersten Tänzer deuten, in der neuen Heimat Wurzeln zu schlagen. Woher aber kommt das Leidenschaftliche, das dem Tango ebenfalls innewohnt?
Reisen wir noch einmal ins 19. Jahrhundert in die Viertel La Boca und San Telmo in Buenos Aires oder Ciudad Vieja in Montevideo und betreten wir eins der vielen Bordelle. Denn hier wandten die Männer ihre Tanzkünste an, die sie zuvor miteinander trainiert hatten, um mit den Damen auf Tuchfühlung zu gehen – sozusagen als Vorspiel zum eigentlichen Akt. Es wundert nicht, dass der Tango anfangs als derart verrucht galt, dass er Señoritas aus besserem Hause streng verboten war.
Meine eigene Reise führt mich mit der Fähre über den breiten Río de la Plata. In Buenos Aires besuche ich Zoraida Fontclara. „Schließe die Augen“, sagt sie, „und folge mir.“ Ich vertraue ihr und lasse mich blind durch den Tanzsaal führen. Unsere Körper sind in Kontakt, kommunizieren, während ich versuche, meinen Kopf auszuschalten und die Kontrolle abzugeben an die Musik und an Zoraidas Führung. Es ist ein schöner Moment, als ich spüre, dass es mir gelingt. Dass mein Verstand nicht wissen muss, wie ich die Füße setzen soll. Als ich spüre, wohin Zoraida meinen Körper lenkt, der „schon Tango tanzen kann, ohne dass ich davon gewusst hätte“.
So also fühlt sich Tango an. Fernab aller Stereotype von biegsamen Frauenkörpern in hochgeschlitzten Kleidern und hochmütig schauenden Herren mit Gelfrisur. „Tango“, sagt meine Lehrerin, „ist ehrlich, er legt dein inneres Wesen frei, deine Menschlichkeit, und gleichzeitig können sich in ihm zwei Seelen wahrhaftig begegnen. Ich sage immer, ‚um uns kennenzulernen, müssen wir miteinander tanzen‘. Denn der Tango lässt dich alles wissen, alles verstehen. Möchte mein Partner einen Monolog führen, in den Dialog treten? Wie fühlt er sich? Gibt es eine Verbindung?“
Derzeit erfreut sich der Tango weltweit wachsender Beliebtheit. Auch Zoraida gibt Workshops in Deutschland. Besonders freut sie sich aber über die Renaissance, die der Tango in Argentinien selbst erlebt, nachdem er während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 nur im Verborgenen praktiziert werden konnte. Zoraida schwärmt: „Die Jungen erkennen, dass Tango nichts Verstaubtes ist, sondern ein wunderbarer Weg, sich mit sich selbst und dem Gegenüber zu verbinden.“ Susanne Böllert